Archive for the ‘Spiritualität’ Category

Spiritualität im Februar: Eine Zeit, um zu suchen

Post date: Februar 4, 2012

 

Spirituelle Impulse aus dem Buch Vieren en brevieren zum Monat Februar: Ein Zeugnis für freisinnige, remonstrantische Spiritualität.

Was suchen wir? Halt? Fundamentale Sicherheiten? Bestätigung? Harmonie? Wie alle Generationen vor uns suchen wir nach Antworten auf die großen Lebensfragen. Wer bin ich? Was tu ich hier? „Is this all there is?

Die richtigen Antworten zu finden ist nicht selbstverständlich. Aber vielleicht ist es auch wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen! Denn jeder Mensch muss für sich selbst immer wieder seine eigenen Antworten finden und wieder finden.

Aber was ist, wenn wir auch nach einem langen Weg des Suchens nichts finden? Ist dann unser Suchen sinnlos gewesen? Das Leben selbst ohne Sinn? Oder ist es möglich, das Suchen selbst wichtiger zu finden als das Finden? Den Weg wichtiger als das Ziel? Die Fragezeichen viel sagender zu finden als die Ausrufungszeichen?

Suchen nach dem Alten, Vertrauten, nach dem, was ich kenne, das ist Fragen nach dem bekannten Weg.

Aber Suchen nach dem Unbekannten, nach dem Überraschenden, nach dem Nicht  – Gedachten und Nicht -Üblichen , das öffnet neue Wege. Solches Suchen erfordert kühnen Mut.

Die Suchbewegung nach dem eigenen Platz in der Welt, nach unserer persönlicher Verantwortlichkeit im täglichen Leben und in der Gesellschaft, setzt eins voraus: Das kritische Suchen nach uns selbst.

In der Bibel lernen wir die suchende Menschen kennen. Sie suchen nach einer neuen Zukunft, nach dem verborgenen Gott, nach Gerechtigkeit und Friede, sie suchen nach dem „Reich Gottes“. Dabei heißt Gott ein „leuchtendes Zeichen“, das uns den Weg weist.

Spuren suchend in der Bibel, finden wir Erzählungen über Sackgassen und  sichere Erzählungen, die eine Sicherheit geben: „Wer sucht, wird endlich auch finden“.

Liegt hierin nicht der größte Wert im Suchen selbst? Oder vielleicht selbst in dem „Gefunden- Werden“.

Zur biblischen Meditation:

Matthäus, 7, 1-12

Jesaja, 55, 1- 6

Lukas, 15. 3-10.

Weitere meditative Texte und Gebete finden sich in dem schon mehrfach von mir empfohlenen Buch: „Vieren en Brevieren“. Meinema Verlag, 2009. ISBN 978 90 211 4238 8

Übersetzung : Christian Modehn.

Copyright: meinema.

 

Januar: Eine Zeit, sich auf die Zukunft einzustellen

Post date: Januar 3, 2012

Spiritualität im Januar: Eine Zeit, sich auf die Zukunft einzustellen

Vorbemerkung von Christian Modehn:

Die spirituelle Besinnung der Remonstranten, noch einmal soll es hier gesagt werden, lebt von der kritischen, der vernünftigen Reflexion. Philosophisches Denken, philosophierendes Nach – denken, bestimmen darum immer auch das besondere spirituelle Profil eines Monats. Das wird am Beispiel des Monats Januar besonders deutlich; wieder einmal zeigt sich, dass sich jeder und jede auf diese Besinnung einlassen kann, mehr noch: Jeder und jede kann solche Besinnung aus sich selbst entwickeln. Das könnte ja auch zeitgemäße Spiritualität sein: In sich selbst schauen, fühlen und denken, was in einem selbst lebt und dies mit anderen besprechen. Und – ja, auch das – , aus dieser Erkenntnis Orientierung und Lebensfreude gewinnen.  Eine „rationale Spiritualität“ hat dann sozusagen „ganzheitliche“ Auswirkungen. Kein enthusiastisch, charismatisch und wie auch immer „beschwingt“ – oder traditionell Glaubender kann diese rationale Spiritualität klein reden… Auch sie lebt von der Konfrontation mit biblischen Texten, die ebenfalls als Einladung zum Nachdenken wahrgenommen werden.

Christiane Berckvens – Stevelinck und Sytze de Vrie schreiben in ihrem Buch „Vieren en Brevieren“ (Meinema Verlag, 2009) auf den Seiten 200 ff. über die Spiritualität des Monats Januar u.a. die folgenden Zeilen; dass es sich dabei nie um „Dogmen“ oder gar „absolute Wahrheiten“ handelt, sondern um Vorschläge und Einladungen zu weiterem Denken, versteht sich für Remonstranten von selbst.

„Am Ende eines Jahres nehmen wir Abschied von dem, was war, um uns auszurichten, auf das, was kommt, was aufgebaut werden muss. Aber längst nicht alles aus dem vergangenen Jahr verlief „wunschgemäß“. Darum beginnen wir ja auch ein neues Jahr mit guten Vorsätzen. Denn wir stehen sozusagen immer auf den „Schultern der Vergangenheit“. Wenn wir uns auf die Zukunft ausrichten, ist es wichtig, zuerst die Vergangenheit anzunehmen, um daraus unser Heute zu gestalten.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind unauflösbar mit einander verbunden. Denn in der Vergangenheit finden wir vieles, das das Heute erklären kann. Darin liegen auch die „Keime“ für morgen.

Dabei wird auch jedes Heute wieder zur Vergangenheit. Beide, Vergangenheit und Zukunft, halten die lebendige Gegenwart an seiner Stelle. Darin findet das Heute sein Gleichgewicht und seine Harmonie.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht allein, sozusagen isoliert, verfügbar. Wer nur zurückblickt und in der Vergangenheit lebt, erlebt die Gegenwart nicht mehr in ihrer vollen Bedeutung. Aber auch nur im Blick auf die Zukunft zu leben,  ist eine Illusion und missachtet die Bedeutung der Gegenwart, was hier und heute geschieht. Und wer nur im Jetzt lebt, befreit das Leben von seinen Wurzeln und dem Blick nach vorn.

In der Bibel wird die fortdauernde Wechselwirkung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft deutlich sichtbar. Alte Erzählungen überliefern die Lebenserfahrungen von Menschen aus Fleisch und Blut, die bisweilen viel und manchmal nichts aus der Vergangenheit lernten und dadurch auch ihre Zukunft  verspielten. Der wahre biblische Weg bewegt sich beständig zwischen dem Denken an die Vergangenheit und der Erwartung der Zukunft“.

Zur biblischen Besinnung in dem Zusammenhang empfehlen die Autoren:

Aus dem Buch Josua,   4, 1-17

Aus dem Buch Jesaja,  9, 1 16

Aus dem Matthäus Evangelium, 14, 24 – 33

Zur Aktualität der liberalen Theologie. Perspektiven von Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Post date: Dezember 18, 2011

Zur Aktualität der liberalen Theologie

Perspektiven anlässlich einer Begegnung mit Remonstranten in Berlin am 5. 11.2011

Von Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin

Bedeutung und Aktualität der „liberalen Theologie“ sind für mich deutlich auf die säkulare Situation einer Stadt wie Berlin oder anderer Großstädte in Europa und Amerika bezogen. Dort haben die  Kirchen Mühe, ihre Mitglieder an die Kirche zu binden.

Andererseits bekommen die Menschen von heute die Religion nicht aus dem Blick. Es ist ein Bedürfnis da nach letzter Vergewisserung des Lebenssinns, auch an den Bruchstellen des Lebens, in Krisensituationen z.B.  Aber nicht nur dort. Es ist vielmehr ein Verlangen da, das Leben gesteigert zu erfahren, etwa in der so genannten Eventkultur. Aber auch die Präsenz religiöser Themen in den Medien ist deutlich, etwa in den Talkshows. Also, dass es mit der Religion bergab ginge, so lautet ja eine Interpretation unserer säkularen Gesellschaft, das ist für mich nicht zutreffend. Es gibt sicher einen Resonanzverlust des kirchlichen Christentums, vor allem in der Reformierten Kirche oder der Lutherischen Kirche, und derer, die man in den USA „main line churches“ nennt.

Aber dieser Resonanzverlust der Kirchen liegt daran, dass dort eine Sprache gesprochen wird, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Da ist der Glaube in Formeln eingepackt, die nur Insidern noch zugänglich sind. Der große Sozialphilosoph Niklas Luhmann hat das einmal „Gruppensemantik“ genannt, die in den Kirchen gesprochen wird.

Für „liberale Theologie“ ist also eine Unterscheidung wichtig: Es gibt  einerseits das religiöse Interesse bzw. es gibt Religion im christlichen Gesamtkontext. Und andererseits gibt es die Art, wie in Predigten, Theologien, kirchlichen Texten usw. darüber gesprochen wird. Dort wird der Glaube immer noch mit der Anerkennung bestimmter Glaubenslehren und Bekenntnissätzen gleichgesetzt.

Die „liberale Theologie“ meint: Dieser Glaubensausdruck ist nicht vorgeschrieben, er ist nicht durch Bibel und Bekenntnis vorgeschrieben, sondern der Glaubensausdruck muss in einer bestimmten Zeit und im Blick auf die eigene Person immer wieder neu gefunden werden. Jeder hat die Freiheit, wie er seinen Glauben ausdrückt und welche Konsequenzen er daraus in seiner Lebenspraxis zieht. Nicht auf das autoritativ Vorgegebene kommt es an, sondern auf die persönliche Entscheidungsfreiheit des einzelnen.

Ich muss als liberaler Theologie nicht glauben, was die Kirche zu glauben von mir verlangt, sondern das jenige, wovon ich selber persönlich überzeugt bin. Das ist der Grundsatz liberaler Theologie.

Glaube ist eine persönliche Angelegenheit eines jeden Menschen.

Und die Kirche? Sie ist  im Grunde nur dazu da, dass wir über diesen Glauben miteinander ins Gespräch kommen, dass wir ihn nicht allein leben, dass wir andere als Gesprächspartner haben über das, was uns allen persönlich wichtig ist, wenn es um Gott geht, wenn es darum geht, woran wir uns in letzter Instanz orientieren. Die Kirche ist eine Kommunikationsgemeinschaft des Glaubens. Sie ist dem Glauben der einzelnen nicht vor geordnet, sondern die Kirche folgt aus der Tatsache, dass der Glaube den einzelnen so wichtig ist, dass sie mit den anderen darüber sprechen möchten und ihn feiern wollen. Da wird nichts von oben und anderswoher vorgeschrieben.

Wenn Diskussionen entstehen und nach Kriterien gefragt wird, dann sind die Kriterien nicht dogmatischer Natur, sondern es sind eher ethische Kriterien des Umgangs mit einander; es sind Kriterien, wo die Frage aufbricht: Gibt es auch destruktive Glaubensüberzeugungen, solche, die den Menschen menschlich nicht gut tun, etwa, wenn sie an den Teufel glauben oder an böse Mächte, von denen sie dann befallen sein können.

Für liberale Theologie ist auch die Kultur ganz wichtig: Denn persönlicher Glaube kann überall dort entstehen, wo ich Erfahrungen mache, die eine tiefe Resonanz in mir auslösen, wo ich mich angesprochen finde gegenüber dem, was in meinem Leben wichtig ist, wo Sinn – Perspektiven erschlossen werden. Das kann die Erfahrung in einem Konzert sein, so, dass ich merke: Ich bin Teil eines größeren Ganzen, da entstehen Resonanzen in mir, die mich sehr tief mein Dasein in dieser Welt spüren lassen; da erfahre ich das, was der Theologe  Friedrich Schleiermacher das Universum genannt hat, also die alles bestimmenden Wirklichkeit, die wir dann Gott nennen, die Erfahrung also, dass wir uns aufgehoben fühlen in einem großen Ganzen.

Diese Erfahrung kann sich auch beim Hören einer Symphonie von Mahler ereignen, die ein solches Empfinden in mir weckt, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht, dass es eine Dimension der Transzendenz gibt, von der wir uns getragen wissen können. Diese Erfahrung kann in der bildenden Kunst geschehen oder auch im Kino, wo ich spüre: Diese Geschichte geht auch mich an.

Darum noch einmal: Alle Lehren über Glaubenssätze sind sekundär gegenüber dem – eben nur angedeuteten – Erlebten, das ist Kern liberaler Theologie. Mit der religiösen Erfahrung fängt die Religion an, also mit der Erfahrung, dass ich einer umfassenden Wirklichkeit zugehöre, einem größeren Ganzen, das mich im Leben trägt. Da spüre ich mich lebendig, wenn ich schwierige Erfahrungen zu verarbeiten habe usw. Also diese Dimension einer inneren Gewissheit, ist zentral.

Das religiöse Erleben ist immer das primäre, welche Sprache dann gefunden wird, ist sekundär. Allerdings meine ich, dass liberale Kirchen in ihren Gottesdiensten nicht so berücksichtigen, was andere Glaubensgemeinschaften praktizieren, nämlich eine Form der Emotionalität. Es geht nicht nur darum, über den Glauben zu „räsonieren“. Wir sollten auch in gewisser Weise „Erlebnis“ bieten im Gottesdienst, wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir bereit sein anzuerkennen, dass junge Leute heute im Pop Konzert das finden, was früher in der Religion oder in der Kirche gefunden wurde.

Für liberale Theologie kommt es nicht in Frage, den Religionsbegriff zu verengen, man neigt ja oft dazu, den Religionsbegriff abhängig zu machen von bestimmten Glaubensinhalten. So dass man sagt: Jemand ist gläubig, wenn er zur Kirche geht und bestimmte Dogmen glaubt. Wir vertreten ein weites Verständnis von Religion: Es ist das Berührtwerden von einer Dimension des Unbedingten in der Kultur. Liberale Kirchen nehmen deswegen Abstand von eher fundamentalistischen Theologien und Kirchen, die ja noch stark am Paradigma der Mission festhalten, also der Bekehrung der Menschen hin zur vorgegebenen Überzeugung der eigenen Kirche.  Wir als liberale Theologen gehen hingegen nicht davon aus, dass die Menschen erst zum Glauben kommen müssen, wie es das Missionsparadigma vorsieht. Als liberale Theologen setzen wir voraus: Da ist immer schon eine religiöse Erfahrung in den Menschen, da ist immer schon eine Erfahrung mit dem Unendlichen, diese haben die Leute längst gemacht. Jeder hat seine eigenen religiösen Gedanken, im religionsleeren Raum lebt keiner hier zulande, in den Gebieten der ehemaligen DDR ist das vielleicht anders, das ist ein eigenes Thema.

Liberale Theologie unterstreicht: Die Menschen haben bereits ihren Glauben. Die Kirche wird aber deswegen nicht überflüssig, wir brauchen Orte, wo man das Erlebte miteinander gestalten kann, wo man etwa an den großen Stationen des Lebens religiöse Feiern gestaltet, etwa bei der Geburt oder bei der Trauung. Wer sich den Menschen religiös zuwendet, redet so, dass die Menschen auf ihre Art Glaubende sind. Ich mache ihnen bewusst, was sie glauben, biete ihnen Vorschläge an, das Erfahrene sprachlich auszudrücken.

Ich bin sozusagen die „Hebamme“ für die anderen, den eigenen Glauben auszudrücken.

Auch das Beten kann dann neu verstanden werden: Beten heißt, dass ich mich ausspreche, sage, was mich zutiefst bewegt, und zwar in letzter Hinsicht, bezogen auf die Transzendenz, auf Gott. Im Beten geschieht eine gesteigerte Form der Selbstreflexion, ich verstehe mich dann im Horizont des Unbedingten, spreche mich aus. Ich brauche das als religiöser Mensch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Dezember: Eine Zeit, um zu hoffen.

Post date: Dezember 4, 2011

Spirituelle Anregung für den Dezember

„Eine Zeit, um zu hoffen…“

Bis zum 21. Dezember werden die Tagen immer kürzer und die Welt wird immer dunkler…Aber mit der Sonnenwende beginnt eine neue Saison…Die kirchliche Tradition hat diesen Rhythmus der Natur verbunden mit der Ankunft des „Lichts der Welt“, der aufgehenden Sonne, als die Christus gedeutet wurde. Wenn wir im Advent eine Kerze nach der anderen anzünden, dann meinen wir, dass zu Weihnachten das Licht wieder vollständig scheinen wird.

Hoffnung, an sich, ist ein leerer Begriff. Wir können nur hoffen auf „etwas“. Was ist die Aussicht meiner Hoffnung?

Menschen sind meist für die Hoffnung eingenommen. Sie bezeichnet ihren Willen zu überleben, beschreibt das Bedürfnis, sich der Zukunft zu stellen. „Hoffnung ist nur Treibsand“, schreibt hingegen der „Erzpessimist“ Gerrit Komrij.  Ob die Hoffnung reell ist, beweist sich eben erst danach…

Die Bibel lebt von einer Aura der Hoffnung. Im Alten Testament  geht es um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die Abraham umtreibt, ein Volk wird dann durch die Wüste geführt und in der aussichtslosen Verbannung zeigen sich neue Perspektiven. Dann sind es auch prophetische Stimmen, die die Vision eines neuen Jerusalem, eines neuen Zuhauses, erzählen.

Im Neuen Testament konzentriert sich diese Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle Menschen. Es handelt sich um das „Königreich“ von Friede und Gerechtigkeit. Hoffnung könnte man de Zwillingsschwester des Glaubens nennen. Darum richtet sich die Hoffnung auf Gott. Hoffnung ist eine Aktivität, sie ist eine Tat, eine Lebenshaltung, in der Sehnsucht, Vertrauen und Geduld die wichtigsten Übungen sind.

Zur Meditation empfehlen wir:

1. Korinter Brief 12, 31 – 13, 13

Lukas 1, 26 – 33

Lukas 1, 46- 55.

Entnommen dem Buch „Vieren en Brevieren“. S 188 f.

November: Eine Zeit des Gedenkens

Post date: November 2, 2011

Zur Spiritualität des Monats November: Eine Zeit des Gedenkens…

An Allerheiligen und Allerseelen oder auch am letzten Sonntag im Kirchenjahr (dem „Ewigkeitssonntag“) bietet die kirchliche Tradition die Möglichkeit, der Toten zu gedenken… Auch die Natur zeigt ihre Sterblichkeit und geht “under cover“. Das bestimmt auch unsere Gedanken an die Liebe, die einmal gewesen sind, und die, auch in anderer Form, noch immer bestehen bleibt.

In unserem Gedenken beziehen wir uns auch auf die Toten, die schon vergessen sind und die nicht mehr mit ihrem Namen genannt werden. Sie stehen geschrieben, poetisch ausgedrückt, „auf der Handfläche Seiner (Gottes) Hand“. Er erbarmt sich ihrer, wer auch immer sie waren…

Unser ganzes Leben steht im Zeichen des Gedenkens. Auf den Geburtsurkunden stehen die Namen die Namen der Eltern. Auf den Todesanzeigen meist die Namen der Kinder und Enkel. Wir halten unsere Geliebten im Gedächtnis, immer wenn wir ihre Namen noch nennen. Denn an wessen Namen man sich noch immer mit Liebe erinnert, der bleibt anwesend.

Zur Meditation biblischer Texte wird vorgeschlagen:

Jesaja 49, 8 – 16

Psalm 105, 1 – 19

Lukas 22,  14-20.

 

Wie in den anderen Beiträgen dieser Rubrik ist dieser Text eine Übersetzung aus dem empfehlenswerten Buch: “Vieren en Brevieren”, Meinema Verlag, 2009, s. 184 f.  Die Autorin Christiane Berckvens – Stevelinck ist Pastorin der Remonstranten Kirche; Sytze de Vries ist Reformierter Theologe.

OKTOBER: Eine Zeit, um mit Steinen zu bauen

Post date: Oktober 2, 2011

Warum kann nicht auch der jeweilige Monat unter einem spirituellen Motto stehen und zu Denken und Besinnung anregen? Christiane Berckvens – Stevelinck und Sytze de Vries machen in ihrem Buch „Vieren und Brevieren“ (Meinema Verlag) entsprechende Vorschläge. (Übersetzung Christian Modehn)

Oktober: Eine Zeit, um mit Steinen zu bauen

Solange es Erinnerungen an die Geschichte der  Menschheit gibt, werden Steine aufeinander gesetzt. Natursteine, die übereinander gefügt werden als Erinnerungszeichen; leicht behauene Steine, die besser zu einander passen und leicht stehen; schon geformte Bausteine, die mit Zement aneinander befestigt sind. Dann gibt es klare und feste Baustrukturen, die aneinander befestigt werden.

Einfach oder kompliziert: Der Mensch ist der Architekt seines Lebensraumes und auch seines eigenen „geistlichen Hauses“.

Steine aufeinander stellen kann dann auch im übertragenen Sinne verstanden werden. Unser „geistliches Haus“ besteht aus Bausteinen, die aus unserer eigenen Tradition stammen oder aus der Traditionen anderer Menschen. Es sind Steine, die wir sammeln oder geschenkt bekommen und dann zusammenfügen zu einen bewohnbaren Ganzen.

Die Bibel spricht dauernd über Bausteine, deren Qualität und Gebrauch oder Missbrauch. Man kann sein Haus bauen auf einen Felsen oder auf Sand. Man kann Christus als sein Fundament wählen oder auch nach einer Stadt verlangen, in der Gott selbst der Architekt und Baumeister ist. Wir können lebendige Steine sein, sozusagen Mittel, durch das ein Haus, ein Tempel, eine Wohnung für Gott unter den Menschen gebaut wird.

Bibeltexte zum Meditieren:

Genesis, 11, 1- 9

Psalm 118, 22  29

Markus 13, 1-2

Spiritualität in Berlin – eine gut besuchte Veranstaltung

Posted in Spiritualität
Post date: September 17, 2011

Spiritualität in Berlin – die erste Zusammenkunft: Ein erster Erfolg

17. Sep 2011 | von CM

Welche Spiritualität braucht Berlin?

Das Gespräch über „Spiritualität in Berlin“ im Radialsystem, AGORA, am Mittwoch, den 14. September 2011, war sehr gut besucht: Mehr 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei. Wir werden auf diese Veranstaltung noch ausführlicher zurückkommen und ankündigen, in welcher Form dieser offene Austausch von Menschen unterschiedlicher Spiritualität und von verschiedenen „spirituellen Basisinitiativen“ fortgesetzt wird.

 

Ursula Richard, Autorin des Buches „Stille in der Stadt“, und eine Initiatorin des Treffens, plädierte dafür, dass wir in Berlin mehr Orte der Stille brauchen. Ohne Stille kann es keine innere Sammlung und damit keine spirituelle Entwicklung geben. In der gemeinsam erlebten Stille können sich unterschiedliche Menschen näher kommen. Auf das neue Buch der Verlegerin Ursula Richard haben wir auf dieser website schon empfehlend hingewiesen.

 

In- Sun Kim, Leiterin des interrreligiösen Hospizes Berlin, betonte: Mitgefühl ist die Basis für eine allen Menschen zugewandte Spiritualität. Dieses Mitgefühl kann eingeübt, gelernt, gepflegt werden. Ohne Mitgefühl kann es keine Kultur in der Stadt geben. Frau Kim Sie forderte erneut, dass die vielen Menschen aus asiatischen Kulturen ein eigenes großes „Haus des Abschieds“ brauchen. Die Trauerriten der meisten Asiaten verlangen nach längeren Totenwachen, nach großen Räumen, in denen sich Freunde und Angehörige der Verstorbenen treffen können. Sponsoren für ein „interreligiöses Abschiedshaus“ werden dringend gesucht. Wer sich dafür einsetzt, fördert ein Modell – Projekt! Frau Kim erinnerte daran, dass die etwa 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Hospizes selbst viel über Leben und Sterben und Tod gelernt haben. “Hospizausbildung” kann eine Schule des Abschieds sein…

 

Dr. Wilfried Reuter vom Lotus Vihara Zentrum in Berlin-Mitte (Neue Blumenstr. 5) zeigte, dass von der Basis aus in Privatinitiative ein wichtiges und wegweisendes Meditationszentrum aufgebaut werden konnte, ein Haus, das vielen Menschen auch Lebensorientierung in Krisenzeiten bietet. Dr. Reuter, Frauenarzt in Kreuzberg, forderte die Gründung eines Krankenhaus in buddhistischem Geist.

 

Christian Modehn vom Religionsphilosophischen Salon und Initiator von “Remonstranten in Berlin” meinte, dass eigentlich jeder Mensch als „Wesen der Vernunft, also des Geistes“, bereits seine eigene, ganz persönliche Spiritualität immer schon lebt und praktiziert; oft hat der einzelne darüber noch kein deutliches Wissen. Diese immer schn gelebte eigene Spiritualität kritisch zu befragen, ist die entscheidende Aufgabe. Aber es gibt auch eine Form der Ermunterung zur eigenen Spiritualität, die das Leben begleitet und orientiert. Denn jeder hat seinen oft noch ungewussten Mittelpunkt im Leben, dem alles Interesse gilt, alle „Opfer“ gebracht werden, wenn etwa in der Kultur, Film Musik, Kunst, „Unbedingtes“ erlebt wird. Christian Modehn wies darauf hin, dass Spiritualität heute ein „Marktbegriff“ geworden ist, damit wird – oft von selbst ernannten Meistern – viel Geld verdient. Nicht überall, wo Spiritualität drauf steht, ist auch wirklich Geistvolles, kritisch Inspirierendes und Belebendes, also wirkliche Spirituaität, drin.

Viele Teilnehmer wünschten, dass diese offenen Debatten ohne konfessionelle Bindung und ohne dogmatische Voraussetzungen weitergeführt werden soll.

Berlin ist eine spirituelle Stadt (nicht mehr eine kirchenfromme und in dem Sinne auch keine religiöse Stadt), aber der Geist, spiritus auf Lateinisch, ist da, er belebt die Vernunft und …. auch das Herz.

 

 

September: Eine Zeit, um Frieden zu stiften

Post date: September 3, 2011

Spiritualität im Monat September:

„Eine Zeit, um Frieden zu stiften“

In dem Buch „Vieren en brevieren“ (Meinema, 2009) bieten Christiane Berckvens – Stevelinck (Remonstranten Pfarrerin) und Sytze de Vries (Reformierter Pfarrer) auch Vorschläge, das besondere Profil eines jeden Monats zu bedenken. Für den Monat September schlagen sie das Thema Friede vor:

Was ist Friede? Bloß eine sanfte Zeit zwischen zwei Kriegen?  Eine für kurze Zeit geltende Form des Gleichgewichts der Macht zwischen entgegen gesetzten Interessen? Oder eine von Dauer geprägte Lebensweise, die Mensch und Natur respektiert in der eigenen Qualität? Friede ist eine Bedingung, wollen Menschen in ihrer Existenz nicht bedroht werden, sondern zu ihrem Recht kommen.

Friede muss oft auch „erkämpft“ werden. Aber wie darf dieser Streit aussehen? Und was sind die Eigenschaften eines wahren Friedensstifters?

In den Kirchen wünschen wir uns einander den Frieden Christi, oder den Frieden von Gott, der allen Verstand übersteigt. Ist der innerliche Friede, dieses nicht länger in Streit sein mit uns selbst, nicht auch eine Bedingung, um Frieden unter den Menschen zu stiften?

Die Bibel spricht von Frieden mit dem sehr bedeutsamen Wort shalom, das meint Ganzheit, Heilsein. Dabei handelt es sich um eine menschliche Bestimmung im ganzen, nicht bloß um eine zeitlich begrenzte Phase. Mehrere Propheten beschreiben shalom wie eine Idealbild: „Ruhe rundum und Frieden auf allen Seiten, jeder Mensch unter seinem Weinstock und Feigenbaum“. Der Friede von Gott ist untrennbar verbunden mit dem wechselseitigen Frieden unter den Menschen.

Zur Bibellektüre zum Monatsthema:

Genesis, 9, 8 – 17

Jesaja 54, 9 – 14

Johannes, 14, 27 und Lukas 10, 1- 6.

August: Eine Zeit der Ernte

Post date: August 3, 2011

August: Eine Zeit der Ernte

Die Ernte ist die schönste Zeit des Jahres auf dem „platten Land“. Jetzt muss sich zeigen, ob alle Plackerei sinnvoll oder vergebens war. …Die Ernte kann gut, schlecht oder mittelmäßig sein, das hängt von vielen Faktoren ab, die auch außerhalb der Zuständigkeit des Bauern liegen.

Aber Ernten ist eine kräftige Metapher für das Einholen der Resultate der eigenen Arbeit. Die Frage ist, was man mit der eingeholten Ernte dann macht: Bewahrt jeder für sich seine eigenen Vorräte? Geben wir anderen daran Anteil? Und warum sollten wir das tun?

Zum Ernten gehört das Feste feiern. Erntefeste haben einen überschwänglichen Charakter. Die Anstrengung vieler formt Gemeinschaft: “Das haben wir gemeinsam geschafft“.

Der ursprünglich auf das Landleben bezogene Charakter der Bibel bietet eine große Menge Erzählungen, vor allem auch prophetische Visionen oder Gleichnisse, in denen das Thema Ernte zentral ist. Das Bild von der Ernte wird auf Individuen bezogen, aber auch in einem universellen Sinn verwendet. So berichtet Jesus von einem Mann, der seine Scheunen voll gefüllt hatte und sich für reich hielt, aber am folgenden Tag starb. Es ist aber auch die Rede von Gott, der alle Völker versammelt wie in einer “Ernte” und dabei die Spreu vom Getreidekorn trennt.

Texte aus der Bibel:

Deuteronomium, 16, 13 – 15.

Leviticus, 23, 21- 22

Matthäus, 9, 35 38.

-In dem Buch “Vieren en Brevieren” bieten Christiane Berckvens – Stevelinck (Remonstranten Pastorin) und Sytze de Vries (Reformierter Pastor) Hinweise für eine mögliche Spiritualität eines jeden Monats, als Impuls, das besondere “Profil” der jeweiligen Jahreszeiten besser wahr – zu nehmen. Als Anregung zum “spirituellen Philosophieren”…

JULI: Eine Zeit, um zu tanzen

Post date: Juni 30, 2011


Eine spirituelle Anregung für den Monat Juli

 

-In dem Buch “Vieren en Brevieren” bieten Christiane Berckvens – Stevelinck (Remonstranten Pastorin) und Sytze de Vries (Reformierter Pastor) Hinweise für eine mögliche Spiritualität eines jeden Monats, als Impuls, das besondere “Profil” der jeweiligen Jahreszeiten besser wahr – zu nehmen. Auch eine Anregung zum “spirituellen Philosophieren”…-

Tanzen ist etwas anderes als rhythmische Bewegung. Tanzen ist Einswerden mit der Musik, der Musik freies Spiel geben im Körper. Zwischen Klang und Bewegung entsteht ein wunderbarer Zusammenhang. Die Bewegungen passen, „reimen sich“, vor allem, wenn man gemeinsam, in der Gruppe, tanzt. Eine Gruppe beginnt, wenn zwei Menschen zusammen sind. Die Tanzbewegungen sagen die Gefühle der Tänzer aus und sagen mehr aus als Worte.
Das biblische Buch „Prediger“ stellt das Tanzen dem Weinen gegenüber. Es gibt eine Zeit zum Tanzen, eine andere Zeit zum Weinen. Andere Texte stellen das Tanzen der Trauer gegenüber.
In den biblischen Erzählungen wird feierlich und überschwänglich getanzt. Meist, um Menschen zu begrüßen (im Reigen) oder um Gott zu ehren. So tanzt Mirjam mit den Frauen nach dem Durchzug durch das Rote Meer.

Texte der Bibel:
2 Samuel 6, 1 – 15; 13-15.  „David und ganz Israel tanzten vor dem Herrn mit aller Macht im Reigen…“

Matthäus 11, 16 – 19  „Wir haben aufgespielt und ihr wolltet nicht tanzen…“

Psalm 30, 11 13.  „Du hast meine Klage verwandelt in einen Reigen…“

 

 

 

 

 

Eine Zeit, um zu lachen. Spiritualität im Juni

Im Juni: Eine Zeit, um zu lachen

In dem Buch “Vieren en Brevieren” bieten Christiane Berckvens – Stevelinck (Remonstranten Pastorin) und Sytze de Vries (Reformierter Pastor) Hinweise für eine Spiritualität eines jeden Monats, als Impuls, das besondere “Profil” der jeweiligen Jahreszeiten besser wahr – zu nehmen. Als Anregung zum “spirituellen Philosophieren”…

Warum lassen wir uns vom Lachen eines Kindes berühren? Weil es ehrlich und aufrichtig ist und reine Freude ausstrahlt. Es ist schallendes Gelächter wie auch innere Freude. Aber immer ist Lachen der körperliche Ausdruck für das, was in mir lebt.

Es ist eine leibliche Antwort auf eine Situation, in der wir uns äußerst glücklich fühlen. Lachen ist aber auch ein Zeichen, um dem anderen Sicherheit zu geben. Lachen kann auch weniger unschuldig erscheinen. Auslachen zum Beispiel ist keine Äußerung von Freude, sondern von Schadenfreude. Es ist ein so genanntes Vergnügen auf Kosten des anderen.

Im Buch Prediger (in der Bibel) heißt es: „Es gibt eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen“. Damit ist gemeint: Lachen ist Ausdruck innerlicher Freude, das Vergnügen einander zu genießen. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Lachende Menschen trachten einander nicht nach dem Leben. Heiterkeit verbrüdert.

Wo lachen wir? Mit wem und warum? Kann man Lachen organisieren? Wird heute zu wenig gelacht? Bei der Arbeit, in der Gesellschaft, in der Kirche?

Können wir auch über uns selbst lachen? Das könnte die größte Form von kritischem Selbstbewusstsein und der Relativierung des eigenen Selbst sei!

Mystiker sprechen regelmäßig von der inneren Freude. Sie wird deren „innerer Meister“, wenn sie sich ganz nahe bei Gott fühlen.

Spirituelle Vertiefung ist eine ernstzunehmende Angelegenheit. Aber wenn sie nicht zu innerlicher Freude führt, wozu ist sie dann gut?

Lachen hat Voraussetzungen: Heiterkeit, Offenheit, Aufmerksamkeit und Humor. Offenheit für das, was uns unterwegs begegnet; Aufmerksamkeit für die Menschen, mit denen wir zu tun haben und Humor, um verwickelte Situationen zu bestehen.

Lachen gehört zu einer munteren und heiteren Spiritualität. Kann man Lachen lernen?

Es scheint, dass in der Bibel wenig gelacht wird. Da liegt eher der Akzent auf der inneren Seite dieser körperlichen Lebensäußerung: das Genießen, das Finden der eigenen Bestimmung, das Teilen der Freude. Sollte Singen auch eine Äußerung von Heiterkeit sein? Sollte denn das Lied keine richtige Schwester des Lachens sein?

Das Evangelium wird die Frohe Botschaft genannt. Könnte es ein, dass sich vielleicht zu wenig Fröhlichkeit in der christlichen Tradition durchgesetzt hat?

Hinweise für eine Bibellektüre zum Thema:

Genesis, 18 1-4; 14-18.

Psalm 126

Offenbarung des Johannes: 19, 5-7.

Eine Zeit, um einander zu umarmen…Spiritualität im Mai

Post date: Mai 1, 2011

In dem Buch “Vieren en Brevieren” bieten Christiane Berckvens – Stevelinck (Remonstranten Pastorin) und Sytze de Vries (Reformierter Pastor) Hinweise für eine Spiritualität eines jeden Monats, als Impuls, das besondere “Profil” der jeweiligen Jahreszeiten besser wahr – zu nehmen.

Der Monat MAI: Eine Zeit, um einander zu umarmen

Mit dem Beginn der „Guten Jahreszeit“, wenn die Natur in vollem Glanz erscheint, wächst auch der Wunsch nach der Freiheit eines offenen Himmels, nach der Wärme, mit der uns die Sonne hegt und pflegt. Wir werfen den „Winterpelz“ ab, wir machen uns frei und fühlen uns eins mit den Elementen Wasser, Luft, Erde und Feuer.

Im Mai….

Wenn wir einander umarmen, heben wir den Abstand zwischen uns auf. Was Menschen von einander trennt, wird aufgegeben. Von Entzweiung ist keine Rede mehr. Eine Umarmung kann Versöhnung und Vergebung bedeuten. Umarmen ist die greifbare Geste der Liebe.

Das Umarmen gibt es in zahllosen Abstufungen: Im fröhlichen, herzlichen Umarmen auch von Unbekannten kommt zum Ausdruck, dass die Welt etwas besser erscheint, wenn Menschen einander freundlich begegnen. Im Friedenskuss, wie er in den Gottesdiensten der Kirchen praktiziert wird, gelangen wir über uns selbst hinaus. In der leidenschaftlichen Umarmung der Liebenden kann die Seele und die Seligkeit liegen…

Die Umarmung spielt auch in der Bibel eine Rolle. Rembrandt hat die Umarmung des „verlorenen“ Sohns durch seinen Vater auf einmalige Weise gemalt. Wir können dabei teilhaben an einem intimen Moment zwischen Vater und Sohn…

Texte der Bibel zum Thema Umarmen:

Lukas, 15, 11 – 20-

1 Samuel 20, 35 – 42 (zu Dabid und Jonathan)

Hohelied, 1, 1-4; 4, 9-15.

Ostern: Aus dem Schatten heraustreten

Post date: April 23, 2011

Aus dem Buch. Vieren en brevieren, der remonstrantischen Theologin Christiane Berckvens – Stevelinck und des protestantischen Theologen Sytze de Vries.

Ein meditativer Hinweis auf OSTERN:

Ostern

Eine Zeit, um aus dem Schatten herauszutreten

Alles Lebendige besteht dank der Gunst der Sonne. Kein Leben gedeiht im Dunklen.

Mit dem Frühling wird die künftige Ernte sichtbar. Die ersten Getreidekörner reifen. Ostern ist das Fest der „Erstlinge“ der Ernte.

Unwiderruflich ist der Tod von allem, was lebt. Der Tod des Körpers ist eine Realität. Unsterblich ist niemand. Unabwendbar kommt der Schatten des Todes in Sicht.

Jedoch werden wir aufgerufen, um aus dem Schatten des Todes mit seinen vielfältigen Erscheinungsformen heraus zu treten. Um zu leben! Aber was bedeutet das?

Mehrere Male fahren wir in unserem Leben über Flüsse des Todes. Und dabei geraten unsere eigenen Ufer aus dem Blick. Ostern lässt uns die Landungsbrücken wieder sehen, wo wir unseren Fuß wieder an Land setzen können, um neu zum Leben zu kommen.

Wir dürfen so sein, wie wir sind, im vollen Licht des Lebens. Immer wieder neu wird uns diese Freiheit angeboten. Stets von neuem dürfen wir aus dem Schatten zum Vorschein kommen. Der Tod hat seinen Stachel verloren, denn die Liebe hat den Tod überwunden. Erklärungen zu suchen, führt da nicht weiter. Erstaunen und Ehrfurcht wohl.

Die Auferstehungserzählungen im Alten wie im Neuen Testament fassen den Sieg des Lebens über den Tod in Worte. Um welches Leben, um welchen Tod es da geht, bleibt offen. Im Mittelpunkt steht die Kraft, die wir im Geheimnis der Auferstehung erkennen und erleben. (Übersetzung Christian Modehn)

Texte zur Meditation:

Markus, 5, 35- 43

Johannes, 20, 1- 18

Apostelgeschichte, 5, 17 – 25.

April: Eine Zeit, um aufzubauen

Post date: April 5, 2011

Ein spiritueller Impuls für den Monat April:

Eine Zeit, um aufzubauen

Der Mensch wurde geschaffen, um zu wachsen. Das geht nicht von selbst. Wachstum verlangt Begleitung und Aufbau. Dabei wird  immer eine Auswahl getroffen. Wenn wir selbst zu Baumeistern unseres Lebens werden, ist ein Bauplan nötig und noch einmal sind Entscheidungen notwendig.

Haben wir einen Bauplan? Welches sind dabei die Baumaterialien, wer beteiligt sich an dem Projekt?

Um etwas Neues zu bauen, ist es manchmal nötig, zuerst das Alte abzureißen. Dies ist oft ein mühsamer Weg, er verlangt Mut und Vertrauen. Die Sicherheit, dass das neue Gebäude jemals vollendet sein wird, haben wir nicht. Aber wenn es feststeht, dass das alte Gebäude nicht länger bewohnbar ist, dann ist die Wahl einfach: Sie heißt: Abbrechen und mit dem Bauen beginnen.

Postmoderne Architekten entwerfen offene Gebäude, mit wenigen abweisenden Mauern, mit vielen offenen Perspektiven. Sie wollen die Räume nicht festlegen, sondern gerade erweitern, so dass eine freie Sicht nach außen möglich ist. Deswegen ist der Aufbau keine Beschränkung, sondern das Schaffen von Lebens- und Spielräumen, von Freiheit.

In der biblischen Sprache ist Bauen meist verbunden mit Wohnen, mit Gemeinschaft. Symbol dafür ist der Bau des Jerusalemer Tempels: Ein Platz, wo Gott bei den Menschen wohnt und die Menschen dadurch miteinander zusammen wohnen. Das ist vom Ursprung her eine lebendige, eine bewegliche Angelegenheit. In der Zeit in der Wüste verweilte Gott bei den Menschen in einem Zelt, dem Tabernakel. Gott geht den Weg zusammen mit seinem Volk. Wenn das Zelt ersetzt wird durch ein steinernes Haus, dann droht die Erstarrung. Als der zweite Tempel verwüstet wurde, da wurde er nicht mehr aufgebaut. Da sind die Menschen die lebendigen Steine für ein neues Gotteshaus.

Texte der Bibel zur Vertiefung und Meditation:

1.   Könige, 8, 27 – 30

2.   Markus, 14, 55 – 59

3.   Epheserbrief, 2, 19 – 22.

Entnommen dem Buch „Vieren en brevieren“. Meinema Verlag 2009. Übersetzt von Christian Modehn.

Eine Zeit, um zu säen. Spirituelle Impulse für den März

Post date: Februar 27, 2011

Eine Zeit, um zu säen

Spirituelle Impulse für den März

Ein Hinweis:Die Bibel, auch das Neue Testament, ist eng verbunden mit einer agrarisch geprägten Kultur. Die Gleichnisse Jesu z.B. sind oft auf den Ackerbau und die Herden und Hirten usw. bezogen (bis heute nennen sich katholische Bischöfe, seltsam genug für viele, „Hirten“ oder „Oberhirten“ und behandeln die Gemeinden wie „Schafe“ oder „Schäfchen“). Trotzdem: Haben die biblischen Texte deswegen in einer städtischen, modernen Kultur keine Bedeutung mehr? Die Autoren des Buches „Vieren en Brevieren“ sind anderer Meinung. Sie benutzen die alten Bilder, um dem heutigen Leser einige Möglichkeiten der Besinnung zur Vertiefung der eigenen Existenz anzubieten. Christian Modehn.

Zum Monat März schreiben Christiane Berkvens – Stevelinck und Sytze de Vries in dem schon mehrfach erwähnten Buch “Vieren en Brevieren” (S. 210 f).

“Wenn der Frühling kommt, ist es Zeit zu säen. In Holland ist der März seit alters her als „Monat des Säens“ bekannt. Ohne Säen keine Ernte, ohne Ernte kein Brot. Was in der Landwirtschaft gilt, hat auch Gültigkeit im spirituellen Leben. Ein fruchtbarer Boden allein reicht nicht aus. Wir brauchen auch Saatgut: Das sind Worte, Bilder, Gedanken, Erfahrungen, die in unser Herz gelangen („gesät werden“), dann zur Blüte kommen können, als Früchte erfreuen sie Gott und die Menschen.

Wer sät, ist seiner Ernte nicht sicher. Damit das Saatgut sich richtig entwickelt, braucht man u.a Erfahrung, Pflege und Glück. Auch wenn das Resultat unsicher ist: Gesät wird trotzdem! Jedes Jahr neu.

Jede Generation versucht der folgenden Generation Werte zu vermitteln. Mehr als Säen und Pflügen und Hegen können wir allerdings auch in dem Fall nicht tun. Wir sind auch hier abhängig, abhängig von Wind und Sonne und Regen. Das Getreide, bildlich gesprochen, wächst, während der Bauer schläft.

Die biblische Sprache arbeitet viel mit den Bildern von Saat und Frucht, von Landarbeit und Ernte. Sagen uns diese Bilder noch viel? Helfen sie uns noch, um unsere Kernfragen deutlich zu machen und z.B. auch die Botschaft von Jesus zu verstehen?

Was bleibt: Der Sämann sät mit großzügiger Gebärde, von außen nach innen, so dass das Saatgut gut zurecht kommt. In der fliegenden Bewegung des Sämanns ist die Schönheit des Lebens eingeschrieben”.

Biblische Texte zur Meditation:

Prediger, 11, 4 -6

Matthäus 13, 3-9

Matthäus, 13 24- 30.

Neuer “holländischer Katechismus”

Post date: Januar 2, 2011

Vielleicht hat Gott heute “neue Kleider” an…     Ein neuer freisinniger protestantischer – und allgemein christlicher -Katechismus

Eine Einladung, selber zu denken und den eigenen Glauben zu entwickeln

Alle 150 Abgeordneten des Niederländischen Parlaments (Tweede Kamer) erhalten dieser Tage einen Katechismus geschenkt. Ungewöhnlich, in einem säkularisierten Land wie Holland. Dabei handelt es sich nicht um den Versuch, klerikale Machtansprüche in der Politik durchzusetzen, das liegt den Autoren des ungewöhnlichen Katechismus auch völlig fern. Denn sie treten als “freisinnige, liberale Christen” entschieden für die Trennung von Kirche und Staat ein. Aber ihnen liegt daran, mit allen Menschen, auch mit Politikern, in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten, nicht über Dogmen, wohl aber auch ethische Orientierungs – Vorschläge!

Es ist schon komisch: Ausgerechnet in Holland erscheint dieser Tage ein neuer Katechismus. Ist das Wort „Katechismus“ nicht völlig out, völlig verbraucht, gerade in den Niederlanden, wo nur noch etwa 35 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche sind und die wenigsten Menschen von dogmatischen Lehren unterwiesen werden wollen? In dieser Situation muss man schon etwas Außergewöhnliches vorweisen: Der neue holländische Katechismus konnte entstehen, weil die vier freisinnigen christlichen Kirchen Hollands angesichts des zunehmenden Einflusses konservativer und reaktionärer Kirchen deutlich ihre eigene Stimme erheben, die Stimme der Freiheit, die dem Nachdenken allen Raum lässt und eben keine fertigen „ewigen“ Wahrheiten präsentiert. Es sind keine Leitungsgremien, keine Bischöfe und keine Päpste, die diesen Katechismus verfasst haben, sondern zwei Pfarrer, die im ständigen Austausch mit der Kultur der Gegenwart stehen: Christiane Berckvens – Stevelinck, Theologin der Remonstranten Kirche, und Ad Ablass, Theologe der freisinnigen Strömung innerhalb der Protestantischen Kirche (PKN) legen ein Buch vor, das in 12 Kapiteln Grundworte der menschlichen Kultur erläutert, Grundworte, die ihre Wurzeln in den biblischen Traditionen haben. Am Anfang steht die „Compassie“, das Mitleid, am Ende die dem Mitgefühl und der Empathie verwandte Liebe. Andere Themen sind Gleichheit, Verbundenheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, Freiheit, Berufung, Glaube und Gott. Das neue Buch nennt sich ausdrücklich „Katechismus des Mitleids“, ein zweifellos ungewöhnlicher, wenn nicht gar provozierender Titel. Aber er deutet das Ziel an: Die LeserInnen werden eingeladen, angesichts der humanen, ökologischen und politischen Katastrophen der Gegenwart das Mitleiden zu entwickeln, nicht nur als spirituelle Haltung, sondern vor allem als aufgeklärtes Handeln zugunsten der Leidenden. Aber dieser Appell zum Handeln ist nicht dick aufgetragen, vielmehr bieten die einzelnen Kapitel Informationen und meditative Impulse zu diesen Grundworten humaner Existenz. So ist ein Buch entstanden, das sich wohl am besten in einer eher „meditativen und behutsamen Lektüre“ erschließt. Nebenbei: Das Buch verdankt wesentliche Anregungen der britischen Philosophin und ehemaligen katholischen Nonne Karen Armstrong, die sich ausdrücklich für eine „Charta des Mitgefühls“ einsetzt. So gehört dieses Buch zu dem weltweit entstehenden Netwerk „Compassion“! Alle Kapitel des Katechismus werden „eingeleitet“ mit schönen Nachdrucken von Gemälden, Chagall ist genauso vertreten wie Rembrandt, Claudio Taddei genauso wie Caravaggio oder Ferdinand Hodler. Die eigens für das Buch gefertigten Gemälde der Künstlerin Brigida Almeida aus Utrecht beschließen jedes Kapitel. Im Text werden die Leser mit einer Fülle an Informationen aus der Literatur, dem Film, dem Theater konfrontiert, Informationen, die gleichermaßen die Schwierigkeiten wie die Chancen einer Lebenshaltung vorstellen, die sich von den 12 „Katechismus – Grundworten“ inspirieren lassen will, biblische Perspektiven sind jeweils ein Kapitel unter den anderen. Das ist der typische freisinnige Geist, dass keinem „Bibel – Fanatismus“ gehuldigt wird, sondern spirituelle Inspirationen auch im „weiten Feld“ der Religionen und Kulturen präsentiert werden. Sympathisch werden es Berliner finden, dass zum Thema Freiheit schon im Titel auf den berühmten Ausspruch John F. Kennedys verwiesen wird: „Ich bin ein Berliner“, ein Ausspruch, der heute als Bekenntnis gegen alle Formen des Totalitarismus verstanden wird. Äußerst sympathisch ist auch, dass das Kapitel über die Liebe mit einem Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld eröffnet wird, das die beiden Liebhaber David und Jonathan zeigt., sicher ist auch die Entscheidung für dieses Bild typisch für Freisinnige in Holland: Die Remonstranten waren ja die erste Kirche weltweit, die schon 1986 homosexuelle Paare –gleich welcher Konfession- in ihren Kirchen segnete. Sympathisch ist auch, dass der ungewöhnliche, progressive katholische Theologe Karl Rahner als Verteidiger der Mystik erwähnt wird.

Dies ist wohl der entscheidende Eindruck: Dieser auch vom Layout so schöne und freundliche Katechismus der freisinnigen Christen plädiert für die Mystik, sicher für eine moderne, eine durch die Aufklärung „hindurchgegangene” Mystik: Aber doch wird aller Nachdruck gelegt auf das innere Erleben des Göttlichen, das sich im Handeln ausdrückt. In der Mystik sehen die Autoren ohnehin die Zukunft des Religiösen. Interessant könnte es sein, wie sich die freisinnigen Kirchen selbst zu Orten (multi-religiöser) Mystik entwickeln. Vielleicht ist diese Mystik das neue Profil der Freisinnigen und ihrer Gemeinden? Vielleicht können sie mit diesem Profil weitere undogmatische, aber mystisch Interessierte einladen? Die niederländischen Autoren sind jedenfalls überzeugt: Gott ist nicht tot, er zeigt heute nur neue, ungewöhnliche „Gesichter“. Er hat vielleicht neue Kleider angelegt, wie die Autoren schreiben.

“Catechismus van de compassie”. Erschienen im Verlag Skandalon, in Vught, Holland. ISBN 978-90-76564-94-4.compas

Jesus war ein Religionskritiker.

Post date: Mai 23, 2010

Jesus war ein Religionskritiker. Im Alltag das Heilige entdecken.

Tom Mikkers, der „Allgemeine Sekretär der Remonstranten Kirche“, hielt am Sonntag, 16. Mai 2010, in der Kirche „de Vrijburg“ in Amsterdam, eine bemerkenswerte Predigt. Anlass war ein besonderer Gottesdienst, in dem die Lieder des Song Contests, der Eurovision, im Mittelpunkt standen. Mehr als 400 Teilnehmer waren bei diesem ungewöhnlichen spirituellen Ereignis dabei, als Angebot und Einladung wurde deutlich: Auch in der Populärkultur, auch in den Songs und Liedern des „Eurovision Song Contest“, kommen spirituelle und religiöse Aspekte vor. Sie sollten auch von Kirchen beachtet werden, sie können nämlich hilfreich sein, wenn es auch klar ist, dass viele Lieder banal und kitschig sind.

Tom Mikkers sagte unter anderem:
„Ganz eingefleischte Theologen („hardcore theologen“ im niederländischen Text) könnten sagen: Diese Lieder sind schön, aber das hat mit Kirche oder Christentum nichts zu tun. Andere sagen: Es kann ja sein, dass einige Songfestival – Lieder ein bisschen Friede und ein bisschen Liebe brachten. Aber für die Antworten zu den großen Lebensfragen muss man doch bei dem alten kirchlichen Repertoire sein Heil suchen. All das andere sei nur eine Art Verdünnung der alten Lehre.
Wer das sagt, hat eine Voraussetzung: Es gibt eine große Wahrheit, die ist buchstäblich zu finden in der Bibel, und diese Wahrheit wird genau formuliert von Priestern und Kardinälen. Und wehe dir, wenn du beginnst, dein eigenes Lied zu singen!
In meinen Augen pervertiert der christliche Glaube, wenn er zu einem fest umschriebenen kirchlichen Exklusiv – Programm wird.
Warum? Weil Glauben nichts zu tun hat mit einer Stellungnahme (mit dem „nur so ist es“), sondern mit einem innerlichen Abgestimmtsein auf das eigene Selbst, auf den Mitmenschen und das große Ganze, das wir vielleicht auch, (wenn genaue Begriffe fehlen), Gott nennen.
Jesus war ein Religionskritiker der reinsten Art! Nun ist es ein Gewinn von wahrer Religionskritik, dass sie religiös inspirierte Menschen herausfordert, die Bitterkeit und die Unbarmherzigkeit der harten Wahrheit („nur so und nicht anders“) wirklich anzusehen, aber sie dann auch zu verlassen und aufzugeben! Übrigens ist für mich die Angst vor der Religionskritik vollkommen unbegründet. Denn Religion versteinert nur ohne Kritik.
Jesus hielt nichts von bürokratischen Dogmatikern, die meinten bestimmen zu können, wer etwas taugt und wer nicht. Jesus rief das Establishment zur Ordnung!

Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen, die auf dieser Spur Jesu von Nazareth weiter gehen will, kann nicht machtvolle Verurteilungen vornehmen und an einer festen Ordnung hängen. Nicht das haarscharfe Urteil , sondern das Mitleiden mit jedem, der leidet und stirbt, ist das geistliche Brot, das in der Kirche an alle Menschen ausgeteilt wird…Jesus machte das Heilige wieder zum Alltäglichen, und das Alltägliche wurde für ihn heilig. Jesus bezweifelte in aller Offenheit die religiös korrekten Antworten und Annahmen“.

Spiritualität im Handy. Eine Initiative der Remonstranten

Post date: April 22, 2010

Spritituelle Impulse im Handy
Die freisinnige, liberale protestantische Kirche der Remonstranten in Holland hat Anfang April 2010 eine Aktion gestartet, um den gestressten und allen anderen Menschen eine meditative Pause zu empfehlen: „Gott einschalten!“ heißt das natürlich auch ein wenig ironisch gemeinte Angebot der Remonstranten, Jeder kann sich anmelden, dann erhält man an jedem Morgen im Handy einen kurzen meditativen Text. Wer abends weiter spirituellen Impulsen folgen will, kann in dem Buch „God Aan“ blättern und dabei entweder in eine spirituelle Vitalität (und Schlaflosigkeit) finden … oder sanft einschlummern. Hundert Remonstranten haben ihre persönlich wichtigen Texte in dem Buch „God Aan“ versammelt, dabei ist natürlich nicht nur ein biblischer Bezug wichtig, sondern, wie es sich für freisinnige Christen gehört, es kommen auch viele Texte aus den breiten Umfeld der Kultur, Kunst und Gesellschaft. Das Buch God Aan hat 400 Seiten, es ist bei Meinema erschienen und kostet 25 Euro. Dieses Projekt ist ein weiterer Versuch der Remonstranten, Anregungen zur Lebensvertiefung zu geben. Als ich einem Berliner Atheisten von diesem Vorhaben berichtete er: „Ist der Sinn einer freien Religion Lebensvertiefung“? Ich habe diese Frage bejaht.

Siehe auch die website www.god-aan.nl
Oder:
www.twtter.com/godaan

Der Monat April: Zeit um zu bauen.

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Post date: April 19, 2010

Die Spiritualität eines Monats:
In dem neuen Buch „Vieren en Brevieren“ (Feiern und Beten, Verlag Meinema, Zoetremeer, 2009) ) haben die beiden Autoren Christiane Berckvens – Stevelinck (Remonstranten Pfarrerin) und Sytze de Vries (Reformierter Pfarrer) ein eigenes Kapitel über die Spiritualität eines jeden Monats verfasst. . .Das ist eine originelle Idee. Dadurch können Zeiträume, auch meditativ erschlossen werden.

Der April hat das Motto: „Eine Zeit, um aufzubauen“.

In einer allgemeinen Einleitung schreiben die Autoren:
„Jeder Monat hat ein bestimmtes Thema. Dabei beziehen wir uns auf das biblische Buch „Prediger“. Das Thema und das Motto eines Monats wird hier verbunden mit der Natur und dem liturgischen Jahr. Wir ließen uns besonders inspirieren von dem Buch „Prediger“, da ist zu lesen: „Für alles gibt es (bestimmte) eine Zeit“ (3,1).
Das Leben, sagt der Prediger, auch Kohelet genannt, besteht aus Gegensätzen. Der Mensch kennt gute und schlechte Augenblicke.
In der Kirche wurde oft der Nachdruck gelegt auf das, was ein Mensch an schlechten Zeiten durchlebt. „Gute Nachrichten sind keine Nachrichten“, sagen Journalisten und für die Kirchen gilt dieser Satz auch. Viele Kirchenlieder befassen sich mit Schuld und Elend. Der Akzent auf Freude und Zufriedenheit ist viel seltener. Darum setzen wir allen Nachdruck auf positive Aspekte. Das tun wir, nicht weil wir naiv sind oder ein rosarotes Bild der Wirklichkeit haben, sondern weil christliche Spiritualität die Kraft ist, positiv zu wirken. Anders gesagt: Es macht etwas aus, ob wir unser Leben gestalten von einem „menschlichen Zuwenig“ oder einem „göttlichen Zuviel“.

Der April: “Der Monat, um aufzubauen…”

Einige mediative Hinweise der Autoren zu dem Motto:

-Unser Leben muss wachsen. Das geht nicht von allein: Wachstum braucht Begleitung, Aufbau. Dabei werden stets Entscheidungen getroffen. Wenn wir selbst die „Baumeister“ unseres eigenen Lebens sind, verlangt das einen Bauplan und wieder neue Entscheidungen…
-Um etwas Neues aufzubauen, ist es bisweilen nötig, erst das Alte abzubrechen. Ein sehr schwieriger Prozess, der Mut und Vertrauen verlangt…
-Postmoderne Architekten entwerfen offene Gebäude.. mit vielen offenen Perspektiven. Solche Gebäude sind Räume der Freiheit.
-In der Bibel ist Bauen oft verbunden mit Wohnen, mit Zusammenleben…Wenn das ZELT ersetzt wird durch ein Haus aus Stein, droht die Versteinerung… (s. 223 f).

Moderne Kunst ist wie eine “Kapelle” für die Menschen. Peter Kattenberg, Künstler und Remonstrant

Posted in Spiritualität
Post date: April 16, 2010

„Kunst als Kapelle von heute“

In der Ausgabe März/April 2010 der Zeitschrift ADREM, der Monatszeitschrift der Remonstranten, wird über Peter Kattenberg (Jahrgang 1954) berichtet. Er war von 1990 bis 2004 Remonstranten Pfarrer in Amsterdam und Leiden. Seit 2004 kann er sich ganz seiner KUNST widmen, denn schon seit mehr als 20 Jahren interessiert ihn vor allem die Malerei über alles. Peter Kattenberg hatte eine Galerie in New York, er war auch Kunsthändler, jetzt gibt er auch Vorträge in Schulen und Kunstakademien.

Einige Zitate aus dem Beitrag, den Michel Peters, Utrecht, verfasst hat. Peter Kattenberg sagt:
„In allen Remonstranten Kirche wurde vor einigen Jahren Gemälde und Bilder ausgestellt. Das war damals neu, denn die Welt der Kirchen und die Welt der Kunst waren noch strikt getrennt. Jetzt ist es „in“, Kunst in gewisser Weise zu verbinden mit dem Glauben. Früher waren die Remonstranten eine Art religiöser Zufluchtsort. Das ist heute nicht mehr so nötig. Menschen, die den Sinn suchen, haben auch eine andere Kapelle betreten, zum Beispiel die „Kapelle der Kunst“. W.J. Otten, der Dichter, meint, dass Kunst und Glaube sozusagen am selben Baum gewachsen sind. Ästhetische und religiöse Erfahrungen erwachsen aus einer Erfahrung von Emotion, das ist auch ein physisches Erlebnis von Schönheit, vom Guten, vom Lebenssinn. Es ist ein Gefühl für etwas, was ist. Aber es ist schwierig, es genau zu fassen. Dieses „etwas“ wird in der Kunst auf eine direkte oder indirekte Weise sichtbar. Ich lasse eine Arbeit oft eine Zeitlang liegen. Später schaue ich es mir noch mal an und wie in einem „Blitz“ weiß ich, das es so stimmt. Dann habe ich eine Erfahrung, die ähnlich ist der Erfahrung, als Gott die Welt schuf. Aber bisweilen weiß ich dann auch, dass eine Arbeit nichts ist. Das ist furchtbar, weil ich doch Zeit, Energie usw. aufgewendet habe“…
„Ich sehe die Kunst als ein wesentliches Element in der Ausbildung der Menschlichkeit, sie muss aus drücken, was man das „Wesen der Menschen“ nennt…

Glauben ist Freisein

Post date: Februar 21, 2010

Die Remonstranten – eine Kirche der besonderen Art. Protestantisch und humanistisch, dogmenfrei und lernbereit von anderen Religionen. Sie hat eine lange Tradition, sie hat sich immer wieder weiterentwickelt. Sie ist eng mit der Ökumenischen Bewegung verbunden, hat aber auch gleichermaßen Interesse am Dialog mit humanistischen Gruppen.

Wir weisen aufgrund einiger Nachfragen gern darauf hin: Die freisinnige Kirche der Remonstranten  versteht sich als “Asylkirche”, d.h. als Zufluchtsort für Menschen, die die dogmatischen Vorgaben und das hierarchische System ihrer angestammten Konfessionen nicht mehr aushalten und sich ihren persönlichen, individuellen  Glauben bewahren wollen sowie nach einem Refugium der Freiheit und der Selbstbestimmung auch in religiösen und ethischen Fragen suchen. Sie sind bei den Remonstranten willkommen!  Auf diesen Charakter der “Asylkirche” hat der Allgemeine Sekretär der Remonstranten Kirche, Tom Mikkers, Utrecht, mehrfach hingewiesen. Für dieses Leitbild “Asylkirche”  sind inzwischen viele Menschen dankbar.

In den Niederlanden hat die Remonstranten Kirche ca. 6000 Mitglieder und “registrierte Freunde”. In Deutschland ist sie seit dem 17. Jahrhundert in Friedrichstadt vertreten. In Berlin gibt es seit Januar 2010 ein “Forum der Remonstranten”, dort versuchen wir im Geist der Remonstranten ein freies spirituelles Gespräch zu fördern, die Möglichkeiten sind groß und vielfältig…Diese website wurde bisher 10.000 mal aufgerufen, kein sc

PS. Remonstranten – das Wort leitet sich von remonstrance her, es meint Abwehr und Zurückweisung: Diese reformierten Christen lehnten es zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Holland ab, an einen alles vorher bestimmenden Gott zu glauben. Sie wollten als Menschen freie und selbständige Wesen sein und bleiben. Sie verzichten nicht auf das kritische Denken, wenn sie die Frage nach Gott stellen oder nach dem Sinn von Glauben und Kirche fragen. Sie nehmen sich die Freiheit, diese “Freiheit des Glaubens” nicht als ferne Utopie oder Geschenk von Autoritäten, sondern schon jetzt zu leben.

Die Remonstranten waren 1986 die erste Kirche weltweit, die homosexuelle (Ehe-) Paare in ihren Kirchen offiziell segneten, auch Menschen, die nicht zur Remonstranten Kirche gehören. Schon vorher war  es für Remonstranten  selbstverständlich , dass homosexuelle Menschen in den Gemeinden willkommen sind, im Unterschied zu allen anderen Kirchen ist das kein “problematisches” Thema… Insofern sind die Remonstranten einmal mehr ein Ort der Freiheit…Deswegen wurden die Remonstranten auch von der niederländischen Organisation COC kürzlich ausdrücklich gelobt…Anfang Oktober 2011 erscheint in Holland das von Tom Mikkers herausgegebene Buch “Coming Out Churches”, siehe die Buchbesprechung auf dieser website.

Am Sonntag, 9. Oktober 2011 wurde in der Amsterdamer Remonstranten Kirche “Vrijburg”  ein “Jubiläum”gefeiert. Seit 1986 sind dort (wie in allen anderen Remonstranten Kirchen) homosexuelle Paare eingeladen, ihre Beziehung/ ihre Ehe kirchlich zu feiern und segnen zu lassen. Dabei sind selbstverständlich nicht nur Mitglieder der Remonstranten willkommen, sondern alle Menschen. In einem Gottesesdienst um 10 Uhr wurde an diese selbstverständliche Tradition erinnert und im Radio IKON 5 übertragen. Im Anschluß daran wurde das neue Buch von Tom Mikkers “Coming Out Churches präsentiert.

Der nächste religionsphilosophische Salon findet am Freitag, 10. Februar 2012 um 19 Uhr, im Café antikflair statt, Grunewaldstr. 10 in Berlin – Schöneberg. Das Thema, anläßlich des 300. Geburtstages Friedrich II: “Jeder soll nach seiner Fasson selig werden”. Ein Gespräch über Toleranz und Intoleranz, über Toleranz auch für Intolerante?, und die Trennung von Kirchen/Religionen und Staat.

Unkostenbeitrag (für die Raummiete): 5 Euro. Anmeldung erforderlich bei:  christian.modehn@berlin.de

Die Remonstranten haben für 2012 ein “Jahresthema” zum Gespräch in den Gemeinden vorgeschlagen. Es heißt “Dein Reich komme”, bezogen auf eine Bitte im Vater Unser. “Das Christentum ist die Religion mit den großen Visionen. Jesus von Nazareth verkündigte, dass das Reich Gottes anbrechen werde. Zwischendurch sind wir 2000 Jahre weiter. Was ist noch geblieben von dieser Vision”, so heißt es in einem Prospekt der Remonstranten aus Utrecht. Darin werden für das Jahr 2012 u.a. diese Vorhaben und Veranstaltungen genannt:

Im Januar erscheint das Buch von Joes Röeselaers und Fenand van Dijk mit dem Titel: “Het vrije woord. Religie en Politiek en domineesland” . (Das freie Wort. Religion und Politik im Pastorenland (Holland) ).

im Februar erscheint das Buch “Heilig. Gewoon nu”. (Heilig. Ganz normal jetzt   – frei übersetzt) Von Bert Dicou mit Beiträgen von Sigrid Coenradie.

Beide Bücher erscheinen in der Uitgerverij Meinema.

Am Samstag, 10. März, findet der jährliche “Beraadsdag” der Remonstranten (wörtlich: Beratungstag) in Amsterdam statt, und zwar in dem neuen Zentrum “Nieuwe Liefde”, einem Haus, in dem die “Studentenecclesia” (gegründet von dem Dichter und Theologen Huub Oosterhuis) ein neues Zuhause gefunden hat.

Zur Buchmesse in Frankfurt 2011 erschienen zwei Bücher von Remonstranten, das eine plädiert dafür, die Sorge um die Zukunft nicht aus dem Blick zu verlieren (also nicht im Hier und Jetzt zu versinken), das andere zeigt, dass es coming out churches gibt, Kirchen und Gemeinden, in den Homosexuelle selbstverständlich normale Gemeindemitglieder sind und als Homosexuelle willkommen sind. Näheres siehe in der Rubrik “Bücher”….

Remonstranten aus Holland zu Gast in Berlin: Vom Freitag 4. November bis Sonntag 6. November 2011 besuchte eine Gruppe niederländischer Remonstranten Berlin. Gemeinsam mit dem “Forum der Remonstranten in Berlin” wollten sie die Spuren eines eines freisinnigen, “aufgeschlossenen” und dialg bereiten, also “theologisch – liberalen” Berlin entdecken. Diese Tradition spielt als solche in Berlin keine wichtig Rolle … bis jetzt.

Um so wichtiger war für die Remonstranten vor allem die Begegnung mit dem Theologieprofessor der Humboldt – Universität, Wilhelm Gräb. Liberale Theologie nimmt das religiöse Bewußtsein, das religiöse Denken und Fühlen der Menschen ernst, liberale Theologie indoktriniert nicht, hat keinen fix und fertigen Katechismus, sie versteht Gemeinde als Ort des Austausches über religiöse Erfahrungen… Mission wird vom Dialog ersetzt, jeder Mensch hat Wertvolles beizusteuern für den religiösen Dialog, in dem alle Lernende sind. Einige Impulse aus dem Gespräch mit Prof. Wilhelm Gräb sind jetzt auf dieser website zu finden: “Zur Aktualität der liberalen Theologie”.

Wir weisen erneut auf die Rubrik “Spiritualität” hin, “Spiritualität für jeden Monat”, ein Versuch, in der persönlichen Meditation und Reflexion einmal einen Monat ein Thema zu bedenken.

Ein schönes Geschenk: Eine wichtige Neuerscheinung: “Katechismus der Freisinnigen” – ein Buch, das nicht belehrt, sondern inspiriert. Das Buch hat den Titel: “Katechismus des Mitgefühls”. Siehe die Rubrik: Katechismus.

Genauso anregend:  Alte (Kirchen) Lieder mit neuen Texten. Das von den Remonstranten initiierte Buch “LICHT” zeigt, wie sich eine Kirche von dem verstaubten und für viele unerträglichen Kitsch alter Texte lösen und befreien kann; dabei aber auf die schönen alten Melodien nicht verzichtet, weil die neuen Texte nachvollziehbare “moderne” Poesie sind. Das Buch LICHT (Boekencentrum) hat in kürzester Zeit, Ende 2010,  schon eine zweite Auflage erlebt. Wir erlauben uns die Frage: Wann werden auch im deutschsprachigen Raum die verstaubten, kitschigen  Texte alter (Kirchenlieder) zungunsten moderner Poesie ersetzt. Im Umfeld des Reformationsjubliäums 2017 wäre dies doch ein echtes grundlegendes Reform – Projekt… Weitere INFORMATIONEN zu diesem Buch unter der Kategorie Spiritualität und Aktuelles.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Denkend glauben

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Post date: Februar 18, 2010

Der Theologe Prof. Dr. Marius van Leeuwen beim Referat über die Aktualität der Remonstranten

Der Theologe Prof. Dr. Marius van Leeuwen beim Referat über die Aktualität der Remonstranten

Wo Dogmen nicht bindend sind: Hollands »Freisinnige Kirchen« stellen persönliche Verantwortung über alles

Von Christian Modehn

Kaum vorstellbar in der weiten und bunten Ökumene: Eine christliche Kirche, die ihre Mitglieder nicht auf ein festes Bekenntnis verpflichtet, die Dogmen bestenfalls als interessanten Diskussionsstoff bewertet und in ethischen Fragen persönliche Verantwortung über alles stellt: Die Remonstranten folgen diesen ungewöhnlichen Prinzipien. Sie sind in Holland eine bekannte und geschätzte protestantische Kirche. Während andere Kirchen sich lutherisch oder methodistisch nennen, bevorzugen sie die Bezeichnungen »freisinnig« und »theologisch liberal«: In ihrem Titel ist die Remonstrance, der Widerstand, enthalten, der Widerstand gegen die strenge Orthodoxie des Calvinismus: Sie deutete im 16. Jahrhundert Gott als einen Willkürherrscher, der dem Menschen jegliche Freiheit nimmt. Aber die Freiheit, den eigenen Glauben zu entwickeln, nehmen sich die Remonstranten seit ihrer Gründung im Jahre 1617 ganz konsequent: Wenn jemand als Erwachsener Mitglied der Kirche werden will, soll er sein persönliches Bekenntnis, man könnte auch sagen, die Grundlagen seiner Lebensphilosophie, aufschreiben und zur Diskussion stellen. Ausgeschlossen sind lediglich Überzeugungen, die gegen die Menschenwürde, speziell gegen die Friedfertigkeit und Toleranz gehen. Es ist dem Einzelnen zum Beispiel freigestellt, die alte Lehre der Trinität in der wörtlichen Fassung zu glauben oder auch nicht: Für Remonstranten sind Dogmen vor allem Bilder und Metaphern, betont Pfarrer Blaauw: »An einen personalen Gott glaubt die Mehrheit der Remonstranten wohl nicht mehr. Und das Schöne bei uns ist auch wieder, dass es Leute gibt, die sehr wohl daran glauben. Und die tolerieren einander nicht nur, sondern leben miteinander friedlich zusammen, weil sie wissen, dass das Geheimnis des Göttlichen unbegreifbar ist.«

Remonstrantenkirche in Leiden anläßlich eines Vortrages über Arminius, Oktober 2009

Remonstrantenkirche in Leiden anläßlich eines Vortrages über Arminius, Oktober 2009


Jetzt hat die Kirche der Remonstranten (sie nennen sich selbst »Remonstrantische Bruderschaft«) nun doch – nach fünf Jahre dauernden Diskussionen – ein Glaubensbekenntnis formuliert (siehe rechts). Haben also auch die Freisinnigen Angst vor dem Relativismus, klammern auch sie sich jetzt an »Fundamente«? »Uns geht es darum, das eigene Profil deutlich zu machen«, sagt der remonstrantische Pfarrer Johan Grond, »dieses Bekenntnis soll zur weiteren Diskussion einladen. Unser neues Credo wird nicht im Gottesdienst gesprochen, es hat für die Mitglieder auch keinen bindenden Charakter.« Und der gewählte Leiter der Remonstranten, der Philosoph Wibren v. d. Burg, betont: »Weil wir kein Lehramt haben, ist es wichtig bei uns, dass jeder Gläubige selber sein Denken entwickeln kann, dass man denkend glaubt. Das kann man nicht nur individuell machen. Deshalb sind bei uns die Diskussionsgruppen über theologische Themen sehr wichtig.«

Das neue Glaubensbekenntnis konzentriert sich auf die Wirklichkeit des göttlichen Geistes: »Der Heilige Geist lebt auch außerhalb der Kirchen in anderen Religionen. In Zeiten religiöser Konflikte ist das ganz wichtig«, sagt Johan Grond. Um ihre Stimme vernehmbar zu machen, sind die Remonstranten nicht nur Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf, sondern auch im Weltrat für religiöse Freiheit, in dem sich theologisch-liberale Gruppen aus verschiedenen Religionen sammeln. »Manchmal verstehe ich mich mit einem toleranten Sufi oder Buddhisten besser als mit einem konservativen Katholiken«, sagt Pfarrer Blaauw.

An einer Überwindung enger Prinzipien waren die Remonstranten schon immer interessiert: Sie waren die Ersten, die zum Beispiel schon Mitte der 1970er Jahre homosexuelle Paare in ihren Kirchen segneten. Sie waren die Ersten, die Frauen als Pastorinnen akzeptierten. Der freisinnige Geist hat zweifellos – sehr zum Entsetzen der Bischöfe – auch einige katholische Gemeinden der Niederlande erfasst: Überall, wo sich Katholiken weigern, alte Glaubensformeln einfach bloß nachzusprechen, wo man bereit ist, etwa von »Jesus als erlösendem Vorbild« zu reden (eine Formulierung, die dem holländischen Theologen Piet Schoonenberg SJ wichtig war), wo man religiöse Feiern gestaltet für homosexuelle Paare usw., überall dort ist freisinniger Geist lebendig. Nicht alle Katholiken gehen natürlich so weit wie die Dominicus-Gemeinde in Amsterdam, die sich nach langen Diskussionen vom Verband des Bistums Haarlem gelöst hat und nun in eigener Verantwortung Gottesdienste feiert, geleitet von Frauen und Männern, von Protestanten und Katholiken, in einer Kirche, die von den Mitgliedern gekauft und prächtig renoviert wurde.

Heute ist die Freisinnige Bewegung in Holland über vier verschiedene Kirchen verteilt. Neben den Remonstranten gibt es noch die freisinnigen Mennoniten, den Niederländischen Protestantenbund sowie freisinnige Gemeinden innerhalb der großen protestantischen Kirche Hollands PKN. Am schwierigsten ist es, liberale theologische Positionen innerhalb der calvinistischen Kirche deutlich zu machen. Darum bemüht sich die Theologin Ineke Ludikhuize: »Meine Erfahrung ist, dass es für mich gar nicht so schwierig ist, mit strenggläubigen Protestanten zu sprechen. Hingegen haben diese orthodoxen Kreise viel mehr Mühe, sich auf Freisinnige einzulassen, sie wollen eigentlich von ihnen nichts hören und nichts sehen.«

Die Angst vor den Freisinnigen ist zwar nicht bedeutend, aber noch vorhanden. Wer glaubt, will sich gern an Festes klammern. Man wirft den Freisinnigen vor, profillos zu sein: Dabei machen diese nur ernst mit der Erfahrung moderner Menschen, die Gott in vielen Sprachen gleichberechtigt aussagen wollen. Zudem sind die Freisinnigen eine Verbindung zu religionslosen, humanistischen Vereinen und Gruppen, wie dem Humanistisch Verbond.

Insgesamt sind heute nicht mehr als 50 000 Protestanten organisierte Mitglieder in einer der vier freisinnigen Kirchen in Holland. Viele tausend Menschen sind darüber hinaus vom freisinnigen Gedanken geprägt. Sie meinen zu Recht, auch ohne die Kirchen selbstständig durchs Leben zu kommen mit ihrem persönlich entdeckten Gottesbild. »Kirche ist wichtig, aber niemals Selbstzweck und Mittelpunkt«, heißt es in remonstrantischen Kreisen. Viele hunderttausend Menschen sind hingegen mit dem Internet-Auftritt der Remonstranten »www. zinweb.nl« verbunden. Dort hat sich ein freisinnige Internet-Freundeskreis  über alle Grenzen hinweg gebildet.

Infos im Internet unter www.remonstranten.org

Spiritualität der Remonstranten – “Glauben ist Freisein”

Posted in Spiritualität
Post date: Februar 18, 2010

Zum Nachlesen. Der Text einer Radiosendung:

„ORIENTIERUNG“: Sendereihe im Saarländischen Rundfunk SR

Glauben heißt Freisein“

Über die Remonstranten Kirche

Am 10. Januar 2010

Von Christian Modehn

O TON

Ich denke, dass eine Art von humanistischem Christentum sehr wichtig ist, dass nicht Gott und Mensch als Konkurrenten gesehen werden. Aber: Wie Arminius das sagt: Gott ist allmächtig und gnädig, aber er braucht Menschen, um Ja zu sagen zu seinem Angebot. Ich glaube, dass das aktuell ist, dass die Sachen des Glaubens sehr menschliche Sachen sind.

1. SPR.:

Marius van Leeuwen, Professor für Theologie an der Universität von Leiden, Niederlande, erinnert an den holländischen Kirchenreformer Jacob Arminius. Dieser Tage wird seines 400. Todestages weltweit gedacht. Er gilt als der  „Verteidiger der menschlichen Freiheit“: Aber die Anhänger Calvins waren im 17. Jahrhundert so radikal von Gottes absoluter Allmacht überzeugt, dass es für Arminius und seine Freunde keinen Platz in dieser Gemeinschaft geben konnte. Sie gründeten eine selbständige Kirche, eine „Bruderschaft“, geprägt vom Geist des Widerspruchs, des Protests gegen die Herabsetzung der menschlichen Freiheit: Für diese Haltung war „Rémonstrance“ damals der gängige Begriff. So heißen diese humanistisch gesinnten Protestanten bis heute „Remonstrantische Bruderschaft“. Sie sind aktiv in der ökumenischen Bewegung und Mitglied im „Ökumenischen Weltrat der Kirchen“.  Den Vorschlägen ihres Gründers entsprechend, haben sie sich immer für einen modernen Glauben eingesetzt. Der Remonstrant Professor Marius van Leeuwen über die Theologie des Reformators Jacobus Arminius:

O TON

2. SPR.:

In der Rede über den Frieden in der Kirche gab er einige Regeln an, darin ist er bis heute aktuell. Er machte einen Unterschied zwischen Wahrheiten, die man notwendigerweise glauben muss und Glaubenswahrheiten, die von geringerer Bedeutung sind oder nicht notwendig sind. Remonstranten kennen die Regel noch bis heute: Sie heißt: Einheit im Notwendigen, Freiheit im Nicht Notwendigen und in allen Fällen die Liebe.

1. SPR.:

Mit diesen Worten beschreiben Remonstranten seit altersher die Großzügigkeit ihres Denkens: Die Liebe ist wichtiger als die Lehre, die menschliche Vernunft genauso entscheidend wie die Bibel. Wer sich dieser Kirche anschließen möchte, stimmt einer bewusst knapp gefassten „Grundsatzerklärung“ zu:

2. SPR.:

Die Remonstrantische Kirche ist eine Glaubensgemeinschaft, die verwurzelt ist im Evangelium Jesu Christi und, getreu ihrer Grundsätze von Freiheit und Toleranz, Gott ehren und dienen will.

1. SPR.:

Auf dieser Basis kommen Menschen zusammen, die das kritische Nachdenken für eine göttliche Tugend halten. Professor van Leeuwen:

O TON

Einer der wichtigen Punkte bei Arminius war, dass er Fragen hatte, auch wenn es ja gefährlich war sozusagen für: was die Kirche an Wahrheit und Doktrin hatte. Eine Art von intellektueller Redlichkeit war sehr wichtig für ihn. Eigentlich eine Frommheit des Fragens war wichtig für ihn ihn. Er war ein frommer Mensch, aber er versuchte doch auch fragender Weise alles zu verstehen, was er da glaubte. Dass man fragen darf, dass man zweifeln darf und in Diskussion gehen darf, das ist eine Aktualität, wie Arminius das sah.

1. SPR.:

Die Remonstranten haben tiefen Respekt vor dem individuellen Glauben. Sie fördern nicht nur das persönliche Fragen und Suchen, entscheidend ist vielmehr: Bei den Remonstranten wird die eigenwillige, die persönliche Antwort des einzelnen anerkannt. Da gibt es keine Kontrolle, erst recht keine Form der Exkommunikation. Jeder Remonstrant soll seinen Glauben an das Evangelium auf seine eigene Weise ausdrücken. Das ist einmalig in der weiten christlichen Ökumene. Professor van Leeuwen:

O TON

Wir haben in 2006 ein Glaubensbekenntnis gemacht, und das war ein Bekenntnis, welches recht tun sollte an das Zweifeln, aber dass man Gott ehrt und dass man Christus als idealer Mensch ansieht. Jedermann darf das auch interpretieren wie er das selbst fühlt. Das ist nicht so dogmatisch eingeengt.

1. SPR.:

Das Glaubensbekenntnis spricht vom Suchen heutiger Menschen, von Jesus als geisterfülltem Mann und von Gott als unergründlicher Liebe… Das Glaubensbekenntnis ist nicht mehr als eine Orientiungshilfe für den einzelnen…

O TON, Lied.

1. SPR.:

Sonntagsgottesdienst in der Remonstranten Kirche von Amsterdam. „Lass uns nicht vergessen, wofür wir geschaffen sind“, singt die Gemeinde. Und ihr Wunsch ist: „Der Geist soll uns helfen, dass wir unsere liebe Erde noch retten können…“

O TON, Lied.

1. SPR.:

In einer Remonstranten Gemeinde fühlen sich Menschen zu Hause, die sich gegenüber den großen christlichen Konfessionen eher als Randsiedler fühlen: Suchende, Zweifelnde, Skeptiker. Sie brauchen sich in dieser Kirche nicht zu verstecken;  sie sind ausdrücklich willkommen, berichtet der Remonstranten Pfarrer Reinhold Philipp aus Den Haag:

O TON

Wir haben neulich noch ein neues Mitglied begrüßt. Inzwischen hat sie eine wichtige Funktion sogar im Kirchenrat, und sie hat ihr Glaubensbekenntnis in einem Gottesdienst ausgesprochen. Und fängt damit an: Ich glaube eigentlich nicht an Gott, aber: Jesus spielt mir eine wichtige Rolle als Vorbild. Aber es wurde akzeptiert, da ist viel Offenheit.

1. SPR.:

Von dieser großzügigen Haltung ließ sich Reinhold Philipp selbst überzeugen: In Bayern geboren, studierte er zunächst in Regensburg katholische Theologie. Auf der Suche nach einer Kirche, die den persönlichen Glauben über alles schätzt, kam er zu den Remonstranten … und wurde dort Pfarrer:

O TON

Jeder ist willkommen. Ich denke, dass bei uns nicht einer sagt: So ist es, ich denke, dass wir miteinander auf der Suche sind. So erfahre ich die Gottesdienste, die Gesprächsgruppen. Niemand weiß genau: Das ist der Weg, so müssen wir gehen. Sondern im Gespräch, im Austausch der Gedanken, lernen wir voneinander und gehen wir miteinander den Weg.

O TON, Lied

1.SPR.:

Die Remonstranten Gemeinde dankt für die Einladung Jesu zu seinem Tisch, zu Brot und Wein. In dem Lied heißt es:

2. SPR.:

Menschen erfahren, dass Friede möglich ist und Verzeihen. Sie erfahren, dass im Miteinander -Teilen der Sinn des Lebens liegt.

O TON, Lied,

1. SPR.:

Zum Abendmahl der Remonstranten ist jeder Besucher des Gottesdienstes eingeladen; es gibt eben Wichtigeres als Bestimmungen und Ausgrenzungen, meint Pfarrer Philipp:

O TON

Für mich persönlich eigentlich auch das Argument, dass Jesus auch das Mahl gesehen hat als etwas  Gemeinschaft Stiftende, und mit Zöllnern und Sündern gegessen hat, getrunken hat. Wer sind wir dann eigentlich, um irgendwelche Grenzen zu stellen, welche Gründe haben: Der ist nicht willkommen. Das ist für uns genug, dass jeder selber für sich beurteilt: Kann ich teilnehmen, wenn er selber will, dann ist gut.

1. SPR.:

In den Niederlanden sind die Remonstranten trotz ihrer ungewöhnlichen Theologie eng mit der ökumenischen Bewegung verbunden. Die Kirchen dort wissen, dass die Remonstranten die historisch – kritische Bibelwissenschaft gefördert haben;  sie haben kirchliches Leben demokratisch organisiert und Frauen schon vor 100 Jahren Zugang zum Pfarramt geboten. Der Remonstrant Professor van Leeuwen ist z. B. 2. Vorsitzender des landesweiten Ökumenischen Rates. Auch mit holländischen Katholiken gibt es regelmäßigen Austausch. Inzwischen wissen Christen aller Konfessionen aus Umfragen der letzten Jahre: Längst nicht alle Kirchenmitglieder sind in allen Glaubensfragen hundertprozentig von der vorgegebenen Kirchenlehre überzeugt. Die Remonstranten gehen mit dieser Tatsache damit nur offen um und sehen darin eine Bereicherung.

O TON, Vater Unser auf Niederländisch.

1. SPR.:

Das Vater Unser, das in jedem Gottesdienst gebetet wird, hat für die Remonstranten eine besondere Bedeutung, betont Pfarrer Reinhold Philipp:

O TON

Es ist auch der Moment, wo man gerade die Gemeinschaft spürt,  trotz aller verschiedenen Richtungen, trotzdem dass jeder so seine eigenen Vorstellungen hat, brauchen wir ja auch was uns bindet. Wenn man später drüber reden würde, nach dem Gottesdienst, hätte jeder eigene Gedanken über das Vater Unser. Man braucht Momente des Zusammenstehens, Zusammenbetens, wodurch dann die Gemeinschaft da ist.

1. SPR.:

Die Remonstranten sind eng mit der holländischen Kultur verbunden. Zu Beginn noch von den Calvinisten verfolgt, sind sie immer für eine Kultur der Toleranz eingetreten, in  Schulen, Akademien und Radiostationen. Heute haben sie in Holland 40 Gemeinden. Die Anzahl der Mitglieder und Freunde ist eher bescheiden: Es sind nur etwa 7.000. Aber eine Massenbewegung war die remonstrantische Bruderschaft nie: dafür ist ihre Theologie  wohl zu ungewöhnlich und anspruchsvoll. Heute versuchen immer mehr Pfarrerinnen und Pfarrer der Remonstranten Kirche, Menschen zu begleiten, die jegliche Bindung an religiöse Gemeinschaften aufgegeben haben. Sie werden so zu Dialogpartnern säkularer, agnostischer oder atheistischer Menschen. Pastorin Christiane Berckvens – Stevelinck stammt aus Belgien, sie lehrt Theologie an der Universität von Nijmegen und ist Spezialistin für freie, individuelle Ritengestaltung:

O TON

3. SPRECHERIN:

Viele Menschen, die eine Art Übergangsritus anlässlich von Geburt, Hochzeit und Bestattung wünschen, gehören keiner Kirche an. Aber sie haben den Wunsch, einen Ritus zu feiern, der ihrem Leben mehr Tiefe verleiht. Darum spüren sie ein spirituelles Verlangen in diesen wichtigen Augenblicken. Darum gestalte ich Riten. Die Menschen verlangen nach einer spirituellen Vertiefung, aber dafür haben sie oft nicht die entsprechenden Möglichkeiten.

1. SPR.:

Pastorin Berckvens Stevelinck achtet darauf, welche Wünsche diese Menschen haben;  gemeinsam können sie dann Riten schaffen, die der  eigenen Spiritualtität Ausdruck zu geben. Dabei ist für die Pastorin entscheidend:

O TON

3. SPRECHERIN:

Die Remonstranten machen keine missionarische Werbung. Wir sind überzeugt, die Menschen können nur aus eigenem Antrieb zu unserer Kirche kommen. Dennoch möchten wir jene Menschen auf internationalem Niveau zusammenführen, die aus einer sehr frei interpretierten jüdisch – christlicher Tradition stammen und sich treffen möchten. Mit der heutigen Globalisierung gibt es für uns keinen Grund, dass unsere Kirche nur auf ein Land begrenzt bleibt.

1. SPR.:

Bis jetzt aber gibt es nur in Friedrichstadt, Schleswig – Holstein, eine Gemeinde außerhalb Hollands.

O TON, Glocke

1. SPR.:

Von einem machtvollen Geläut kann wahrlich keine Rede sein, wenn die kleine Glocke der Remonstranten Kirche in Friedrichstadt erklingt. Dort gibt es eine Gemeinde seit fast 400 Jahren. Flüchtlinge aus Holland konnten dort die Stadt nach eigenen Vorstellungen entwerfen und bauen, betont Hellmuth Rabach vom Gemeindekirchenrat:

O TON

Normalerweise steht am Marktplatz die Kirche, und wenn sie bei uns auf den Marktplatz gehen, steht da nur das Rathaus, und die Kirchen gruppieren im Ort. Das ist ganz bewusst so gemacht, um nicht irgendeiner Kirche hierein besonderes Merkmal zugeben, dass keine Kirche die andere dominiert.

1. SPR.:

Von den Calvinisten vertrieben, ließen sich die Remonstranten auch  als Flüchtlinge vom Geist der Toleranz leiten, erklärt Holger Vogt von der Gemeinde:

O TON

Die Remonstranten haben sich auch immer dafür eingesetzt, dass andere Glaubensgemeinschaften hier in Friedrichstadt neben ihnen leben konnten. Deswegen gab es auch Juden hier, Quäker, Mennoniten, na ja alle möglichen Glaubensgemeinschaften, die es damals gab, kamen hier nach Friedrichstadt, weil sie hier eben einigermaßen Glaubensfreiheit ausleben konnten, durch die Remonstranten auch.

O TON, Orgelspiel

1. SPR.:

In dem hellen Kirchenraum ist die Kanzel der Mittelpunkt. Sie steht, leicht erhöht, mitten im Chorraum. In den unteren Teil der Kanzel wurde ein Relief eingefügt, es zeigt eine Frauengestalt, die auf die Bibel weist. Und über allem erscheint eine phrygische Mütze, sie ist das Symbol der Freigeister, berichtet Heinrich Mannel vom Gemeindekirchenrat:

O TON

Es ist  so auch ein Zeichen des Humanismus und dieses Symbol der Freiheit drückt auch unsere Auffassung von Glauben aus und sie hat auf einen Ölzweig auf die aufgeschlagene Bibel gelegt und dort ist der Vers von Johannes aufgeschlagen: Ihr sollt euren Nächsten lieben, wie ich euch geliebet habe. Ich denke, das ist so der Kern der Remonstranten.

1. SPR.:

Die Kirche als ein nüchterner, beinahe kahl erscheinender Raum: Er lädt ein, konzentriert auf die ausführliche Predigt zu achten und „die Augen nach Innen zu wenden“.  Hellmuth Rabach fühlt sich hier sehr wohl:

O TON

Sehen Sie, wir haben keine Bilder, wir haben kein Kreuz in der Kirche. Und das ist mit Bewusstsein, weil wir wollen niemanden dazu zwingen, dass er irgendwelche vorgeprägten Vorstellungen habe. Jeder bitte mit Gott und sich.

1. SPR.

Der Kirche gegenüber ist das Gemeindehaus, der zentrale Treffpunkt der 180 Remonstranten von Friedrichstadt. Die Gemeinde lebt von Spenden und dem ehrenamtlichen Einsatz ihrer Mitglieder. Sorgen um die Zukunft braucht sie sich wohl nicht zu machen: Hellmuth Rabach:

O TON

Aus dem Grundgedanken der Toleranz fühlen sich viele von unserer Kirche angesprochen. Und 20 bis 30 Prozent unserer Gemeindemitglieder sind unserer Kirche beigetreten, weil sie sich hier besser wieder finden. Ursprünglich war ich Lutheraner, habe auch als 16, 17 Jähriger mal überlegt, ob ich auch Pastor werden sollte. Das, was mich hier begeistert, ist eben, dass jeder auch seine eigenen Vorstellungen, wie er seinen Glaube sieht, zum Ausdruck bringen kann, und auch darin nicht behindert wird.

1. SPR.:

Verantwortlich handeln gilt als der „weltliche Gottesdienst“ im Alltag, auch im Beruf, betont der Arzt Jürgen Barth, er ist im Bereich der Onkologie tätig:

O TON

Ich bin nicht jemand, der jetzt meint, jemanden missionieren zu müssen. Das tue ich grundsätzlich nicht. Aber die Sinnfrage stellt sich eigentlich automatisch. Wie sie nun ausgestaltet wird, christlich oder weniger christlich, das ist nicht Inhalt meiner Arbeit. Aber es spielt natürlich auch für mein eigenes Selbstverständnis eine Rolle, über die Dinge zu sprechen, die den jeweiligen Patienten wichtig sind, wie Angst, Vergänglichkeit, Sinn.

O TON, Lied

1. SPR.:

Zur Feier der Sonntagsgottesdienste kommt regelmäßig ein holländischer Pfarrer nach Friedrichstadt.

In seinen Predigten erinnert Pastor Severien Bouwman er immer wieder an die transzendente  Dimension menschlichen Lebens, an das göttliche Geheimnis, das uns trägt:

O TON

Wir leben in einer Zeit, wo es viele gibt, die den Geist nicht nötig haben, den Geist Gottes, der uns spüren tut nach dem Geheimnis des Lebens und nach demjenigen, was uns Menschen wirklich inspiriert. Der Geist Gottes, der sehen tut, was wirklich notwendig ist im Leben und kritisch macht sowohl über uns selbst und was alles in der Welt passiert. Dieser Geist Gottes haben wir immer noch nötig. Amen.

O TON, Orgel Intermezzo

1. SPR.:

Die Pfarrer der Remonstranten Kirche werden an der Theologischen Fakultät der Universität Leiden ausgebildet, zusätzlich werden sie in einem eigenen Seminar mit der besonderen Spiritualität vertraut gemacht, die einen Pastor auszeichnet:

O TON

Wenn ich eine Predigt halte, sage ich nicht: Sie müssen so und so glauben. Aber sie können so und so glauben. Es gibt keine Wahrheit, die ich schon wusste und dann ausspreche, sondern ich suche die Wahrheit auf einem bestimmten Moment und für bestimmte Leute, versuche beizutragen, wie sie leben können. Die Fragen öffnen Zukunft und Lebensmöglichkeit.

1. SPR.:

Nach dem Sonntagsgottesdienst bleibt die Gemeinde noch für eine oder zwei Stunden zusammen, auch darin folgen die Friedrichstädter holländischen Traditionen. Aber Unterschiede gibt es trotzdem: In den Niederlanden wurden etliche Remonstranten Kirchen so umgebaut, dass die Gläubigen auf Stühlen Platz nehmen. In Friedrichstadt hält man sich noch an die alte Sitzordnung und nutzt die Kirchenbänke weiter. Die Gemeindevorsitzende Petra Kühl:

O TON

Für mich ist kein freier Gottesdienst oder kein Freiheitsgefühl, wenn wir da im Kreis sitzen oder ob ich eben in diesem alten Gestühl sitze. Und es ist im Unterschied zu anderen Kirchen sogar auch wiederum relativ frei wiederum, dass ja bis der Pastor kommt dann auch immer geschnackt wird und gelacht wird und getan. Während das ja in manchen Kirchen anderer Konfession nicht möglich ist. Da ist ja in dem Moment, wo man das Kirchengebäude betritt dann auch Stille.

1. SPR.:

Die Remonstranten haben eigene diakonische Projekte; aber sie fördern in der weltweiten Ökumene auch andere Kirchen, wenn sie denn für mehr mehr Toleranz und Demokratie eintreten, berichtet  Franz Wauschkuhn:

O TON

Heute war ja die Kollekte für die koptischen Christen in Ägypten, das sind ja Menschen, die heutzutage verfolgt werden. Man hat im Westen immer den Endruck, dass Ägypten ein tolerantes Land ist, in Ägypten ist die Scharia wieder eingeführt worden.  Wir versuchen mit ganz kleinen Mitteln, die wir hier zusammen kriegen, solchen Menschen zu helfen. Wir haben hier auch Kopten, die in unsere Gottesdienste kommen, also ein ganz konkretes Projekt.

1.SPR.:

Gesprächskreise während der Woche sind für Remonstranten genauso wichtig wie Gottesdienste. In Friedrichstadt hat sich eine Gruppe kürzlich mit Lessings Theaterstück „Nathan der Weise“ befasst und angesichts der  aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen über Toleranz diskutiert: Anke Richter Teubler:

O TON

Meine Kritik an einem oberflächlichen Toleranzbegriff ist der, dass er völlig a- politisch und letztlich unmenschlich ist. Weil es der Toleranzbegriff ist, der das hohe Ideal der Achtung verrät, verkauft an eine Haltung, die wir alle immer kritisieren in allen Medien, nämlich die des Wegguckens. Dann sind wir auch „tolerant“, nichts zu machen. Und das darf nicht sein. Also da werde ich scharf. Und jede Toleranz hat ihre Grenzen. Auch die aktive Toleranz, die sich wirklich um Verständnis um Auseinandersetzung und Dialog bemüht, auch die kommt irgendwann zwangsläufig an den Punkt: wo sie sagt. Stopp: Weiter mit mir nicht.  Keine Verhandlung mehr möglich, bewege du dich jetzt, auch das gehört zur Toleranz. Also Friede, Freude, Eierkuchen, das ist keine Toleranz, das ist eine ganz bescheuerte Beliebigkeit.

1. SPR.:

In Friedrichstadt mit seinen 4.000 Einwohnern sind mehrere Konfessionen vertreten. Die Gemeinde der Wiedertäufer, Mennoniten genannt, sowie Katholiken und Mitglieder der Dänischen Kirche. Am größten ist die Lutherische Gemeinde. Auch sie hat gute ökumenische Beziehungen den Remonstranten.

O TON Glocke Utrechter Dom

1. SPR.:

Die Glocken der mittelalterlichen Domkirche zu Utrecht in Holland, Hier, im Herzen der Niederlande, haben die Remonstranten in einem kleinen Grachtenhaus ihr zentrales Büro untergebracht. Hier werden Studientage organisiert, zum Beispiel zur Globalisierung oder zur ökologischen Krise; auch die remonstrantischen Jugendgruppen werden von hier aus gefördert. Angesichts einer zunehmenden Vorliebe so vieler Menschen für fundamentalistische Überzeugungen wollen sich die Remonstranten als freie, liberale Geister noch deutlicher behaupten und ihren freisinnigen Geist zum Ausdruck bringen, Generalsekretär der Remonstranten ist Pastor Tom Mikkers:

O TON

Das Christentum hat die ersten 1500 Jahre sich engagiert in einem Institut und gesagt:  Gott wohnt in dieses Institut. Dann kam die Reformation und hat gesagt: Er wohnt nicht im Institut, denn das  gibt zu viel Machtmissrauch, er wohnt jetzt in der in einem Buch, Bibel. Aber das ist nur eine Möglichkeit. Aber man soll das ein bisschen relativieren. Ich glaube, Jesus hat nie ein Buch geschrieben und nie eine Kirche gestiftet. Für mich ist das Zentrum von Glauben: Dass Jesus war eine Gegenbewegung, also es war nicht konformistisch.

1. SPR.:

Neues vorschlagen, alte Traditionen befragen und möglicherweise auch zurücklassen: Die Remonstranten haben sich schon vor 20 Jahren ausdrücklich entschieden, homosexuelle Paare kirchlich zu segnen:, und zwar auch dann, wenn sie nicht Mitglieder der Remonstranten sind. Pastor Bouman:

O TON

Das ist überhaupt kein Problem. Wir machen keinen Unterschied mehr. Schon lange. In Holland habe ich verschiedene Leute gesegnet, Hochzeit gemacht, ich bin auch ein bisschen stolz darauf, dass wir als erste Kirche überhaupt das gemacht haben. Es wurde nicht von allen anderen Kirchen geliebt. Dennoch. Das ist etwas, was voll und ganz und ganz realisiert ist.

1.SPR.:

Und in den letzten Jahren öffnen sich die Remonstranten durchaus auch für Menschen anderer Religionen, erklärt der Philosoph Wibren van der Burg:

O TON

Wir sind davon bereichert worden, dass wir immer Leute von anderen Religionen innerhalb unserer Kirche haben. Und zum Beispiel gibt es auch Leute, die bei uns interessiert sind im Zenbuddhismus und Islam. Und auch Elemente davon mitnehmen. Zum Beispiel gibt es auch Leute bei uns, die jetzt den Ramadan mitfeiern. Sie lassen sich davon inspirieren, und sagen: Ja, das will ich auch mitmachen.

1. SPR.:

Die Remonstranten wollen konfessionelle Grenzen überwinden. Darum unterstützen sie weltweit auch Projekte des interreligiösen Dialogs. Seit vielen Jahren sind sie Mitglied der „Internationalen Vereinigung für religiöse Freiheit“, zu der etwa 70 weitere religiöse Gemeinschaften gehören. Der Remonstranten Pfarrer Johan Blaauw

O TON

Wir sind auch Mitglied der IAF, der International Association of Religious Freedom. Und da sind auch Freisinnigen aus der buddhistischen oder der islamitischen Tradition und von anderen Konfessionen. Und ich muss sagen: In diesen Kreis freisinniger Muslime und freisinniger Buddhisten kann man besser sprechen über Rel. als z B. mit fundamentaltistischen, orthodoxen Christen.

1. SPR.:

Die Remonstranten: Zweifellos eine ungewöhnliche Kirche in der weiten Christenheit. Sie wagt sich in ihrer Lehre und Praxis weit hinaus über Alt – Vertrautes. In Zeiten zunehmenden Fundamentalismus in der religiösen Szene sind sie diese Freigeister fast eine absolute Ausnahme. Über das Internet werden sie allmählich zu einer internationalen Gemeinschaft, berichtet Pastor Tom Mikkers:

O TON

Internet gibt uns die Möglichkeit, die Leute zu interessieren für die Remonstranten. Im letzten Jahre hat es Leute aus dem Ausland gegeben, die auch die Frage stellen: Können wir Remonstrant werden? Und dann sagen wir immer: Das ist möglich. Wenn Sie noch 10 oder fünf andere finden, dann kann so eine Gruppe beginnen. Und dann werden wir dazu helfen. Wir sagen immer. Paulus hatte ein Boot, und wir haben das Internet.

Spiritualität

Posted in Spiritualität
Post date: Februar 8, 2010

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