Glauben ist Freisein

Das Forum der liberal-theologischen protestantischen Remonstranten – Kirche in Berlin hat im Augenblick seinen Schwerpunkt in den religions-philosophischen Salons. Dies sind philosophische Gesprächskreise, auch zu literarischen, künstlerischen, religionswissenschaftlichen und theologischen Themen, in der selbstverständlichen Freiheit, ohne jede “konfessionelle Werbung”. Diese Salon-Abende sind natürlich offen für alle, die nach einer kritischen und selbstkritischen philosophischen Vertiefung ihrer Lebensfragen mit anderen zusammen suchen. Wir als  Remonstranten halten nicht so viel von einer Religion oder Kirche, die dogmatisch eng “nur unter sich bleiben will”. Lernen von “den anderen” ist für uns philosophisch und theologisch entscheidend. Wir empfehlen, wenn man Niederländisch lesen kann,  die aktuelle, sehr ansprechende website der niederländischen Remonstranten zu besuchen. Klicken Sie hier.

Der nächste Salon findet am MITTWOCH, den 28. Oktober 2016 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 statt. Wir wollen etwas mehr Differenzierungen entdecken beim Thema “Das Böse”. Darum der durchaus pro-vozierende, also einladende Titel: “Der Mensch ist böse … und Gott hat ihn erschaffen”. Hintergrund ist auch das neue Buch von Bettina Stangneth “Böses Denken” (Rowohlt) sowie die Frage, mehr religionsphilosophisch: Welchen Sinn hat es eigentlich noch, von der Erbsünde zu sprechen? Ist ein Christentum denkbar, das auf die Erbsünde verzichtet? Das gab es schon im 5. Jahrhundert, etwa bei dem katholischen Bischof Julian von Eclanum; seine menschenfreundliche, man möchte sagen humanistische Lehre wurde dann aber als Häresie abgetan. Haben wir heute den Mut, wieder Häretiker in dieser Hinsicht zu werden? Eine spannende Frage!

Der  Salon am FREITAG, den 23. September 2016, fand bei 12 TeilnehmerInnen ein reges Interesse, die Diskussionen waren wie üblich kontrovers, und das ist gut so.  Das Thema hatte sich auf das Buch des französischen Philosophen Michel Serres bezogen: „Erfindet euch neu“ (bei Suhrkamp erschienen, 77 Seiten, 8,30 €). Dr. Hans Blersch, Mathematiker und praktischer Philosoph und etlichen Teilnehmern unseres Salons bereits bekannt, führte in das Thema ein. Die These von Michel Serres, wie sie auf dem Buch Cover „Erfindet euch neu“ mitgeteilt wird, heißt: „In der kurzen Zeitspanne, die uns von den siebziger Jahren (1970 ff.) trennt, ist ein neuer Mensch geboren worden. Er oder sie … kommuniziert nicht mehr auf die gleiche Weise, nimmt mehr dieselbe Welt wahr, lebt nicht mehr in derselben Natur“ (wie etwa Michel Serres, Jahrgang 1930!). Ist also (schon wieder ?) ein Bruch der Generationen entstanden? Ist die junge Generation (in Europa oder weltweit ?) der alten überlegen? Hat die ältere Generation die Chance, sich neu zu erfinden?

Unser Tagesausflug nach Karlshorst (am 26.8.2016) mit 12 TeilnehmerInnen war ein vielfältiges Erleben mit einer “guten Mischung” aus philosophischer Diskussion, Orgel – und Kirchenführung sowie Besichtigung des Deutsch-Russischen Museums. Besten Dank an Pfarrer Edgar Dusdal, Karlshorst, der diesen Tag für uns entscheidend gestaltet hat.

Der Religionsphilosophische Salon im JULI, Freitag, den 15. Juli 2016 in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, fand großes Interesse unter den 19 TeilnehmerInnen.  Anläßlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) in der Gemäldegalerie (ab 1.7. 2016) sprachen wir über die Hintergründe (künstlerisch, philosophisch, religiös) des  „Goldenen Zeitalters“.

So kann am sich ein Bild machen über unsere Veranstatungen der letzten Monate:

Im Salonabend am 24. Juni 2016 in der Weinhandlung Sinnesfreude waren 21 TeilnehmerInnen dabei. Wir sprachen über das Thema Sattsein und Übersättigtsein und Hungern anläßlich der Neuköllner Kulturtage “48 Stunden Neukölln”.

An unserem Salon am 20. Mai 2016 über den Philosophen Emile Cioran mit dem bekannten Berliner Philosophen Dr. Jürgen Große beteiligten sich 23 TeilnehmerInnen. Auch das Thema Skepsis und Mystik wurde – im Anschluss an Ciroan – diskutiert.

Zum Salonabend über das Thema “Alle Menschen sind Grenzgänger” am 29. April 2016 kamen 18 TeilnehmerInnen.

Am Salonabend am 18. März 2016 beteiligten sich 25 Personen, etliche mussten wegen der begrenzten Anzahl der Plätze abgewiesen werden. Das Thema bewegt viele: “Für eine Philosophie der Auferstehung”.

Im religionsphilosophischen Salon am 26. Februar 2016 kamen 22 TeilnehmerInnen zusammen, wir sprachen über das Thema: “Privateigentum und Gemeinwohl”. Das große Interesse an dem Thema zeigt einmal mehr: Gespräche im Salon sind beliebt, werden gewünscht. Einige Hinweise zum Thema finden Sie hier.

Der Philosophische Salon am Freitag, den 22. Januar 2016, hatte das Thema: “Was ist wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?” 18 TeilnehmerInnen beteiligten sich an dem Gespräch. Für einen Hinweis zum Thema klicken Sie bitte hier.

Am Salonabend am 11. Dezember 2015 über “Du schöner Schein, bist du auch wahr?” (Sprichwort aus Hollywood) beteiligten sich 17 Personen, wir trafen uns in der Weinhandlung Sinnesfreude in Berlin-Neukölln. Wir sprachen über die Allmacht des Scheins, der Lüge, der diplomatischen Floskeln… und über den Verlust an Echtheit, an Wahrhaftigkeit, an “Authentizität”.

Der Salon am 27. 11. 2015 mit dem remonstrantischen Theologen Prof. em. Johan Goud aus Den Haag hat 26 TeilnehmerInnen sehr unterschiedlicher philosophischer, religiöser Herkunft zusammengeführt. Etliche Interessierte mussten wegen des Mangels an Plätzen leider abgewiesen werden. Das Thema war: Theologie und Autobiographie.  Siehe auch den Beitrag, der sich von den Vorschlägen und Fragen von Johan Goud inspirieren läßt mit dem Titel “Meine Biografie – meine Theologie”. Nochmals Dank an Prof.Goud, dass er zu uns nach Berlin gekommen ist!

Das Forum der Remonstranten Berlin bietet  seit mehr als 6 Jahren, monatlich einmal eine Veranstaltung an, den religionsphilosophischen Salon. Wenn sich mehr Menschen aus religiösen wie nichtreligiösen Kreisen für diese aus den Niederlanden stammende freisinnige protestantische Glaubensgemeinschaft interessieren, die der liberalen theologischen Tradition verpflichtet ist, können auch weitere Treffpunkte etc. gemeinsam (!) gestaltet werden. Diese neue liberale theologische Position ist eine Chance, Spuren des Religiösen (in sich selbst) wahrzunehmen, nicht nur in der Kirche, sondern in der Kultur, dem gesellschaftlichen Zusammenleben, ohne dabei in dogmatische Zwänge zu geraten. Es geht darum, dass jeder Mensch seinen eigenen Glauben entwickelt, ausspricht, schätzt. Dabei entsteht eine Vielfalt. Diese Pluralität ist in der Remonstranten Kirche sehr willkommen. Glaube entwickelt sich im Respekt vor dem eigenen Glauben und der Auseinandersetzung mit religiösen, biblischen Texten, wenn diese denn z.B. mit dem Geist der Humanität sich versöhnen lassen. Bei vielen Menschen ist offenbar die Bindung an dogmatische Vorgaben (also Lehren aus früheren Zeiten) so stark, dass sie es nicht wagen, sich zum guten Recht zu ihrem eigenen Glaubens zu bekennen. Kant würde heute sagen: “Wage es, deinem eigenen Glauben zu vertrauen und ihn im Gespräch mit anderen (der Remonstranten-Gemeinde) zu vertiefen”.  Gemeinden sind Gesprächsgemeinden, keine Orte der dogmatischen, klerikalen Belehrung. Das sah übrigens auch Schleiermacher so.

Wer sind die Remonstranten?

Die Remonstranten – eine Kirche der besonderen Art. Protestantisch und humanistisch, dogmenfrei und lernbereit von anderen Religionen. Sie hat eine lange Tradition, sie hat sich immer wieder weiterentwickelt. Sie ist eng mit der Ökumenischen Bewegung verbunden, hat aber auch gleichermaßen Interesse am Dialog mit humanistischen Gruppen.

Wir weisen aufgrund einiger Nachfragen gern darauf hin: Die freisinnige Kirche der Remonstranten  versteht sich auch als “Asylkirche”, d.h. als Zufluchtsort für Menschen, die die dogmatischen Vorgaben und das hierarchische System ihrer angestammten Konfessionen nicht mehr aushalten und sich ihren persönlichen, individuellen  Glauben bewahren wollen sowie nach einem Refugium der Freiheit und der Selbstbestimmung auch in religiösen und ethischen Fragen suchen. Sie sind bei den Remonstranten willkommen!  Auf diesen Charakter der “Asylkirche” hat der Allgemeine Sekretär der Remonstranten Kirche, Tom Mikkers, Utrecht, mehrfach hingewiesen. Für dieses Leitbild “Asylkirche”  sind inzwischen viele Menschen dankbar.

In den Niederlanden hat die Remonstranten Kirche ca. 5.000 Mitglieder und “registrierte Freunde”, also Menschen,die  einer anderen Kirche (etwa der katholischen Kirche) weiterhin angehören wollen, aber gern in der freisinnig – christlichen (undogmatischen) Kirche der Remonstranten mittun und moderne Spiritualität miterleben möchten.  Für Remonstranten ist solche “Doppelmitgliedschaft” überhaupt kein Problem.  In Deutschland ist die Remonstranten Kirche  seit dem 17. Jahrhundert in Friedrichstadt vertreten. In Berlin gibt es seit Januar 2010 ein “Forum der Remonstranten”, dort versuchen wir im Geist der Remonstranten ein freies spirituelles und religionsphilosophisches Gespräch zu fördern, die Möglichkeiten sind groß und vielfältig…

PS. Remonstranten – das Wort leitet sich von “remonstrance” her, es meint Abwehr und Zurückweisung: Diese reformierten Christen lehnten es zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Holland ab, an einen alles vorher bestimmenden Gott zu glauben. Sie wollten als Menschen freie und selbständige Wesen sein und bleiben. Sie verzichten nicht auf das kritische Denken, wenn sie die Frage nach Gott stellen oder nach dem Sinn von Glauben und Kirche fragen. Sie nehmen sich die Freiheit, diese “Freiheit des Glaubens” nicht als ferne Utopie oder Geschenk von Autoritäten, sondern schon jetzt zu leben.

Die Remonstranten waren 1986 die erste Kirche weltweit, die homosexuelle (Ehe-) Paare in ihren Kirchen offiziell segneten, auch Menschen, die nicht zur Remonstranten Kirche gehören. Schon vorher war  es für Remonstranten  selbstverständlich , dass homosexuelle Menschen in den Gemeinden willkommen sind. Iim Unterschied zu allen anderen Kirchen ist das kein “problematisches” Thema…  Insofern sind die Remonstranten einmal mehr ein Ort der Freiheit…Deswegen wurden die Remonstranten auch von der niederländischen Organisation COC kürzlich ausdrücklich gelobt und gewürdigt.

Wir erlauben uns den Hinweis, dass die deutschsprachige Seite von wikipedia über die Remonstranten unserer Meinung nach die heutige theologische Überzeugung nicht beschreibt, die theologischen Hinweise dort sind allein für Historiker noch interessant und möglicherweise bedeutungsvoll. Wikipedia kommt – bei diesem Thema – als zuverlässige und umfassende, auch aktuelle Informationsquelle kaum in Frage.

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