Lebendig sein. Unter Kirschblüten. Zu einem HAIKU

Überlegungen – mitgeteilt im Forum der Re­mon­s­t­ran­ten am 14. 3. 2010

Lebendig sein. Ein Hinweis auf ein Haiku von Issa.

Glauben ist Freisein –
das Motto des Re­mon­s­t­ran­ten – Forum- Berlin.

Natürlich hat jeder Mensch die Freiheit, seinen eigenen Glauben nach seiner eigenen Art persönlich zu entwickeln (ausgeschlossen ein Glaube, der sich als Terror äußert). Glaube ist Freisein: Eine Tatsache, die heute längst nicht weltweit gilt. Es gibt immer noch Hierarchien, die dem einzelnen vorschreiben, was er zu glauben hat.

Wie sagt der Apostel Paulus: „Prüft alles, das Gute behaltet“ .
Das Gute kann ja nur sein: Was uns im Leben hilft zugunsten der Lebendigkeit mit anderen, was uns also Miteinander- Leben ermöglicht.
Inspirationen für eine spirituelle Entwicklung sind selbstverständlich auch außerhalb des Christentums finden. Dies gilt besonders für Re­mon­s­t­ran­ten.
Auf dieser Spur der Freiheit bin ich zu den ultra-kurzen Gedichten aus Japan, den berühmten Dreizeilern, den Haikus, gekommen. Winzige Texte, die so einfach und manchmal gar schlicht erscheinen, die sich aber in einem längeren, meditativen Bedenken als Tiefe erschließen. Sie wecken eine Aura der Stille. Da werden Erfahrungen benannt, die eine Unmittelbarkeit erzeugt.

Ein Haiku ist mir besonders aufgefallen, es hat der japanische Haíku Meister ISSA geschrieben. 1763 in ärmlichen Verhältnissen geboren, hat er Hunger, Kälte, alles Negative erfahren. Später war er Pilger zu den großen Heiligtümern im Land. In großer Armut ist er gestorben.

Das Haiku, das ich hier vorstellen möchte, heißt:

Wie merkwürdig.
Lebendig zu sein
Unter Kirschblüten.

Zunächst einige Eindrücke: Der Leser wird aufgefordert, offenbar etwas Merkwürdiges wahrzunehmen. Wie „merkwürdig“ heißt es.

Aber was ist merkwürdig? Es ist das Lebendig sein unter Kirschblüten.
Lebendigsein, selber leben zu können, selber atmen zu können, da zu sein, aber unter Kirschblüten, also im Frühling.

Kirchblüten haben ja etwas Weißes, Reines, Unberührtes, man möchte sagen Zerbrechliches und Gefährdetes. Man möchte sie behüten, sanft.

Aber ich denke, in diesem Haiku geht es vor allem darum: Ich bin jetzt DA in diesem Moment der Kirschblüte. Ich erlebe diesen Augenblick als mein Dasein inmitten einer blühenden Baumes. Es ist die Wahrnehmung des Lebens selbst, die da zum Ausdruck kommt. Ich bin da, ich lebe: Diese Erfahrung stellt sich ein. Und das ist doch alles andere als selbstverständlich. Es ist die Erfahrung des Erstaunlichen.

Normalerweise werden wir vom Alltag „aufgefressen“, haben keinen Blick mehr fürs Besondere, für Erstaunliche, vielleicht Wunderbare des Daseins. Aber inmitten des Bekannten, inmitten unserer Umgebung, inmitten des Alltäglichen, auch in der so kurzen Kirschblüte, zeigt sich Leben, Blühen, Farbe, Vielfalt, Energie der Natur. Alles ist erstaunlich. Auch das Graue, das Öde. Nicht nur die Kirschblüten. Aber die bringen uns auf den Gedanken des Erstaunlichen.

Kirschblüte: Wir sind hineingestellt in einen Raum, den wir eigentlich nicht gemacht haben, der nicht unserer Herrschaft und unserem Zugriff zur Verfügung steht. Wir stehen in einem Raum, der uns geschenkt ist.

Und wir entdecken dabei: Auch wir selbst stehen in einem Raum des Offenen, aber auch des Ungesicherten, des wieder Verblühenden. Lassen wir dieses Erstaunliche offen. Kommen wir nicht gleich mit Erklärungen und Gründen; sehen wir, wie sich da eine Dimension unseres Lebens zeigt. Das Alltägliche.
Es ist möglich, sich einfach unter den blühenden Baum zu stellen, einfach nur „da“ zu sein. Dann entstehen Stille, Sammlung, Blick auf Wesentliches… Hilfreiches.

Wie merkwürdig.
Lebendig zu sein
Unter Kirschblüten.

C.M.

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