Re­mon­s­t­ran­ten – “klein, aber fein”: Aus einem Interview mit Prof. Marius van Leeuwen

Marius van Leeuwen

Re­mon­s­t­ran­ten – „klein, aber fein“

Aus einem Interview mit Prof. Marius van Leeuwen

Von Christian Modehn

Die Juli Ausgabe (2012) der Monatszeitschrift der Re­mon­s­t­ran­ten ADREM (Utrecht) ist ein Heft, das der Theologe Marius van Leeuwen redaktionell betreut hat. Von 1993 bis zum Sommer 2012 ( Zeitpunkt seiner Emeritierung) leitete er das theologische Seminar der Re­mon­s­t­ran­ten in Leiden. Er ist u.a. durch zahlreiche Studien zur Geschichte dieser Kirche hervorgetreten. Für ADREM hat Martijn Junte mit Prof. van Leeuwen ein Interview geführt. Wir bieten in eigener Übersetzung einige Auszüge, vor allem solche Texte, die für deutsche LeserInnen das besondere Profil der Re­mon­s­t­ran­ten – Kirche einmal mehr deutlich machen können.

Frage: Welches Bild hast du von der Zukunft der Kirche?

Van Leeuwen:

Kirchen sind in eine Minderheiten – Position gekommen. Viele Menschen leben sehr gut ohne Glaube und ohne Kirche. Man kann nicht darauf beharren, dass diese Menschen ein unvollkommenes Leben führen oder des Glücks entbehren, wenn sie nicht glauben. Doch werden immer Menschen auf religiöse Weise das Leben betrachten und die Werte der christlichen Tradition erkennen oder danach suchen. Der Glaube wird fortbestehen, aber als eine Option, nicht als eine Notwendigkeit im Leben.Dann wird Prof. van Leeuwen gefragt, ob in diesem Kontext die Re­mon­s­t­ran­ten eine „Chance“ haben:

„Es gibt auch eine gemäßigte Form des Glaubens (gegenüber den orthodoxen und evangelikalen Kirchen), also die Re­mon­s­t­ran­ten. Ich denke, dass diese Form von Kirchesein für viele Menschen ansprechend ist. Es ist auch nötig, dass Menschen weiterhin experimentieren mit einer „freisinnigen Variante“ des Glaubens. … Nicht, dass man nun jeden bekehren muss, aber der Glaube bleibt eine wichtige Lebensorientierung.

Freisinnig bedeutet für mich: Niemand hat die ganze Wahrheit.  Das christliche „Gedankengut“ gibt es, aber nicht in dem Sinn von Glaubensartikeln, die nun jeder glauben muss. Der eine Glaubende wird einem „Element“ des Glaubens fasziniert, der andere von einem anderen Element. Immer handelt es sich um Fragmente, und darin leben wir. Der remonstrantische Glaube hat nicht eine Substanz, die ein für alle mal klar umschrieben werden kann. Unser Glaube ist eher eine bestimmte Form, mit Wahrheit und Wahrheitsansprüchen umzugehen“.

Dann weist Marius van Leeuwen darauf hin, dass die Re­mon­s­t­ran­ten „eine niedrigschwellige Kirche“ sind. „Wir stellen wenige Forderungen an Menschen, wir kennen etwa das offene Abendmahl als Einladung an alle; wir haben ein einladendes Glaubensbekenntnis, das man nicht in irgendeiner Form unterschreiben muss. Das Glaubensbekenntnis ist ein Vorschlag, eine Anregung: Schau selbst die Dinge des Glaubens an! Aber diese niedrige Schwelle hat auch die Gefahr in sich, dass man alles schön findet und den Kern nicht mehr sieht. … Da kommt die Frage nach dem Bekenntnis wieder auf“.

Auf die Frage nach der Bedeutung der Re­mon­s­t­ran­ten Kirche für die weltweite Ökumene nennt Marius van Leeuwen einige Beispiele:

Im Rahmen der Diskussionen über die Taufe „brachten wir den Hinweis ein, dass wir auch Mitglieder haben, die nicht getauft sind. Unserer Meinung ruft Gott auch Menschen auf anderen Wegen als über das Ritual der Taufe. Dann treten wir bei internationalen Konferenzen der Ökumene (etwa in Harare oder Porto Alegre) immer für die Gleichberechtigung der Homosexuellen ein.  „Darüber gibt es viel Streit mit einigen afrikanischen Kirchen“.

Ausdrücklich weist Prof. van Leeuwen darauf hin, dass die kleine Kirche der Re­mon­s­t­ran­ten jetzt „die Bescheidenheit abgeworfen hat. Der Gedanke heißt jetzt: Wir sind klein, aber fein. Beweglich. Wir können eine Rolle als Wegbereiter für Neues sein. Dazu gehört auch die publizistische Arbeit und PR Arbeit unseres allgemeinen Sekretärs Tom Mikkers“.

„In den kommenden Jahren werden wir uns besonders um einen neuen Lebensstil kümmern. Wenn alle Menschen dieser Welt so leben wie wir (Europäer), dann haben wir wohl das Ende. Auch bei diesem Engagement für die Gerechtigkeit spielt der Glaube eine Rolle, die Verantwortung für die Schöpfung und damit auch für die kommenden Generationen“.