Archive for the ‘Spirituelle Anregungen und Meditationen’ Category

Bittgebete – die Wirklichkeit annehmen

Post date: Juni 22, 2010

Bitten und beten und die Wirklichkeit sehen
Gedanken, vorgetragen anlä0lich des Treffens des Forums der Remonstranten in berlin am 20.6.2010
Wir entwickeln gelegentlich unsere persönliche Lebens – Poesie, stammelnde Worte im Alltag, Segenswünsche, Versuche, ohne Floskeln Dank zu sagen. Manchmal gelingen sprachlich schon „reifere“ Sätze, die in die Richtung Poesie gehen. Poesie, wenn auch dem ernsten Spiel der Sprache verpflichtet, ermuntert uns, in uns selbst zu schauen, auf den Grund unseres Daseins. Wem das gelingt, erlebt Poesie auch als Lebenshilfe.
In dem Zusammenhang scheint mir das BITT – Gebet wichtig zu sein.
Ich brauche nicht lange zu verdeutlichen, was Bittgebete in einem populären Verständnis sind: Es sind die Fürbitten im Gottesdienst, die persönlichen Bitten um Gesundheit und Zufriedenheit, Bitten um Frieden, Bitten um die Hilfe Gottes oder sogar der „Gottesmutter Maria“ etwa in katholischen Wallfahrtsorten….Sind solche Bitten Magie, nur naives Bewusstsein von“ schlichten“ Frommen?
Manche sagen, sicher zurecht: Diese Formen des Bittgebetes, die unmittelbare Erfüllung meines Bittens durch Gott erwarten, haben etwas sehr Egozentrisches. ICH will mit MEINEN Anliegen Mich durchsetzen bei Gott, den ich außerhalb von mir als den Allmächtigen und Barmherzigen verehre. ER soll mit seiner Allmacht mir meine Wünsche erfüllen.

Ich schlage eine vernünftige Form des Bittgebetes vor:

Zunächst will ich mich beim Bitten und Flehen immer fragen: Um die Abwendung welchen Übels will ich bitten?
Ich muss also unterscheiden: Was ist unabwendbar und was ist veränderbar? Es wäre also sinnlos zu bitten, dass Gott mich vor meinem Tod als solchem bewahren möchte.
Dann gibt es Situationen, die veränderbar sind. Aber was nützt es da zu bitten: Gott hilf, den Hungernden in meiner Nachbarschaft, dass sie etwas zum Essen finden.
Bittgebete sind eine Aufforderung zum Reflektieren:
Sie führen zurück zu uns selbst: Sie stellen uns in Frage, nehmen uns in Pflicht: Können wir denn nicht dem Armen in unserer Nachbarschaft Speisen reichen?
Bittegebete sollen also formuliert werden. Aber sie sollen uns wieder zurück auf uns selbst führen.
Nicht immer werden wir unmittelbar etwas tun können, es gibt ja, um im Bild zu bleiben, Millionen von Armen und Hungernden. Ich bin froh, wenn ich als einzelner einem Armen wirksam helfen kann.

Aber entscheidend ist: Mit der Bitte werde ich zum Nachdenken angeregt: In welcher Welt leben wir eigentlich? Was ließe sich politisch verändern? Wo ist sozusagen der „Wurm drin“. Also: wo zeigt sich menschlich Böses, gegen das wir kaum ankommen und doch dagegen kämpfen müssen.

In dem Moment des Erstaunens über die eigenen Grenzen stelle ich mich und die ganze Welt Gott anheim. Das heißt, ich stelle mich auch dem Geheimnis des Lebens, dem Geheimnis der Welt. Wer bin ich eigentlich? Wo will ich hin? Sind mir die anderen so fremd? Oder kann ich Empathie entwickeln? Bittgebete verweisen mich also auf mein Menschsein, aber immer auch auf das Menschsein aller anderen. Ich weite sozusagen mein Denken, zugunsten einer großen Empathie, einer Einfühlungskraft in andere: Ich sehe ihr Elend. Und im Einfühlen schmerzt es mich auch ihr Leid; ich wünsche ihnen Kraft und Heilung: Das kann ich formulieren als Ausdruck meiner empathischen Haltung. Das ist Bittgebet, ich höre mich selbst beim Bitten/Beten, werde durch meine laut oder leise gesprochenen Worte an meine Verpflichtung zur Empathie erinnert. Bittgebete führen also zum solidarischen, zum freundschaftlichen Tun.

Da erwarte ich nichts mehr von dem außen agierenden allmächtigen Gott, den ich in Wallfahrten bestürme..um doch bloß MIR gnädig zu sein.
Da stelle ich mich vielmehr dem Geheimnis der Welt, und darin ist Gott sozusagen als innere Kraft, als inneres Licht IN MIR.
Hubertus Halbfas, ein katholischer Theologe, hat das einmal so formuliert: „Das Ich lässt transformieren in das göttliche Du“. In diesem Einswerden mit Gott geschieht die „Erhörung“ meines Bittgebetes.
Bittgebete sind also ein Weg der persönlichen Weitung, der Läuterung, des Innewerdens des Gottes IN uns….diese Erkenntnis hilft, so kann immer mehr die göttliche Wirklichkeit, das göttliche Licht, in uns sein.
Bittgebet hat also nicht mit „Plappern“ zu tun, wie Jesus von Nazareth kritisierte, Bittgebet ist ein höchst anspruchsvolles poetisches Suchen und Versuchen. H.W.

Wer glauben will, braucht den Unglauben

Post date: Mai 11, 2010

Wer glauben will, braucht auch den Unglauben
Einige Vorschläge zum Treffen des „Forums der Remonstranten in Berlin“
am 9.5.2010

Im Markus Evangelium im 9. Kapitel gibt es eine interessante Geschichte, die zum erneuten Nachdenken anregt über die Beziehung von Glauben und Unglauben.
Jesus begegnet einem an Epilepsie leidenden Jungen und dessen Vater, der das Leiden seines Sohnes kaum noch ertragen kann.
Der Vater hält Jesus – dem damaligen Denken folgend – für einen magischen Wundertäter. In letzter Verzweiflung bittet er Jesus darum, den Sohn von der Krankheit –leiblich – zu befreien.
„Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben“, sagt der Vater. Er will damit sagen: Nimm meinen Unglauben weg, damit ich ganz und ausschließlich nur noch an die wunderbare Heilkraft Jesu glauben kann.
Jesus heilt im Bericht des Markus Evangeliums den Jungen. Der Bericht ist dem damaligen Weltbild entsprechend „bunt“ ausgestattet. Dieses antike Weltbild entspricht uns nicht mehr. Wir haben die Freiheit, den Text mit unseren heutigen Verstehens- Kategorien zu interpretieren.
Die Jünger fragen Jesus, woher er die Kraft des Heilens habe. Und da kommt die interessante Antwort Jesu: „Diese Art des Heilens ist nur möglich durch Beten“.

Wird dadurch die Sache einfacher? Heilt Beten? Da muss man sich erinnern, was Beten für Jesus bedeutet: Es ist das gesammelte Sich zurückziehen; in der Wüste hat Jesus gebetet, er empfiehlt im stillen Raum zum Beten, er empfiehlt nicht zu plappern, sondern in sich zu gehen, zu schweigen.

Diese Elemente des Betens im Sinne Jesu bedeuten: Nichts anderes als Meditieren, als stilles Verweilen, als zur Ruhe kommen, sich selbst finden, die eigene Tiefe suchen und da dabei dem Lebensgeheimnis nachspüren. Die Wirklichkeit annehmen.

D.h. Durch besinnliches Nachdenken und Meditieren geschieht eine neue Lebenseinstellung: Der Junge steht auf, er wird wieder eine selbständige Person, er ist nicht nur ein Kranker, der einem auf den Geist geht. Also werden Krankheiten nicht magisch geheilt, der Mensch kann sie annehmen als Teil des Lebensgeheimnisses. Das heißt: Die Krankheit bleibt, aber sie verliert ihren Schrecken, weil sie eingeordnet wird in ein Verstehen der weltlichen Wirklichkeit. Das Verstehen führt zur Annahme.

Und noch ein Wort zu dem schönen Satz, der fast ein theologisches Sprichwort ist: „Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben“.
Den Satz möchte ich so interpretieren: Hilf meinem Unglauben, bedeutet nicht, dass mein Unglaube sozusagen verschwindet, in dem Sinne, hilf, dass der Unglaube überwunden wird. Das Ziel, „NUR“ zu glauben, sozusagen nur und ausschließlich als gläubig zu leben, sozusagen 100 % rein zu glauben, halte ich nicht nur für eine irregeleitete Idee. Sie ist auch für den richtig verstandenen Glaubens selbst schädlich: Denn Glauben bezieht sich immer auf das Lebensgeheimnis, das nie zu greifen ist. Da habe ich nie etwas sicher in der Hand. Da kann der Glaube stets nur eine Suchbewegung sein, stets etwas Provisorisches, etwas, das sich im Auf und Ab meines Lebens wieder ändert. Und da hilft der Unglaube, hier verstanden als Zweifel, als Fragen, als Skepsis, stets weiter. Dass wir uns nicht an einem fix und fertigen Glaubensbegriff festhalten, sondern weiter gehen suchen und fragen: welches Lebensgeheimnis trägt mich wirklich.
Darum kann heute der Satz heißen: “Herr ich glaube, aber lass mir meine Skepsis, lass mir den Unglauben, zur Vertiefung, zur Korrektur meiner Lebenseinstellung. Nimm mir nicht den Unglauben, diese Skepsis, dieses Fragen, das mich lebendig hält. Damit ich unruhig bleibe und suchend”.

Glaube ohne Unglaube ist nicht menschlich. Wir brauchen uns nicht von Skepsis irritieren zu lassen, wir können stolz sein, wenn wir auch Unglauben haben und in dieser dialektischen Spannung von Glauben und Unglauben menschlich leben. H.W.

Freigeister gehen voraus… Ein Hinweis von Georg Christoph Lichtenberg

Post date: Mai 8, 2010

Georg Christoph Lichtenberg (1742 -1799) war ein Schriftsteller, der sich aufklärerischen Traditionen verpflichtet wusste. In zahlreichen Aphorismen ist er für die Freiheit des Wortes eingetreten. Ein Freund der Remonstranten, die sich ja bekanntlich als freisinnige christliche Kirche verstehen, hat uns diesen Aphrorismus zugesandt. Er bezieht sich auf die vernünftigen Freigeister im allgemeinen, aber warum kann man ihn nicht auch auf freisinnige Christen heute beziehen?
“Die vernünftigen Freigeister sind leichte fliegende Korps, immer voraus. Sie erkunden die Gegenden, wohin das schwerfällige geschlossene Korps der Orthodoxen am Ende doch auch kommt”.

Lebendig sein. Unter Kirschblüten. Zu einem HAIKU

Post date: März 14, 2010

Überlegungen – mitgeteilt im Forum der Remonstranten am 14. 3. 2010

Lebendig sein. Ein Hinweis auf ein Haiku von Issa.

Glauben ist Freisein –
das Motto des Remonstranten – Forum- Berlin.

Natürlich hat jeder Mensch die Freiheit, seinen eigenen Glauben nach seiner eigenen Art persönlich zu entwickeln (ausgeschlossen ein Glaube, der sich als Terror äußert). Glaube ist Freisein: Eine Tatsache, die heute längst nicht weltweit gilt. Es gibt immer noch Hierarchien, die dem einzelnen vorschreiben, was er zu glauben hat.

Wie sagt der Apostel Paulus: „Prüft alles, das Gute behaltet“ .
Das Gute kann ja nur sein: Was uns im Leben hilft zugunsten der Lebendigkeit mit anderen, was uns also Miteinander- Leben ermöglicht.
Inspirationen für eine spirituelle Entwicklung sind selbstverständlich auch außerhalb des Christentums finden. Dies gilt besonders für Remonstranten.
Auf dieser Spur der Freiheit bin ich zu den ultra-kurzen Gedichten aus Japan, den berühmten Dreizeilern, den Haikus, gekommen. Winzige Texte, die so einfach und manchmal gar schlicht erscheinen, die sich aber in einem längeren, meditativen Bedenken als Tiefe erschließen. Sie wecken eine Aura der Stille. Da werden Erfahrungen benannt, die eine Unmittelbarkeit erzeugt.

Ein Haiku ist mir besonders aufgefallen, es hat der japanische Haíku Meister ISSA geschrieben. 1763 in ärmlichen Verhältnissen geboren, hat er Hunger, Kälte, alles Negative erfahren. Später war er Pilger zu den großen Heiligtümern im Land. In großer Armut ist er gestorben.

Das Haiku, das ich hier vorstellen möchte, heißt:

Wie merkwürdig.
Lebendig zu sein
Unter Kirschblüten.

Zunächst einige Eindrücke: Der Leser wird aufgefordert, offenbar etwas Merkwürdiges wahrzunehmen. Wie „merkwürdig“ heißt es.

Aber was ist merkwürdig? Es ist das Lebendig sein unter Kirschblüten.
Lebendigsein, selber leben zu können, selber atmen zu können, da zu sein, aber unter Kirschblüten, also im Frühling.

Kirchblüten haben ja etwas Weißes, Reines, Unberührtes, man möchte sagen Zerbrechliches und Gefährdetes. Man möchte sie behüten, sanft.

Aber ich denke, in diesem Haiku geht es vor allem darum: Ich bin jetzt DA in diesem Moment der Kirschblüte. Ich erlebe diesen Augenblick als mein Dasein inmitten einer blühenden Baumes. Es ist die Wahrnehmung des Lebens selbst, die da zum Ausdruck kommt. Ich bin da, ich lebe: Diese Erfahrung stellt sich ein. Und das ist doch alles andere als selbstverständlich. Es ist die Erfahrung des Erstaunlichen.

Normalerweise werden wir vom Alltag „aufgefressen“, haben keinen Blick mehr fürs Besondere, für Erstaunliche, vielleicht Wunderbare des Daseins. Aber inmitten des Bekannten, inmitten unserer Umgebung, inmitten des Alltäglichen, auch in der so kurzen Kirschblüte, zeigt sich Leben, Blühen, Farbe, Vielfalt, Energie der Natur. Alles ist erstaunlich. Auch das Graue, das Öde. Nicht nur die Kirschblüten. Aber die bringen uns auf den Gedanken des Erstaunlichen.

Kirschblüte: Wir sind hineingestellt in einen Raum, den wir eigentlich nicht gemacht haben, der nicht unserer Herrschaft und unserem Zugriff zur Verfügung steht. Wir stehen in einem Raum, der uns geschenkt ist.

Und wir entdecken dabei: Auch wir selbst stehen in einem Raum des Offenen, aber auch des Ungesicherten, des wieder Verblühenden. Lassen wir dieses Erstaunliche offen. Kommen wir nicht gleich mit Erklärungen und Gründen; sehen wir, wie sich da eine Dimension unseres Lebens zeigt. Das Alltägliche.
Es ist möglich, sich einfach unter den blühenden Baum zu stellen, einfach nur „da“ zu sein. Dann entstehen Stille, Sammlung, Blick auf Wesentliches… Hilfreiches.

Wie merkwürdig.
Lebendig zu sein
Unter Kirschblüten.

C.M.

Besinnung. Ein Gedicht von R. M. Rilke

Post date: März 14, 2010

Überlegungen. Mitgeteilt beim Forum der Remonstranten Berlin am 14. 3. 2010

Herbstgedicht (aus: Das Buch der Bilder, 1902)

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Das Gedicht ist von Rainer Maria Rilke (1875-1926).
Es macht sein Verständnis von Religion deutlich:
Es ist eine Religiosität der Innerlichkeit: Das menschliche Erleben und Fühlen wird beleuchtet und erhält zugleich eine religiöse Komponente. In der äußeren Welt hat die Religion keinen Platz mehr, sie ist allein durch das Subjekt erfahrbar. Im Inneren eines Menschen entsteht eine Religiosität, die den tiefsten Grund des menschlichen Daseins berührt…

Rilke nimmt das äußere Geschehen der Welt wahr und erkennt darin das, was für den Menschen wesentlich und typisch ist: Er beobachtet das Fallen der Blätter – es wird zum Sinnbild des „Fallens“ im Leben: wir alle fallen -von der Geburt zum Tod, wir scheitern, wir erleben Rückschläge, uns misslingen Dinge und Pläne…
Warum können wir trotzdem immer weitermachen? Woher nehmen wir die Kraft und den Mut dafür? Was lässt uns leben?

„Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Unser Fallen wird begleitet. Deshalb können wir es aushalten, weil wir paradoxerweise zugleich ein Gehaltensein spüren: ein Vertrauen, eine Geborgenheit, ein Urgrund, der uns trägt, eine Kraft…Wir müssen uns dieser Dimension zuwenden, um sie zu spüren. Es ist eine Bewegung, eine Dynamik, die uns leben lässt. Aber auch in Momenten und Phasen, in denen wir diesen sanften Halt nicht wahrnehmen, ist er da. Unbewusst vertrauen wir darauf und fallen so lange, bis er wieder spürbar ist. Dann fallen wir vielleicht weiter, aber nun mit Flügeln, die das Fallen sanfter machen…

„Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“ H.S.