Archive for the ‘Aktueller Kommentar’ Category

Neue Bücher der Remonstranten im Herbst 2011: Das “Hier und Jetzt” ist nicht das ganze Leben: Und: “Coming Out Churches”

Post date: September 30, 2011

Das Hier und Jetzt ist nicht alles: Warum Christen die Zukunft wieder ernst nehmen sollen… .und warum Homosexuelle in Kirchen selbstverständlich willkommen sind…

Von Christian Modehn

In Deutschland beginnt am 12. Oktober in FRANKFURT die Internationale Buchmesse, bei der selbstverständlich auch niederländische Verlage ihre Neuerscheinungen vorstellen. Auch wenn es bis jetzt noch (leider) keine Bücher von Remonstranten in deutscher Sprache gibt: Wir freuen uns, dass gleich zwei wichtige Bücher von niederländischen Remonstranten zur Buchmesse erscheinen:

Der Theologe und Rotterdamer Remonstranten Pastor Koen Holtzapffel veröffentlicht ein Essay über mögliche Beziehungen der Menschen zur Zukunft, der eigenen, persönlichen Zukunft wie der Zukunft der Menschheit. Der durchaus provozierende Titel des Buches, erschienen in dem angesehenen Meinema Verlag,  ist: „Alleen de hond leeft in het hier en nu“, „Nur der Hund lebt im Hier und Jetzt“.

Auch wenn Holland als „säkularisiert“ und „unkirchlich“ gilt, die Statistiken sprechen ja eine deutliche Sprache, so ist doch das Interesse an Esoterik  und spiritueller „Selbsthilfe“ ungebrochen. „Stopp die Zeit, lebe nur im Hier und Jetzt“, heißt die Empfehlung mancher „Gurus“. D.h: Genieße das Leben. Carpe Diem. Auf der anderen Seite melden sich so genannte Zukunftspropheten zu Wort, die „Millenaristen“, die das Ende der Welt gekommen sehen.

In diesem Kontext bewegen sich die Überlegungen von Koen Holtzapffel. Er hat kürzlich eine theologische Dissertation eingereicht zum Thema „Eschatologie“, also zur Frage, was bedeutet das Ende der Welt? Aber diese Frage wird bei ihm auf die spezielle Theologie der Freisinnigen Christen bezogen. Der Autor sieht, dass die Kirchen immer mehr auf die These eingehen, um nicht zu sagen „reinfallen“, am wichtigsten sei das Hier und Jetzt;  dabei wird der Ausblick in die weite (und bessere) Zukunft der Menschheit ausgeblendet. Der Autor kritisiert  zu recht, dass Erwartung und Hoffen nicht die zentrale Rolle im Glauben heute spielen. Es bildet sich eine Art Wohlfühlreligion im Heute ohne die Leidenschaft, die negative Seite des Hier und Jetzt zu überwinden. Der Rotterdamer Theologe fragt: Warum ist die christliche Hoffnung, die ja Veränderung will, nicht mehr so zentral?

Der Autor unterscheidet zwischen selbst gemachten Zukunfts – Idealen und Utopien und den in einer Einsicht geschenkten Visionen und Träumen. Utopien können gefährlich sein, wenn sie unmittelbar praktisch umgesetzt werden, Visionen sind eher Poesie, eher sanft, aber sehr wirksam als kommunikatives Geschehen.

Der katholische Historiker und Remonstrant Peter Nissen, Nijmegen, nennt dieses Buch „gebildet, ausgewogen und sehr belesen“. Seinem Wunsch schließen wir uns an: „Ich wünsche dem Buch viele Leser, es hat es verdient“.

Auf andere Art mit einer besseren Zukunft befasst sich das von Tom Mikkers angeregte und herausgegebene Buch „Coming Out churches“, so der Titel des in Holland veröffentlichten Buches. Auf Deutsch etwa: Kirchen, die das homosexuelle Coming Out normal finden und unterstützen…

Tom Mikkers ist Allgemeiner Sekretär der Remonstranten, diese Kirche war weltweit die erste, die 1986 homosexuelle Paare kirchlich – gleich welcher Konfession – segnete. Er hat verschiedene  Interviews zum Thema gemacht, sie handeln vom Eintreten für Emanzipation und Freiheit, sie zeigen, dass es Kirchen gibt, die ihrem Namen „christlich“ gerecht werden und natürlich Homosexuelle willkommen heißen. Das Thema ist selbst in Holland noch umstritten, dennoch gibt es dort mehr „coming out churches“ als in Deutschland, also Gemeinden, wo sich homosexuelle Christen als solche angenommen fühlen und sich nicht noch entschuldigen müssen, dass sie schwul oder lesbisch sind.

Das neue Buch von Tom Mikkers ist ein schönes Zeugnis für die offene, nicht nur tolerante, sondern Homosexuelle respektierende Haltung der Remonstranten und anderer Kirchengemeinden.

Das Buch wird am 9. Oktober in der Amsterdamer Remonstranten Kirche präsentiert, dabei sind u.a. Vertreter des COC, des niederländischen Vereins zur Emanzipation Homosexueller.

Auch das Buch „Coming Out Churches“ ist bei Meinema erschienen, es hat 116 Seiten und kostet 14,90 Euro.

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Beide Bücher passen gut zum Jahresthema 2011/ 2012, das die Gespräche der Remonstranten und ihrer FreundInnen inspirieren kann: Dein Reich Komme, eine Bitte, ein Wunsch, eine Utopie, die im Vater Unser schon formuliert ist, das Wort „Reich“  ist ein Symbol für eine Welt, in der Friede und Gerechtigkeit herrschen, modern übersetzt: In dem die immer weiter zu entwickelnden Menschenrechte oberste Prinzipien der Politik, der Wirtschaft, des individuellen Lebens sind.

 

 

Eine lange Nacht der Theologie: Amsterdam kreativ

Vor kurzem wurde in Amsterdam ein besonderes Event gefeiert, an dem auch der Allgemeine Sekretär der Remonstranten Kirche, Tom Mikkers, inspirierend und organisierend dabei war.

 

Kreatives Amsterdam:

Die erste Nacht der Theologie

Von Christian Modehn

Die Amsterdamer lieben die Nacht. Wer hätte das gedacht? Nun haben auch die Theologen aller Konfessionen (!) ihre Liebe zur späten Stunde entdeckt: Sie haben in Amsterdam die „Erste Nacht der Theologie“ Ende Juni gefeiert. Inspiriert wurden sie dabei von den sehr erfolgreichen und längst etablierten „Nächten der Philosophie“ (immer im April!)  und  den „Nächten der Poesie“. Spät am Abend haben auch die Theologen etwas Appetit, und so wurde ihnen in den prächtigen Räumen der Hermitage (einem Museum nahe am Waterlooplein) ein so genanntes Drei Gang Menu serviert. Aber die Liebe zum leiblichen Genuss war doch nicht so wichtig wie die Liebe zur Theologie: Mehr als zweihundert Theologinnen und Theologen aus dem ganzen Land und vor allem aus allen christlichen Konfessionen hatten sich versammelt, auch eher atheistische Gottesleugner waren vereinzelt dabei. Viele Interessierte mussten abgewiesen werden, weil es einfach keinen Platz mehr gab. Das ist erstaunlich in einem Land, das gern als Symbol für die westeuropäische Säkularisierung („Entkirchlichung“) hingestellt wird. Tatsächlich, so wurde auch diesmal deutlich, spielt die Theologie nicht mehr die Rolle wie noch vor 50 Jahren. Theologen wagen heute selten den Schritt in de Öffentlichkeit, heißt es. Aber die versammelten TheologInnen beweisen doch: Die Kreativität ist noch da, man denke etwa an Manuela Kalsky, die Protestantin, die bei den Dominikanern vor allem die multireligiöse Bindung studiert oder an die Bemühungen, die Theologie als kirchenunabhängige Religionswissenschaften des Christentums zu etablieren. Es wurden in der Nacht auch besonders kreative theologische Werke eigens gepriesen und geehrt: Frank Bosmann etwa, der von Tilburg aus als „twitterender und bloggender Theologe“ geehrt wurde oder Marcel Barnard und Gerda van de Haar für ihr Buch „ Die Buch kulturell betrachtet“. Es wurde als das beste theologische Buch von der Jury ausgewählt. Ihre Arbeit bietet eine komplette Übersicht über den Einfluss der Bibel auf die Kunst des 20. Jahrhunderts. Wann erscheint eine deutsche Übersetzung? Einige Stunden, bis über Mitternacht, wurde in der Hermitage” diskutiert…

Auf musikalische Intermezzi wollten die Theologen nicht verzichten, und sie entdeckten ein originelles Orchester, eine Gruppe von musikalisch hochbegabten Obdachlosen. „Echte Theologie liegt auf der Straße und nicht in einem Museum“, sagten sie, kritische Worte, in Holland willkommen, wie überhaupt die theologische Nacht in dieser Melange aus fröhlichem Speisen und leidenschaftlichem Diskutieren, aus Ernst und Ironie ein typisch holländisches Ereignis war. Man kann aus der Ferne in Deutschland nur neidisch feststellen: Ob die Deutschen wohl so etwas einmal hinkriegen?

Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der freisinnigen Remonstranten Kirche, ist einer der Inspiratoren und Organisatoren der Nacht der Theologie, schreibt uns:  „Unsere Nacht der Theologie kennt ähnliche Veranstaltungen, wie die Nacht der Philosophie. Wir haben abends begonnen und das Fest ging bis spät in die Nacht. Die Hermitage ist mehr als ein Museum, sie wird auch genutzt Staatsbankette, zu dem Gebäude komplex gehört auch das Zentrum der Protestantischen Kirche Amsterdams mit seinen Einrichtungen zur Diakonie. Als Hauptthema hatten wir ausgewählt: „Theologie geht über alles“. Das war vielleicht auch eine Provokation. Wir wollen bald überlegen, wie wir im nächsten Jahr weitermachen, vielleicht sollten wir auch die nichtchristlichen Theologien beim nächsten Mal einbeziehen“.

 

Statt Identität die Vielfalt

Post date: Januar 4, 2011

Statt Identitäten:  die Vielfalt (dieser Beitrag wurde am 4.1. 2011 gleichzeitig in www.religionsphilosophischer-salon.de veröffentlicht.

Religionsphilosophische Perspektiven für 2011

Wichtig bleibt für uns als Projekt, den „Geist der Zeit“ bzw. „die Geister der Zeit“  (in ihrem Nebeneinander und Gegeneinander) wahrzunehmen und kritisch zu analysieren. Philosophie schwebt nicht in der Abstraktion, sie hat das Gegebene, auch in den Religionen, zu bedenken und zu kritisieren. Maßstab ist eine sich selbst kritisierende und damit „offene“ Vernunft.

Der schon deutliche Trend bleibt: Die Verkapselung der Individuen und Gesellschaften, der Staaten und Religionen in ihre vermeintliche Identität.

Das zum Teil aggressive Bestehen auf einer fix und fertigen Identität äußert sich im Rechthaben, im Anspruch, „die“ Wahrheit gegenüber den anderen zu haben, Fremde und Fremdes als Gefährdung zu deuten, von Verlustängsten geplagt zu sein, nicht teilen zu wollen, nicht lernen zu wollen von anderen.

Dieser Wahn, um jeden Preis eine angeblich „ewige“ oder „typische“  Identität zu wahren, ist naiv: Denn auch diese Identität ist entstanden, gewachsen, aus verschiedenen Einflüssen gewachsen…

Was die christlichen Kirchen angeht:

- Die Orthodoxie in ihrer Vielfalt zeigt sich heute in Osteuropa als staatstragend. Sie lässt sich als religiöse Ideologie für halbdemokratische Regime missbrauchen. Reformen kommen nicht in Frage, reale Trennung von Staat und Kirche sind tabu. „Die orthodoxe Frömmigkeitskultur trägt zudem kaum dazu bei, ein elementares soziales Vertrauen zu stärken. Zumindest in der Perspektive westlich geprägter Analytiker fördert die Orthodoxie ökonomischen Traditionalismus und quietistische Akzeptanz des Gegebenen“, so der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in „Die Wiederkehr der Götter, 2004, s. 195. Im Gebrauch längst vergangener Sprachen für die göttliche Liturgie wird ohnehin kein Anspruch erhoben, Glauben und Vernunft zu versöhnen

- In der katholischen Kirche ist aufseiten der Kirchenleitung die verbissene Lust an der römischen Identität seit Jahren bekannt und vielfach besprochen worden. Der Papst behauptet nach wie vor, nur der römische Katholizismus sei die wahre Kirche Jesu Christi, die anderen Kirchen „nur“ Gemeinschaften. Mit der trotzdem vom Papst beschworenen Ökumene hat das eigentlich nichts mehr zu tun. Ökumene hat den Charakter des diplomatisch Verpflichteten.

- Im weiten Feld der Evangelischen Kirchen müssen immer viele Nuancen bedacht werden. In den klassischen protestantischen Kirchen, den Lutheranern und Reformierten, ist sicher viel Raum für einen echten Dialog lernbereiter Partner. Andererseits bemühen sich die Landeskirchen (etwa in Deutschland) darum, auf keinen Fall die Evangelikalen, die Ultra Konservativen, zu verlieren, sie sind gute Kirchensteuerzahler.

Die Pfingstkirchen bieten ein klares und eindeutiges „identisches“ Profil des Christlichen. Sie haben damit Erfolg, weil in einer Welt voller Unsicherheiten die krampfhafte Suche nach dem Ewigen und Festen verständlich ist, aber religionsphilosophisch problematisch ist. Kann ein fundamentalistisch wiederholtes Bekenntnis „Sicherheit“ bieten, gibt es Sicherheit ohne kritische Vernunft und kritisches Nachdenken.

Merkwürdig – und aus meiner persönlichen Sicht traurig – ist die Tatsache, dass die Kirchen, die alle Freiheit kritischen Denkens lassen und allen Raum bieten für die kreative Entwicklung der Theologie und Spiritualität, wie die freisinnigen Kirchen, etwa die Remonstranten, zahlenmäßig klein bleiben. Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der Remonstranten in Utrecht, nennt seine Kirche eine „Asylkirche“, also einen Ort, der Raum bietet zum freien Atmen und kritischen Denken. Aber die Menschen suchen lieber ihre fixen Identitäten, als eine Kirche, in der man sich verändern kann und lernen kann. www.remonstranten-berlin.de wird nach wie vor über freisinnigen Glauben heute und damals berichten. Unsere These ist: Philosophierende Menschen haben in freisinnigen Kirchen einen Platz der Versöhnung von Glauben und Vernunft.

Auch in dem Zusammenhang ist ein Dialog über den Zusammenhang von Religion und Vernunft dringend geboten. Der religionsphilosophische Salon www.religionsphilosophischer-salon.de will sich als Basisinitiative diesem Projekt weiterhin verpflichtet fühlen. Die Selbständigkeit des philosophischen Denkens ist dabei selbstverständlich.

Glauben ist kreativ

Post date: Dezember 1, 2010

Die Freiheit der Vielfalt bewahren

Freisinnige protestantische Positionen zu vertreten, ist in einem überwiegend konservativen christlichen Umfeld nicht einfach:

Zum Beispiel:

Problematisch erscheint es,  wie in den letzten Wochen erneut von konservativer christlicher Seite gerade liberale Protestanten herabgesetzt, wenn nicht diffamiert werden. In seinem neuesten Buch vom November 2010 “Licht der Wahrheit” (S. 118ff) weigert sich der Papst, protestantische Kirche tatsächlich ALS Kirchen anzuerkennen. Nur die römische Kirche ist Kirche, meint er, die Orthodoxen sind es vielleicht auch etwas. Frauenordination, Akzeptanz homosexueller Partnerschaften und “dergleichen mehr”, “wie ethische Stellungnahmen”, die (vor allem freisinnige) Protestanten auszeichnen,  nennt der Papst “Komformismen mit dem Geist der Gegenwart”.  Also oberflächliche Anpasserei… Freisinnige Christen halten daran fest, dass sich in den Kulturen der Gegenwart sehr wohl Werte zeigen, die akzeptiert werden können, wie eben die Geichstellung der Frauen und die Akzeptanz homosexueller Partnerschaften…Glaube ist für freisinnige Christen keine Monotonie der Wiederholung angeblich ewiger Wahrheiten. Glauben ist ein kreatives Geschehen, das dem Menschen viel Freiheit lässt…

Zum Beispiel:

Angesichts der Diskussionen innerhalb der protestantischen “Welt” der Niederlande schreiben die beiden Remonstranten Theologen T. Barnard und T. Mikkers Ende November 2010: „Wir glauben absolut nicht mehr dasselbe wie unsere =Väter, also die Initiatoren der Remonstranten, einst=. Noch stärker: Das werden wir auch überhaupt nicht wollen. Unser Glaube steht auch in Verbindung mit unserer Zeit!  Aber ebenso fühlen wir uns sehr verbunden mit den Remonstranten von einst, denn sie verlangten vor allem Raum und Freiheit um zu glauben. Sie standen für eine Kirche, in der verschiedene Standpunkte nebeneinander bestehen können“.

Gottesbilder sind immer relativ

Post date: Oktober 4, 2010

Sind Gottesbilder Bilder von Gott?

Fragen und Überlegungen beim Treffen der Freunde der Remonstranten am 3. Oktober 2010

Ist unsere Beziehung auf die Wirklichkeit nicht zumeist von Bildern geprägt?

Denken wir nicht äußerst häufig in Bildern? Können wir in unserem Umgang mit der Welt auf Bilder verzichten?

Nehmen wir uns selbst, die anderen, die Welt, nicht sehr oft (notwendigerweise) bildhaft wahr? Siehe „Weltbild“ als Begriff.

Wenn das so ist: Warum soll das Sich Beziehen auf eine göttliche, transzendente Wirklichkeit in Bildern dann etwas zu Überwindendes sein? Man denke an das Bilderverbot in der jüdischen Tradition oder in calvinistischen Kreisen.

Was passiert jedoch bei Menschen, die Heiligenbilder (z. B. Maria) oder das Kreuz oder eine Dreifaltigkeits – Ikone  küssen? Sehr verbreitet im Katholizismus und der Orthodoxie. Wollen diese Glaubenden (magisch??) Anteil haben an der heiligen Wirkkraft der Dargestellten?

Wie ist die barocke Bilderflut, die in manchen Barock Kirchen den Menschen erschlägt oder zumindest zu einer permanenten Zerstreuung verleitet, einzuschätzen?

Ist Barock die religiöse Kultur der Ablenkung vom Wesentlichen? Will die barocke Bilderwelt vielleicht sogar das Wesentliche gar nicht freilegen? Ist die Barocke Kultur Herrschaftskultur, im Sinne von:_ „katholische Missionskultur“.

Ist das reformierte Bilderverbot und die Betonung auf dem gesprochenen Wort der Predigt realistisch, wenn man bedenkt: Auch eine gute Predigt, die anschaulich sein will und wohl sein muss, erzeugt Bilder beim einzelnen Hörer. Welcher Unterschied liegt in der Bildererzeugung des einzelnen zur Bildkonfrontation eines Menschen, der in einer Barockkirche sitzt? Wahrscheinlich ist der einzelne Hörer einer bildhaften (reformieren) Predigt persönlich freier in seiner Phantasie.

Wird Gott immer in Bildern erfahren und gedacht? Selbst die Psalmen, die sich gegen den bildhaften Gott wehren,  sagen: Gott ist gerecht und gütig. Wecken solch Gottesprädikate nicht auch wieder Bilder?  Wer in die farblosen (weiß – grauen) Fenster reformierter Kirchen schaut, stellt sich Gott vielleicht farblos vor. Ist das ein persönlicher Gewinn oder ein Verlust?

Wahrscheinlich müssen wir betonen: Wir brauchen immer Gottes – Bilder,  wir machen sie notgedrungen, aber wir dürfen uns an kein festes Gottesbild binden, kein Gottesbild für endgültig und ewig halten. Jedes Gottesbild ist relativ,  das heißt: es wird im Laufe der Lebensgeschichte wieder überwunden und durch ein neues (natürlich lebensmäßig wieder begrenztes) ersetzt.

Also: Ja zu Gottesbildern. Aber bitte alle sehr relativ nehmen.

Relativität ist kein Schimpfwort, schon gar nicht eine Schande, oder Ausdruck des Kulturverfalls, wie Joseph Ratzinger (Benedikt XVI) behauptet: Relativität ist die Rettung: spirituell und menschlich. Tatsächlich, es handelt sich um eine menschliche Rettung, weil die Relativität ALLER BILDER von Fixierungen und Festlegungen befreit. Das Leben kann wieder lebendig sein, kann fließen, für Überraschungen und neue Einsichten offen werden. Wahrscheinlich gehören (heiliger) Geist und Relativität ganz eng zusammen. Und fundamentalistischer Ungeist äußert sich als Macht der Herrscher in ihrem Kampf gegen „Relatives“.

Jesus war ein Religionskritiker.

Post date: Mai 23, 2010

Jesus war ein Religionskritiker. Im Alltag das Heilige entdecken.

Tom Mikkers, der „Allgemeine Sekretär der Remonstranten Kirche“, hielt am Sonntag, 16. Mai 2010, in der Kirche „de Vrijburg“ in Amsterdam, eine bemerkenswerte Predigt. Anlass war ein besonderer Gottesdienst, in dem die Lieder des Song Contests, der Eurovision, im Mittelpunkt standen. Mehr als 400 Teilnehmer waren bei diesem ungewöhnlichen spirituellen Ereignis dabei, als Angebot und Einladung wurde deutlich: Auch in der Populärkultur, auch in den Songs und Liedern des „Eurovision Song Contest“, kommen spirituelle und religiöse Aspekte vor. Sie sollten auch von Kirchen beachtet werden, sie können nämlich hilfreich sein, wenn es auch klar ist, dass viele Lieder banal und kitschig sind.

Tom Mikkers sagte unter anderem:
„Ganz eingefleischte Theologen („hardcore theologen“ im niederländischen Text) könnten sagen: Diese Lieder sind schön, aber das hat mit Kirche oder Christentum nichts zu tun. Andere sagen: Es kann ja sein, dass einige Songfestival – Lieder ein bisschen Friede und ein bisschen Liebe brachten. Aber für die Antworten zu den großen Lebensfragen muss man doch bei dem alten kirchlichen Repertoire sein Heil suchen. All das andere sei nur eine Art Verdünnung der alten Lehre.
Wer das sagt, hat eine Voraussetzung: Es gibt eine große Wahrheit, die ist buchstäblich zu finden in der Bibel, und diese Wahrheit wird genau formuliert von Priestern und Kardinälen. Und wehe dir, wenn du beginnst, dein eigenes Lied zu singen!
In meinen Augen pervertiert der christliche Glaube, wenn er zu einem fest umschriebenen kirchlichen Exklusiv – Programm wird.
Warum? Weil Glauben nichts zu tun hat mit einer Stellungnahme (mit dem „nur so ist es“), sondern mit einem innerlichen Abgestimmtsein auf das eigene Selbst, auf den Mitmenschen und das große Ganze, das wir vielleicht auch, (wenn genaue Begriffe fehlen), Gott nennen.
Jesus war ein Religionskritiker der reinsten Art! Nun ist es ein Gewinn von wahrer Religionskritik, dass sie religiös inspirierte Menschen herausfordert, die Bitterkeit und die Unbarmherzigkeit der harten Wahrheit („nur so und nicht anders“) wirklich anzusehen, aber sie dann auch zu verlassen und aufzugeben! Übrigens ist für mich die Angst vor der Religionskritik vollkommen unbegründet. Denn Religion versteinert nur ohne Kritik.
Jesus hielt nichts von bürokratischen Dogmatikern, die meinten bestimmen zu können, wer etwas taugt und wer nicht. Jesus rief das Establishment zur Ordnung!

Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen, die auf dieser Spur Jesu von Nazareth weiter gehen will, kann nicht machtvolle Verurteilungen vornehmen und an einer festen Ordnung hängen. Nicht das haarscharfe Urteil , sondern das Mitleiden mit jedem, der leidet und stirbt, ist das geistliche Brot, das in der Kirche an alle Menschen ausgeteilt wird…Jesus machte das Heilige wieder zum Alltäglichen, und das Alltägliche wurde für ihn heilig. Jesus bezweifelte in aller Offenheit die religiös korrekten Antworten und Annahmen“.

Für ein freies und tolerantes Christentum

Post date: März 10, 2010

Remonstranten halten ihren “Tag der Beratungen” am Samstag, 13. März in Rotterdam

Einmal im Jahr kommen Remonstranten zu einem “Berdaadsdag”, einem Tag der Gespräche und Diskussionen zusammen. So eine Art “kleiner Kirchentag”. In diesem Jahr steht im Mittelpunkt die Frage: Was bedeutet es heute, wenn die Remonstranten sich für ein freies und tolerantes Christentum einsetzen? Es wird ein Gottesdienst gefeiert, es gibt eine Podiumsdiskussion über die veränderte Rolle der Religion in der Gesellschaft, es gibt diverse Workshops, u.a. auch mit Vertretern des Interkirchlichen Friedensrates/Pax Christi, es wird die Frage diskutiert, welche Verbindungen es gibt zwischen der Theologie des Jacobus Arminius damals und heutigen Auffassungen. “Arminius wollte Raum schaffen für verschieden theologische Auffassungen. Auf dieser Spur sind die Remonstranten weiter gegangen”, heisst es in der Monatszeitschrift der Remonstranten ADREM: “Remonstranten von heute umarmen nicht die Dogmatik, sondern die persönliche Kreativität und bringen sie in Verbindung mit der Bibel”.
Die Tagung findet in der Rotterdamer Remonstrantenkirche statt.

Liberale Protestanten: Im Vatikan nicht geliebt

Post date: Februar 8, 2010

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.Was denken führende Kardinäle heute von “liberalen Protestanten”? Das kann sich jeder Kundige selbst leicht denken, wird aber gelegentlich von Vertretern der römischen Kirche deutlich ausgesprochen. Kardinal Walter Kasper, in Rom für “die Ökumenische Verständigung und den Dialog der getrennten Christen und Kirchen” zuständig, sagte anläßlich des bevorstehenden Lutherjubläums im Jahr 2017:
“Eine Rückbesinnung auf den Glauben des Reformators Martin Luther, der allen heutigen liberalen Tendenzen zutiefst abhold wäre, kann man dem Protestantismus nur wünschen”.
(zit. in Jahrbuch 2008, Lutherdekade 2017, Wittenberg, 2009 (?), S 67).
So wird Luther zum Vorwand genommen, um offenbar antiliberale Tendenzen, fundamentalistische (?) Überzeugungen, zu stützen.
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