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Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben. Ein Interview mit dem Remonstranten Theologen Prof. Johan Goud, Den Haag

Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben

Ein Interview mit dem Theologen und Pastor der Remonstranten-Kirche Prof. em. Johan Goud (Den Haag):

Die Fragen stellte Christian Modehn

Zwei Fragen beziehen sich unmittelbar auf die Theologie: Die Freiheit ist entscheidend für Remonstranten, auch die Selbstbestimmung des einzelnen, seinen Glauben zu leben auf seine je individuelle Art. Haben deswegen die Remonstranten de facto kein allgemein verbindliches Glaubensbekenntnis? Ebenso gilt die weitere Frage: Was hält Remonstranten zusammen bei der akzeptierten Glaubens-Pluralität? Und warum ist Pluralität der religiösen Überzeugungen ein Vorteil?

Aber zunächst zur aktuellen politischen Situation in den Niederlanden, dort sind Parlaments-Wahlen am 15. März 2017, mit der Prognose, dass die populistische und rechtslastige Partei PVV stark wird): Was können Christen in den Niederlanden, was können Remonstranten, jetzt tun gegen Wilders und die PVV?

Johan Goud:

Diese Frage betrifft auch den Populismus, der sich im Augenblick in der ganzen Welt regt und der in den Niederlanden verbunden ist mit dem Namen Pim Fortuyn, er wurde im Mai 2002 von einem fanatischen Umwelt-Aktivisten ermordet. Der Populismus in Holland ist auch verbunden mit Geert Wilders und seiner Partei “Für die Freiheit” (PVV). Der Italiener Berlusconi, der Engländer Farage (Brexit), die Französin Le Pen, der Amerikaner Trump: Sie vertreten alternative, national bestimmte Varianten. Ich finde, es ist ein außerordentlich kompliziertes Phänomen, an dem von verschiedenen Gesichtspunkten aus mehrere auseinanderlaufende Sachen zu beobachten sind.

Zu den Hauptursachen in einem allgemeineren Sinne rechne ich: Die Aushöhlung und Ächtung der kritischen Informationsbeschaffung durch die ‘sozialen Medien’; die Zerstückelung der Gesellschaft durch den Zerfall der alten Gemeinschaftsverbände, d.h. der Kirchen, Gewerkschaften, politischen Parteien; die extrem schnelle Verwandlung der Gesellschaft durch moderne Technologien, infolge derer sich sehr viele an die Seite gedrängt fühlen (und oft auch faktisch arbeitlos gemacht worden sind).

Ursachen in einem eher spezifischen Sinne sind meiner Einschätzung nach – immerhin im Falle der Niederlande – die Privatisierung öffentlicher Dienste (wie der Energiebetriebe, der Post, der Fürsorge bedürftiger Mitbürger), aber auch die langjährige, politisch allzu “korrekte” Unterbewertung der multikulturellen Problematik. Die Folge der letztgenannten Fehlentwicklung werden besonders von den Bewohnern der ärmeren Viertel unserer Großstädte tagtäglich gefühlt und wahrgenommen.

Dies alles hat jetzt zu einer giftigen Mischung geführt, einer Mischung aus einer sich ‘national’ nennenden Nostalgie und Sehnsucht nach der vertrauten Gemeinschaftlichkeit der 50-er Jahre (die den meisten heute tatsächlich aber vőllig fremd und unbekannt geworden ist); intolerantes Verhalten den ausländischen Arbeitnehmern, den Asylbewerbern, den Flüchtlingen und jedem Fremden gegenüber; Aversion generell gegenüber unzuverlässig angesehenen Politikern und Akademikern – der ganzen verabscheuten Elite – und schließlich ein besinnungsloses Verlangen nach dem geträumten ‘starken Mann’, der ‘reinen Tisch’ machen wird.

Soweit meine Analyse, die wenig Neues enthält. Es ist aber insgesamt eine sehr traurig stimmende Geschichte. Falls wir nicht achtgeben und die gemachten Fehler korrigieren und adäquate Maßnahmen ergreifen, laufen wir die große Gefahr, daß unsere reichen, demokratischen Gesellschaften durch diese massive Unzufriedenheit tiefgehend zerrüttet werden.

Ich komme jetzt in die Nähe deiner Frage zu den Remonstranten: Was kőnnten sie tun, um diese heillosen Entwicklungen abzuwenden? Es ist klar, daß die Remonstranten eine radikal un-populistische Tradition vertreten. Die Ideale von Freiheit und Toleranz werden in der kurzen Prinzipienerklärung der Remonstranten nachdrücklich erwähnt. Sie wandten sich gleich in den ersten Dezennien der niederländischen Republik, die 1581 gegründet wurde, gegen unfreiheitliche Tendenzen in Kirche und Staat (etwa der weltweit bekannte Staatsrechtler Hugo Grotius oder der Theologe und Gründer der remonstrantischen Kirche, Johannes Uytenbogaert). Zu Beginn des 20sten Jahrhunderts waren Remonstranten ganz deutlich anwesend in der religiős-pazifistischen Bewegung (etwa der Theologe G.J.Heering, u.a. mit seinem 1928 erschienenen Buch “Der Sündenfall des Christentums; Eine Studie zum Christentum, Staat und Krieg”) und 1987 änderten sie als erste Kirche weltweit ihre eigene Kirchenordnung, damit die kirchliche Trauung homosexueller und lesbischer Ehepaare mőglich würde.

Zu den Fragen 2 und 3 sagt Johan Goud:

Das Ideal der Freiheit verbunden mit der Überzeugung, daß der Glaube im individuellen Menschen anfängt und daß diese elementare Freiheit respektiert werden soll, hat die Remonstranten tatsächlich gegenüber allgemeingültigen Glaubensbekenntnissen äußerst zurückhaltend gestimmt, wie von dir in deiner Frage zwei zu recht hervorgehoben wird. Aus mehreren Gründen haben die Remonstranten trotzdem solche Bekenntnisse formuliert, nämlich in den Jahren 1620, 1940 und 2006. Die Intention dabei ist aber sicherlich niemals gewesen, daß ein formuliertes Bekenntnis allgemeinverbindlich werde und die Gläubigen in ihrem eigenen religiösen Leben förmlich bestimmen oder gar gängeln sollte. Im Gegenteil. Wer zur remonstrantischen Kirche gehören will, schreibt sein persőnliches Glaubensbekenntnis. Und im Vorwort der őffentlichen Glaubensbekenntnisse steht jedesmal, wie auch in 2006: ‘Im remonstrantischen Glaubensverstehen ist es selbstverständlich, daß kein einziges Glaubensbekenntnis eine unwidersprüchliche Autorität besitzt. Die Absicht eines Bekenntnisses kann keine andere sein, als daß es ‘mit Vorsicht und in Liebe den Weg des Glaubens weist und erleuchtet’.’

Diese Reserviertheit gegenüber allgemein verpflichtenden Bekenntnissen kommt auch zum Ausdruck in den ersten Sätzen des Bekenntnisses von 2006: Sie sprechen zuerst vom Menschen, also nicht, wie in klassischen Bekenntnissen üblich, von Gott:

Wir sind uns bewusst und erkennen,
dass wir unsere Ruhe nicht finden
in der Sicherheit dessen, wozu wir uns bekennen,
doch in Verwunderung über das, was uns zufällt und geschenkt wird;

dass wir unsere Bestimmung nicht finden in Teilnahmslosigkeit und Habgier,
sondern in Wachheit und Verbundenheit mit allem, was lebt;

dass unser Dasein nicht erfüllt wird in unserem Sein und Haben, sondern in etwas unendlich Grösserem als wir erfassen können.

Durch dieses Bewusstsein geleitet, glauben wir an Gottes Geist,
der alles, was Menschen trennt, übersteigt
und sie beseelt zu dem, was heilig ist und gut,
auf dass sie, singend und schweigend,
betend und handelnd,
Gott ehren und dienen.

Vor diesem Hintergrund ist deine Frage drei ganz verständlich. Denn was hält diese Kirche als Glaubensgemeinschaft zusammen, wenn sie so explizit die konfessionelle Selbstbestimmung des einzelnen hervorhebt und sich zurückhaltend oder sogar ablehnend verhält zur Neigung aller religiősen Institutionen, “gierig” zu werden (um es mit dem bekannten Wort des Sozialpsychologen Coser zu sagen), also Gläubigen an die Institution zu fesseln und zum Konformismus zu zwingen? Ein wichtiger Punkt ist, glaube ich, daß unsere Prinzipienerklärung und auch diese zurückhaltenden Glaubensbekenntnisse eine von den meisten Remonstranten akzeptierte Orientierung in Worte fassen. Remonstranten stimmen im allgemeinen überein in dem Wunsch: Im Geiste der Prinzipien von Freiheit und Toleranz eine Glaubensgemeinschaft zu bilden, die die Bibel historisch-kritisch liest und Gott ehren und dienen will.

Sie sind aber auch davon überzeugt, daß Pluralität im Glauben erforderlich ist, daß Vielfalt, mit anderen Worten, keinen Verlust, sondern einen Gewinn darstellt. Denn unter der Bedingung der Pluralität werden die vielfältig geprägten Menschen sich persőnlicher und bewußter auf diese Glaubensgemeinschaft bezogen fühlen. Außerdem wird sie dazu führen,  daß diese Gemeinschaft keine uneigentlichen Barrieren aufwirft und keine Mauern errichtet zwischen Gläubigen, Andersgläubigen und Nicht-Gläubigen. Denn die Grenzen zwischen diesen Kategorien und Gruppen durchqueren jeden einzelnen von uns selbst. Es wäre unehrlich und es würde zur Intoleranz führen, wenn diese innere Vielfalt negiert bliebe.

Dies bringt mich zurück zu deiner übergreifenden Frage nach unserem Verhalten gegenüber Geert Wilders und seinem niederländischen Populismus. Was kőnnten Christen, was kőnnten Remonstranten dagegen tun? Vieles, glaube ich – aber bitte keine schőnen und eindrucksvoll formulierten Appelle, die nur von den schon lange Überzeugten ernstgenommen werden. Ich beschränke mich zu zwei Beispiele eher noch kleiner Projekte, die zu tun wären.

An erster Stelle geht es um Selbstkritik. Der neue “Allgemeine Sekretär der Remonstranten”, Joost Rőselaers, hat über mehrere Medien die Niederländer, besonders die gebildeteren Kreise, aufgerufen, Schluß zu machen mit der globalen Verurteilung des populistischen Trends und stattdessen Selbstkritik zu üben. Rőselaers war bis vor kurzem Pastor in London, an der Holländischen Kirche, die inmitten des Bankenviertels steht. Brexit, Trump und all die anderen halten uns einen Spiegel vor, sagt Rőselaers. Wir müssen beispielsweise in der Europäischen Union wieder zu dem kommen, womit alles einmal begann: zu den Idealen von Frieden und Solidarität. Warum haben wir die Aushöhlung dieser Ideale durch das Handeln der “Finanzwelt” nicht korrigiert? “Früher erklärten die Kirchen dir, was gut und schlecht war. Das ist innerhalb von 50 Jahren verschwunden; nun müssen wir selbst suchen, was gut und böse ist. Ich will nicht zurück in die Zeiten, als die Kirchen noch so viel Macht hatten. Aber wir müssen wohl zurückkehren zu einer Lebensform, die uns gut untereinander verbindet” (Joost Rőselaers).

An zweiter Stelle müssen wir die heillose Zweiteilung von Hochgebildeten und eher weniger Gebildeten überwinden. Ich habe meine Facebook-Freunde aufgerufen, sich dafür einzusetzen und habe aus dem Kreise dieser digitalen Freunde viele positive Reaktionen erhalten, zum Beispiel vom Islamologen Michiel Leezenberg und vom bekannten Autor Abdelkader Benali. “Es wird über diese genannte Kluft zu recht viel geklagt und auch über den sehr ernstzunehmenden Mangel, bei vielen in unserer Gesellschaft, an richtigen Informationen und Argumenten, die Fehler korrigieren. Die Gemeinschaftsverbände von einst, in denen die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten einander begegneten, funktionieren nicht mehr. Was übrig bleibt sind die ‘social media’, die nur geben, was Menschen suchen. Diese ‘social media’ aber verbreiten auch vielen “Unsinn” (fakenews). Dies ist als eine der wichtigen Ursachen der Radikalisierung von rechts und links anzusehen. Also: Platziert mindestens einmal pro Woche einen Beitrag auf die Twitter-, Facebook- und andere Nachrichten-Sites, wo sich die heftigen, oft äußerst emotionalen und diskriminierenden Diskussionen abspielen. Reagiert da ruhig und entschieden, aber nicht moralisierend mit einem vernünftigen Beitrag. Ich habe da bis jetzt nur wenige Erfahrung gesammelt, zureichend aber, um zu wissen, dass diese kleine Initiative funktioniert und der Mühe wert ist”. (Johan Goud)

Ich sehe wohl, daß dies für viele eine nicht leichte Aufgabe ist, sich einzumischen in diese Art von Diskussionen, wo dir die populistischen Vorurteile um die Ohren fliegen. Aber ich denke, daß auf diesem konkreten und sehr dicht an den Problemen orientierten Niveau eine erste notwendige Antwort liegt auf deine Fragen. Nicht in der Sphäre von vollmundigen Erklärungen und Verurteilungen kommen wir weiter, sondern auf dem eher bescheidenen Niveau von Kommunikation und Argument.

copyright: Prof. Johan Goud.

 

 

 

 

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Von einem Gott, der „beinahe nicht besteht“. Zum theologischen Profil eines remonstrantischen Theologen

Post date: Dezember 4, 2016

Ein Beitrag des holländischen Theologen und Remonstranten Pastors Prof. em. Johan Goud, Den Haag.

Die Frage stellte Christian Modehn vom “Forum der Remonstranten Berlin”: Es gibt in der weiten Ökumene sehr viele und sehr unterschiedliche, immer mehr auch evangelikale und pflingstlerische Kirchen. Eine kleine protestantische Kirche in Holland nennt sich „Remonstranten“ als eine theologisch-liberale Glaubensgemeinschaft. Sie ist eine Ausnahme im weiten Feld der sich orthodox nennenden Kirchen. Wie würden Sie in Ihrer Sicht das besondere theologische Profil der Remonstranten kurz beschreiben?

Prof. Johan Goud:

Remonstranten lieben es, die Grenzen des christlichen und theologischen Sprachspiels auszuloten und Philosophen, Künstler, Schriftsteller, Andersgläubige und Nichtgläubige zu Rate zu ziehen. Das gilt auch für die Art und Weise, wie viele von uns Theologie betreiben und als Pastoren arbeiten. Ich selbst habe immer die Erfahrung gemacht, dass ich nach dem Verweilen an den Grenzen des Glaubens immer wieder zum christlichen Glauben zurückkehrte. Und das nicht deswegen, weil sich dort für mich das Zentrum befindet. Sondern mehr deswegen, weil die Erinnerung an den Glauben für mich einfach nicht abzulegen war und mich auch nicht losließ.

Diese Erfahrung liegt auf der Linie mit dem, was die „Grundsatzerklärung“ der Remonstranten über das Evangelium von Jesus Christus sagt: Dass es der Nährboden dieser Glaubensgemeinschaft ist – ohne dabei zu leugnen, dass dabei mehr nötig ist, um eine Pflanze (gemeint ist die Glaubensgemeinschaft) wachsen zu lassen. Übrigens sind (auf der Linie von Gilles Deleuze) auch verschiedene Typen von Wurzeln zu unterscheiden: vertikal wachsende Wurzeln die raubsüchtig und exklusiv sind, oder so genannte Rhizome, die sich unterirdisch verästeln und sich verbinden mit anderen Wurzeln.

Das ist nun im ganzen wahr und da zeigen sich notwendige Relativierungen. Und doch ist es von einer entscheidenden Bedeutung, dass das Evangelium in der Grundsatzerklärung der Remonstranten ausdrücklich genannt wird: „Die Remonstranten sind eine Glaubensgemeinschaft, verwurzelt im Evangelium und in Jesus Christus, und die getreu dem Grundsatz von Freiheit und Toleranz, Gott ehren und dienen will“.

In der Verwirklichung dieses theologischen Auftrags gehen remonstrantische Theologen sehr auseinander. Einige sind geneigt, den Grundsatz der Freiheit sehr zu fordern, vielleicht zu überfordern und in einer allgemein-religiösen Weise zu interpretieren. Andere betrachten Freisinnigkeit eher als die Bejahung von einer kritisch –konstruktiven Aufgabe innerhalb des ganzen der christlichen Tradition. In den Worten des remonstrantischen Theologiehistorikers Eginhard Meijering (Leiden; Ehrendoktorat in Heidelberg): „Freisinnig sein bedeutet: Dass du so orthodox sein kannst wie du selbst willst und nicht so, wie du es von einem kirchlichen Club oder von einer Vereinigung her sein müsste“. Freisinnigkeit ist so betrachtet (eine bei Belieben fragende, in Zweifel ziehende, entgrenzende oder gerade auch polarisierende) Variante von „Orthodoxie“, verstanden als Reflexion in Solidarität mit der christlichen Glaubenstradition.

Was mich selbst betrifft: Ich fühle mich eher zu Hause in der letzt genannten Gestalt von Freisinnigkeit und sehe sie als eine Einladung zur „Dekonstruktion“ der christlichen Tradition. Das heißt, dass ich die Fremdheit traditionell religiöser Sprache hervorhebe; dass ich diese merkwürdige Sprache unablässig in Beziehung bringe mit andersartigen (philosophischen und literarischen) Redensarten und auf der Suche bin nach einer – eventuell nicht oder kaum religiösen – Sprache vergleichbarer Intensität. Sprechen über Gott und Glaube stehen im Zeichen von dem, was andere „Religion ohne Religion“ oder „Gott nach Gott“ genannt haben. Ich selbst habe über Gott geschrieben, der „beinahe“ nicht besteht; dessen Bestehen etwas ist, das ständig neues Sprechen und neue Umschreibungen nötig hat. Diese Auffassung steht nahe zu dem, was etwa der amerikanische Religionsphilosoph John Caputo schreibt über Gottes „Insistenz“ (anstelle von Existenz). Er meint damit, Gottes Wirklichkeit sei nicht ein Sein, sondern ein Rufen und Drängen. Obwohl Caputo, was den Menschen betrifft, geneigt ist, länger als mir lieb ist an dem Begriff Verlangen festzuhalten. Glauben kennt, Gott sei Dank, auch seine Momente des Findens und der Übergabe.

Copyright: Prof. Johan Goud, Den Haag.

 

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Die Direktorin des Humanistischen Verbandes spricht im Sonntagsgottesdienst

Post date: Mai 28, 2016

Am Sonntag, den 29. Mai 2016, predigt die neue Direktorin des Humanistischen Verbandes der Niederlande, Christa Compas, im Sonntagsgottesdienst der protestantischen Gemeinde der Remonstranten in Amsterdam, die Kirche heißt “de Vriburg”. “Gebt mir Brot und auch Rosen” ist das Thema. Christa Compas ist Politologin und in vielfältiger Weise auch für die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft aktiv. Der “Humanistische Verband Hollands” ist eine bekannte Organisation, in der sich agnostische und atheistische Menschen zusammenfinden; sie haben z.B. eine eigene Universität in Utrecht. Uns freut es sehr, dass die Remonstranten eine prominente Humanistin zur Predigt im Sonntagsgottesdienst einladen. Und fragen uns natürlich, ob solches in Deutschland etwa in Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) möglich wäre. Vonseiten des HVD bestimmt. Übrigens: Eine führende Mitarbeit des theologischen Instituts der Remonstranten in Amsterdam, Christa Anbeek, war als Theologin auch Dozentin an der genannten humanistischen Universität in Utrecht. Sicher kommen sich auf diese Weise, durch gemeinsame christlich-humanistische Veranstaltungen, Glaubende und Skeptiker(Agnostiker, Atheisten…) näher und entdecken: Was uns verbindet ist größer als das,was uns trennt: Uns verbindet die Sorge um die Menschen, etwa, dass sie alle  “Brot und Rosen” haben und diese teilen und sich daran erfreuen, um den Titel der Predigt von Christa Compas in der Amsterdamer Kirche noch einmal aufzugreifen.

Christian Modehn

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Für die Schulen der Weisheit. Ein Interview mit Prof. Johan Goud, Den Haag.

Post date: Januar 31, 2016

Für die „Schulen der Weisheit“

Ein Interview mit dem remonstrantischen Theologen Prof. Johan Goud. Die Fragen stellte Christian Modehn

Veröffentlicht am 29.Januar 2016 in der Zeitschrift PUBLIK FORUM (Postfach 2010, 61410 Oberursel. www.publik-forum.de

Publik_Forum: In den Niederlanden ist die Entkirchlichung so weit fortgeschritten, dass es in einigen Jahren fast keine Kirchen mehr geben wird. 49 Prozent der Niederländer bezeichnen sich als unkirchlich. Bei den 18 – 35 Jährigen ist der Anteil der Christen sehr gering. Sind unkirchliche Holländer automatisch unreligiös?

Johan Goud: Sicher nicht. Schon im 17. Jahrhundert gab es „Kirche“ bei uns nur in Vielfalt. Keine konnte beanspruchen, „Religion“ und „Christlichkeit“ uneingeschränkt zu repräsentieren. Jetzt gibt es noch mehr Pluralität, religiőse Alternativen nicht-christlicher Art. Nur 24 Prozent der Niederländer zählen sich zu den traditionellen „Theisten“, also zu den Gottgläubigen. Dagegen sagen 62 Prozent, dass sie an ‘Etwas’ glauben, zum Beispiel an eine „universelle Energie“. Sie bejahen den Satz, wonach es „mehr gibt zwischen Himmel und Erde“ oder bezeichnen sich als Agnostiker. Schon 1946 vertrat der Schriftsteller Simon Vestdijk die These, dass der buddhistisch orientierten, mystisch-verinnerlichten Religiosität die Zukunft gehöre. Sein Buch wurde in kirchlichen Kreisen kaum ernst genommen. Er hat aber recht bekommen.

Kann unter diesen Bedingungen die Auseinandersetzung mit Kunst, Philosophie, Poesie auf neue Weise religiöse Erfahrungen ermöglichen?

In unserer Zeit, die beherrscht wird von rationalistischen und ökonomischen Werten, sollten Kunst und Religion einander als Verbündete anerkennen. Zwar erfordert diese gegenseitige Anerkennung, dass sie sich selbst als relativ ansehen und sich voneinander anregen lassen. Vom Literaturkritiker Paul de Man stammt jedoch die provokative Bemerkung: “Meines Erachtens kann ein Gläubiger nicht lesen“. Er meint damit, dass ein gläubiger Mensch nicht imstande sei, sich selber zu relativieren und ironisieren: ‘Ernst ohne Spiel ist blind’, könnte man darum, Kant paraphrasierend, hinzufügen. Für mich sind Aussagen wie diese eine bleibende Herausforderung. Theoretisch geschieht das Bündnis von Religion und Kunst, indem ich eine Theologie entwickle, die sich ins offene Felde der Sprache stellt und die Worte des Glaubens literarisch auffasst. Praktisch geschieht dies, indem man sich als Theologe für die vielen „Götter“ in Kunst und Literatur öffnet und sich behutsam mit ihnen auseinandersetzt. Denn in Kunst und Literatur findet sich eine Genauigkeit, die empfänglich ist für die flüssige Wirklichkeit der Seele, mit ihren Vermutungen, Beschwörungen, Träumen und Wünschen.

Wird die Suche nach Transzendenz immer mehr zur Sache des einzelnen?

War sie das in gewisser Hinsicht nicht immer schon? ‘Transzendenz’, in welchen Gestalten auch immer, übersteigt letzten Endes alle Zugehörigkeiten und sozialen Konventionen. Sie lässt sich nicht aus dem folgern, was ‘man’ für wichtig hält. Sie ist immer eine Sache von Ich und Du, eine Sache des Einzelnen also. Aber wenn ich wirklich von ihr ergriffen werde, kann ich nicht bei mir selbst als Einzelnem bleiben. Das Denken von Emmanuel Lévinas hat mich an diesem Punkt immer tief beeindruckt: Gott ist der Rätselhafte, der „Spielverderber“, den ich nie erwischen kann: ‘Ich nähere mich dem Unendlichen, insofern ich mich selbst vergesse um des Nächsten willen, der mich anschaut’.

Wie sollten christliche Gemeinden gestaltet sein, damit sie den Suchenden, auch den „Nichtkonfessionellen“, Raum bieten?

Es wäre schön, wenn die Gemeinden sich zu „Schulen von Weisheit“ entwickeln würden – ein Ausdruck des katholischen Theologen Edward Schillebeeckx. Im kritischen Sinne geht es um die Entlarvung von Scheinweisheit und Götzendienst, also um die Kritik am Ökonomismus, am Nationalismus, an der Angst vor dem Fremden. Im positiven Sinn meint „Schule von Weisheit“ die Übung im gemeinsamen Fragen (!) nach Gott, im literarischen Verstehen der Bibel und der Tradition, in der mitfühlenden Kraft von Phantasie und Denken, wie die Philosophin Martha Nussbaum es nennt. Deswegen sollten die Pfarrer Lehrer sein, Freunde unter Freunden – statt Hirten mit ihren Schäflein.

Würde sich damit das bekannte Profil des Christlichen verändern?

Eine Veränderung gibt es gewiss, aber meines Erachtens noch keine grundsätzliche. Die kirchliche Katechese wollte immer auch gläubige Kritik an ‘Luft und Leere’, also an der Eitelkeit sein. Was sich also ändern sollte, ist die Vorliebe für Macht und für große Zahlen, für die autoritäre Ordnung. Ändern muss auch sich die Bevorzugung der Sicherheit statt der Herausforderung und der Fragen. Meinte das alles nicht auch Dietrich Bonhoeffer, als er für ein mündiges, religionsloses Christentum plädierte? Es scheint mir wichtig, dieses Ideal zu pflegen! In den Niederlanden gibt es, anders als in Deutschland, seit Jahrhunderten einflussreiche freiheitliche Traditionen in den Kirchen, Glaubensgemeinschaften im humanistischen Geiste von Erasmus, Geert Grote, Hugo Grotius, Arminius und anderer. Wir brauchen Gemeinschaften, die die humane Glaubenspraxis höher schätzen als die richtige Lehre – auch als Widerstand gegen die Medien mit ihrer Propaganda, die neue und gefährliche Formen von Leichtgläubigkeit und Orthodoxie fördern. In Gemeinden, die das undogmatische Suchen und die gemeinsame Debatte über Gott pflegen, sollte der konfessionelle Hintergrund irrelevant sein.

Johan Goud (geboren 1950) ist emeritierter Professor für Religionsphilosophie und Theologische Ästhetik an der Universität Utrecht und Pfarrer der protestantischen Remonstranten –Kirche in Den Haag, jetzt in Hengelo. Zahlreiche Veröffentlichungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Meine Biografie – meine Theologie. Hinweise zum Religionsphilosophischen Salon am 27. 11. 2015

Post date: November 29, 2015

 

Meine Biografie – meine Theologie. Hinweise zum Religionsphilosophischen Salon

am 27. 11. 2015

Von Christian Modehn

Wir danken Prof. Johan Goud aus Den Haag, dass er uns mit seinen Beiträgen im Salon am 27.11.2015 zu Einsichten und zu weiteren wichtigen Fragen geführt hat. Diese werden hier mitgeteilt.

Das Thema des Abends (mit 26 TeilnehmerInnen) „Autobiografie und Theologie“ wird uns auch im nächsten Jahr weiter beschäftigen.

Es ist für mich als Veranstalter des Religionsphilosophischen Salons Berlin interessant zu sehen, wie stark das Interesse an dem Thema ist. Wir mussten etliche Interessierte leider wegen Platzmangel abweisen. Zugleich wird dabei deutlich, wie in Zeiten der Krise, wie jetzt, der Wunsch wächst, sich über Grundlegendes auszutauschen. Dies sollte in kleinen, überschaubaren Kreisen geschehen, eben in philosophischen Salons.

Zum Salon am 27. 11. 2015 selbst:

Es geht um eine Erkenntnis, die viele ahnen, spüren, aber selten auszusprechen wagen: Als Ausgangspunkt und Quelle der Inspiration von Theologien und auch Philosophien gilt das eigene Leben. Nicht das abstrakte, neutrale, a-historische Ich, befreit von allen Bindungen an Geschichte und Kultur. Sondern das Individuum, die Person, geprägt in einer religiösen oder eben auch einer nicht-religiösen Welt, die sich mit der Frage befasst: „Wer bin ich, wo will ich hin, was ist mir entscheidend wichtig, was ist für mich ein gutes Leben, was will ich in der Gesellschaft sein?“ usw. Wer diesen Fragen nicht ausweicht, kommt oft dazu, seine Autobiografie zu schreiben. Das kann auch „nicht-professionell“ geschehen. Man muss nicht den Ansprüchen der großen „Confessiones“ eines Augustin oder Rousseau nacheifern.

Autobiografie kann in Fragmenten geschehen, oft nur in Gedanken und Meditationen, am besten aber doch in schriftlicher Form. Und dann kommt immer wieder später der Rückblick auf mein Leben, dann zeigen sich in wachsendem Abstand neue Erkenntnisse, dann wird weiter geschrieben, immer im Verzicht auf Banales, Nebensächliches, sondern im Blick auf Entscheidendes, Prägendes, Sinnstiftendes. „Was lässt mich leben?“

Diese Fragen nach der Autobiografie sind keineswegs Ausdruck eines egozentrischen Denkens. Sie sind Ausdruck dafür, dass ich mich – in Gemeinschaft mit anderen – wichtig nehmen soll. Es geht ja um mein Leben, um die Gestaltung (m)eines guten Lebens. Darin wird das angezielt und vielleicht erlebt, was man klassisch-theologisch „Erlösung“ nennen könnte.

Um den Grund der Theologie in meinem eigenen Leben zu erkennen und wahr- zu nehmen, gibt es wohl eine spezifische praktische Einstellung, als Bedingung der Möglichkeit der Wahrnehmung: Dies ist etwa die Praxis der Ruhe, der Gelassenheit. Offenbar zeigt sich dieser gründende Sinn, den manche göttlich nennen, nur, wenn er sich mir schenkt, mich überrascht, als eine Gabe für mich. Welche Rolle spielt dann noch das eigene Aktivsein? Hat Suchen den Anspruch, Wesentliches zu finden? Ist also eine gewisse „passive“ Haltung die Voraussetzung für das Wahrnehmen des „Göttlichen“ in meinem Leben? Auch darüber wurde in unserem Salon gesprochen. Welche Rolle spielen Texte der Poesie, spielt die Musik, die Kunst, wenn ich nach Vertiefung oder Erweiterung meiner eigenen Erfahrungen suche? Wenn ich die Zeugnisse der Kunst usw. wichtig nehme, weil sie ja auch Ausdruck des Lebens sind: Dann entsteht die Frage: Warum werden sie so selten in der religiösen, christlichen Praxis als Quelle wahrgenommen? Warum gibt es weithin diese starre Fixiertheit ausschließlich auf biblische Texte im christlichen Raum, etwa auch in den offiziellen „Gottesdiensten“? Entspricht diese enge Haltung überhaupt noch der „religiösen Globalisierung“ heute? Gott und das Göttliche zeigen sich in der Vielfalt. Aber gibt es ein Kriterium für die Auswahl hilfreicher oder eher verstörender Texte? Kann dieses Kriterium nur ein bestimmtes Verständnis der Bibel sein? Oder auch die selbstkritische Vernunft?

Noch einmal: Die zentrale These, an diesem Abend ausgesprochen, über die weiteres gemeinsames Nachdenken lohnt:

Nur aus der eigenen Biografie wächst der eigene Glaube bzw. die eigene Ablehnung eines religiösen Glaubens. Nur unter dieser Voraussetzung wird „authentische“ Theologie bzw. A-Theologie möglich.

Dann muss die klassische Theologie befragt werden: Ist die abstrakte Gegenüberstellung von Theologie und A-Theologie, von Glaube und Nicht-Glaube, tatsächlich ein wahrer Gedanke, der die gemeinte „Sache“ trifft? Wird da nicht viel zu objekthaft von dem Göttlichen bzw. dem Nichtgöttlichen gesprochen, so, als würde man von vorhandenen Gegenständen reden und mit diesen vergleichend hantieren und gedanklich „probieren“. Die Beschreibungen der positiven Wesenseigenschaften gelten ja nicht Gott als Gott, sondern sie sind Aufforderungen an uns, sozusagen göttliche Eigenschaften zu leben, selbst barmherzig zu sein, Frieden zu stiften, Gerechtigkeit zu praktizieren. Die literarisch bezeugten negativen Eigenschaften Gottes (Rache, Gewalt gegen anders usw.) sind nur historisch zu verstehende Bilder einer noch eher unreif lebenden religiösen Gemeinde, die sich als schwache Gemeinde aufwerten muss, indem sie Andersdenkende – auf Gottes Befehl angeblich – ausschaltet.

Wichtig ist die Erkenntnis: Nicht die Frage: „Gott oder Atheismus? „ist entscheidend, sondern die Art, wie ich, wie wir, als Mensch(en), leben in der Welt: Ist es Liebe und Solidarität, ist es Hass und Diffamierung? Ist die Sehnsucht nach Schönheit wichtiger als die destruktiven Kräfte? Die Antwort ist für jeden vernünftigen Menschen klar. Gibt es also eine neue Ökumene derer, die Liebe und Gerechtigkeit als die oberste Norm ansehen? Dabei ist es diesen Menschen eher zweitrangig, ob sie sich das eigene Leben mit oder ohne Gott begründen.

Sollte es also eine neue Ökumene der Menschen geben, derer, die das Menschliche über alles schätzen, also humanistisch leben? Dabei ist klar, dass es kulturell unendlich viele Ausdrucksformen des Humanismus gibt und geben muss. Aber diese Vielfalt ist immer auch Humanismus, es gibt etwas Universal-Menschliches, es gibt also bei aller Vielfalt einen gemeinsamen „Nenner“ des gemeinsamen „Humanums“. Wären hier Projekte geboten, angesichts des Terrors? Vielleicht gerade als prophylaktische Aufgabe aller Humanisten, Fundamentalismus und anderen Wahn argumentativ zu besprechen und dadurch stark einzuschränken. Dass dies ohne eine Politik, auch Sozialpolitik, des Respekts nicht gelingen wird, ist auch klar.

Mit anderen Worten: Der Humanismus als die sich stets erneuernde und wandelnde Lebens-Philosophie ist die Basis für alle Menschen. Religiöse oder nicht-religiöse Lebensdeutungen und Dogmen gehören an die zweite Stelle! Diese Überzeugung dient dem Frieden, zumal dann die Religionen durch den Geist eines sich stets reformierenden Humanismus sich selbst weiter reformieren, also etwa alle Gewalttexte eigener religiöser Traditionen wissenschaftlich verstehen, aber dann eben existentiell und praktisch beiseite legen.

Wo sind die Räume für einen Austausch solcher Erfahrungen? Das bloße Nachsprechen von vorgefertigten alten traditionellen Lehren, Dogmen usw. ist da wenig hilfreich und führt eher zur Begrenzung der eigenen spirituellen Lebendigkeit.

Diese wenigen, nur skizzenhaften Fragen, die hier notiert wurden, zeigen, welche weiteren Dimensionen der Diskussion sich im Laufe des Abends eröffneten, dank der Vorschläge und Beiträge auch von Prof. Johan Goud.   Sein neuestes Buch in niederländischer Sprache hat den Titel „Onbevangen“. Es ist im Verlag Meinema in Zoetermeer, NL, erschienen. 127 Seiten. 15 Euro. ISBN: 978 90 2114386 6

 

Copyright: Christian Modehn

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Remonstranten-Gemeinden: Orte der Lebenskunst

Post date: Juli 19, 2015

Remonstranten Gemeinden: Orte der Lebenskunst.

Über die Zukunft christlicher Gemeinden

Zur Zeitschrift ADREM der Remonstranten

Von Christian Modehn

Die Remonstranten in den Niederlanden, diese freisinnige christliche Kirche, nennt ihre Monatszeitschrift ADREM. Dieser Titel klingt lateinisch: „Zur Sache“, heißt die Übersetzung. Es geht um die „Sache“ spirituellen Lebens im Heute … auf der Basis einer vernünftigen, kritischen, „modernen“ Theologie. Aber der Titel ADREM unterstreicht auch, dass eben REMonstranten selbst zeigen, wie sie in der Gesellschaft, die säkular ist, pluralistisch, der Globalisierung ausgesetzt usw., ihr Leben gestalten.

Das neueste Heft, 26. Jahrgang, erschienen im Juli 2015, ist im besten Sinne ein vielstimmiges Plädoyer für eine Dimension der Lebenskunst: die Einübung der Stille, die Überwindung von Stress und Hektik.

Die Philosophin Joke H. Hermsen plädiert für das „langsame Leben“, die Unterbrechung, die Pause, die Stille. Nur dann können wir das menschliche Maß wieder finden, uns befreien aus den monotonen Rhythmen, die vorgegeben werden von der offenbar allmächtigen „ökonomischen Uhrzeit“, also dem Diktat, nur noch effizient mit der Zeit umzugehen. Lebenszeit wird in dieser „ökonomischen Uhrzeit“ ausschließlich zur Arbeitszeit. Und freie Zeit funktional zur Vorbereitung auf die kommende Arbeitszeit.

Gemeinden, natürlich auch Remonstranten Gemeinden, sind unter den Bedingungen dann eben Orte der Einübung von Stille, auch Orte des Widerstands gegen die „ökonomische Uhrzeit“. Der Pastor der Utrechter Gemeinde Geertekerk, Florus Kruyne, berichtet in ADREM über seine Ausbildung und Praxis in der Achtsamkeits-Meditation, im englischen Sprachraum spricht man auch von „Mindfulness-Training“. Im Herbst wird er wieder „Aufmerksamkeits/Achtsamkeits-Übungen/Meditationen“ anbieten: “Ich sehe dies als eine geistliche Arbeit“, also als ein wichtiges spirituelles Tun eines Pfarrers.

Gemeinde als Ort der Lebenskunst: Dies scheint mir eine treffende „Definition“ von Remonstranten-Gemeinden zu sein. „School of life“ wäre ebenfalls ein passender Titel, aber der wird schon in England von einer philosophischen Bewegung verwendet. In jedem Fall gewinne ich als Leser von ADREM den Eindruck, dass eigentlich die Remonstranten Gemeinden ein neues inhaltliches Profil suchen bzw. schon entwickeln: Orte der Lebenskunst zu sein, in dem sich viele unterschiedliche spirituelle Menschen treffen und in den Austausch treten über das, was sie „am Leben hält“. Das können Erfahrungen mit biblischen Texten sein oder mit anderen literarischen, religiösen, philosophischen und künstlerischen Zeugnissen. Der Theologe und Philosoph, der kürzlich pensionierte Pastor Johan Goud aus Den Haag, sagt in ADREM: „Die Remonstranten sollten sich bewusst bleiben über das Eigene (Auszeichenende), das sie im Ganzen der religiösen Landschaft haben und einbringen können: Sie sind eine Gemeinschaft mit offenen Augen für die Kultur, und das in Verbindung mit der christlichen Tradition. Dabei lesen sie sorgfältig die verschiedenen Bedeutungen von christlicher Tradition. Und sie schaffen Verbindungen und Beziehungen, wo es andere nicht tun und nicht tun dürfen. Wenn Remonstranten das qualitativ gut tun, können sie sich auch in der Zukunft gut unterscheiden vom Rest (also von den anderen Kirchen CM)“. In dem Interview hat Johan Goud Beispiele gegeben für den eigenen Umgang der Remonstranten mit der Tradition: „Ich sprach einmal von dem Gott, der beinahe nicht besteht. Damit will ich zeigen, dass man eigentlich niemals abstrakt über Gott sprechen kann, abgehoben von dem, was wir Menschen hoffen, vermuten, singen, bitten, kurz über Gott zur Sprache bringen. Darum muss man die Bibel auch als Literatur lesen, wo dem =Bestehen= von Gott eine performative Form gegeben wird.“.

Zum Thema passend bietet ADREM im Juli Heft 2015 auch einen ermunternden Beitrag über SLOW FOOD, auch wenn sanfte Kritik an der weltweiten Bewegung des langsamen, besinnlichen und dadurch eher genussfreudigen Essens geübt wird: Gemeinden brauchen ja nicht Mitglieder der von Carlo Petrini gegründeten Bewegung sein: Es wäre vielleicht viel gewonnen, wenn etwa der slow lunch bei Gemeindeveranstaltungen eingeübt wird. Und alle Veranstaltungen etwas vom Geist des „slowly“ hätten: Hat man schon über slowly prayer, slowly preaching, nachgedacht?

Zu ADREM und den niederländischen Remonstranten klicken Sie bitte hier.

Johan Goud ist auch Professor an der Universität Utrecht, deren Website schreibt: In 1999 he was appointed on the chair for Philosophical Theology from the Perspective of liberal Christianity,Liberal since 2009 he is Professor of ‘Theological Aesthetics: Religion in Literature and Art’, at the Utrecht University.

Zu einigen Büchern von Professor Johan Goud, klicken Sie bitte hier.

copyright: Christian Modehn

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Gott um Gottes willen lassen. Ein Salonabend über Meister Eckart am 30.5.2014

Post date: April 29, 2014

Das “Forum der Remonstranten Berlin” veranstaltet zur Zeit einmal im Monat einen religionsphilosophischen Salon, also einen offenen Gesprächskreis, zu dem wir herzlich einladen, er findet, unserer Spiritualität entsprechend, nicht in einem kirchlichen Gebäude, sondern in einer Kunst-Galerie statt. Wir bitten aber ebenso herzlich um Aneldung an: christian.modehn@berlin.de

Ob sich weitere Aktivitäten des Remonstranten Forums entwickeln, hängt vom Interesse anderer ab und der Bereitschaft mitzugestalten. Auf dieser website finden Sie einige zentrale Hinweise zum Geist der theologisch-liberalen, freisinnigen Remonstranten Kirche innerhalb der Ökumene. Diese  fast ausschließlich in Holland verbreitete Kirche verdient auch hier unseres Erachtens Aufmerksamkeit, angesichts  der Übermacht “orthodoxer”, charismatischer und dogmatisch fixierter Kirchen… Insofern sind die Remonstranten eine absolute Ausnahme… Nebenbei: Wir freuen uns, dass in den 4 Jahren des Bestehens bis zum 29.4. 2014 diese website 25.000 mal angeklickt wurde.

Gott um Gottes willen lassen

Ein Gespräch über einige wichtige Einsichten Meister Eckarts. Am Freitag, 30. Mai 2014 um 19.00.

Ort: Galerie Fantom, Hektorstr. 9, Berlin-Wilmersdorf. Beitrag: 5 Euro. Anmeldung erbeten an: christian.modehn@berlin.de   Nach der Anmeldung folgen einige Hinweise, Texte, zur Einstimmung usw.

Wir weisen hier schon einmal auf einige Aussagen von Tomas Halik hin, der ja bekanntlich in seinen Büchern die Mystik, und damit auch die Philosophie Meister Eckarts, als seine eigene spirituelle und theologische Haltung beschreibt. In der weithin (manche sagen absolut) säkular erscheinenden Gesellschaft Böhmens zumal sieht Halik gerade in der “mystischen Philosophie” durchaus Anknüfungspunkte für Gespräche zwischen Glaubenden und sogen. “Nichtglaubenden”.

In seinem neuen Buch “All meine Wege sind dir vertraut. Von der Untergrundkriche ins Labyrinth der Freiheit” (Herder 2014) schreibt er auf Seite 322 f.: “Meister Eckart sagt: Gott ist wirklich nichts. In der Welt der seienden Dinge, der vielen Etwas, finden wir ihn nicht. Gott ist nicht ein Bestandteil davon, er ist kein Etwas. Er ist auch nicht das höchste Sein. Und nun kommt die Hauptsache: Damit du Gott begegnen kannst, der nichts ist, muss du auch selbst zuerst zu =nichts= werden, zu niemand. Das bedeutet, sich auf kein Etwas zu fixieren, sich mit keiner Sache zu identifizieren – nicht mit Besitz, mit einer sozialen Rolle, aber auch nicht mit gesitigem Eigentum, mit Wissen. Innerlich frei zu sein, bedeutet an keinen Idolen und Götzenbildern zu hängen. Auch unsere Vorstellungen von Gott, unsere Begriffe und Definitionen können solche verdinglichenden und in die Irre führenden Götzenbilder sein. Gott ist nichts und du werde zu niemand, frei von allem Verhaftetsein, auch von dir selbst entleert. Erst dann wirst du Gott begegnen – =wie ein Nackter einem Nackten=”.

Soweit der Prager katholische Theologe und Soziologe Prof. Tomas Halik.

Christian Modehn

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Die Kirche als eine philosophische Schule: Beobachtungen im frühen Christentum

Post date: Dezember 30, 2013

Die Kirche als eine philosophische Schule

Hinweise zur Situation des frühen Christentums

Von Christian Modehn

Im Rahmen unserer Forschungsprojekte innerhalb des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ stellen wir heute ein Thema vor, das nicht nur von philosophiehistorischem oder kirchengeschichtlichem Interesse ist: Die frühen christlichen Gemeinden verstanden sich selbst und wurden auch von ihrer Umwelt so wahrgenommen: als eine philosophische „Schule“; dabei bedeutet dieser Begriff: Gemeinschaft, Gruppe, „Sekte“, diese in einem nicht negativ gefärbten Sinne.

Der Philosoph und Theologe Prof. Maurice Sachot (Straßburg) hat sich in seinem Buch „L Invention du Christ“ (Paris 2011) mit der Tatsache auseinander gesetzt, dass der Apostel Paulus nach einem Bericht der Apostelgeschichte (19,8 -10) in Ephesus in der Synagoge predigte, dort aber auf viel Unverständnis stieß. Er fand dann Zuflucht in der scholè, der Schule, des Philosophen Tyrannus. Dort, also im Haus des Philosophen, konnte Paulus zwei Jahre lang seine vom Judentum verschiedene Lehre verbreiten. Allein schon diese Toleranz des „heidnischen“ Philosophen scheint bemerkenswert zu sein: Wenn sich Vertreter unterschiedlicher religiöser Auffassungen streiten, kann die Philosophie eine Art neutrale Plattform sein, die es den bedrängten religiösen Menschen ermöglicht, weiterhin ihre Thesen zu vertreten. Bezogen auf Paulus schreibt Maurice Sachot: „Dieses Ereignis kann als Ursprung gedeutet werden, dass sich das Christentum als philosophische Lehre, als eine wahrhaftige Schule, etablierte, die nicht nur eine bestimmte Auswahl an Wahrheiten hat (hairesis), die nicht nur eine intellektuelle Strömung ist, die auch spirituell und kulturell strukturiert ist. Sondern die auch eine Schule ist, und in der Lage, mit anderen „Schulen“ im Wettstreit zu stehen“ (S. 134, auch S. 128).

 

Später werden die frühen christlichen Denker wie Justin oder Clemens von Alexandrien „Didaskaleias,“ also Schulen, gründen, wo sie die christliche Lehre, nach dem üblichen philosophischen Begriff didaskalia, verbreiten. So entstehen neue Orte philosophischer Debatten: Die christlichen „Schulen“ sind neben den anderen philosophischen Schulen (etwa der Stoa oder Epikurs) eben eine von vielen, aber sie haben Teil an der Kultur der Zeit, die längst an die Vielfalt von philosophischen Schulen gewöhnt ist.

 

Maurice Sachot weist auf eine Studie von Henri-Irénée Marrou hin, die zeigt, dass der gebildete Mensch sich damals zu einer philosophischen Schule, so wörtlich, „bekehrte“; diese entschiedene Hinwendung zu einer Schule findet sich dann auch in der Bekehrung zum Christentum wieder, als einer bestimmten Hinwendung zu einer (von vielen) „Schulen“ (S. 127; Fn. 16).

 

Maurice Sachot legt Wert darauf zu betonen, dass die christliche Religion als (eine von vielen) Schule(n) sich wie bei den anderen Schulen üblich als HAIRESIS zeigte, also als Auswahl bestimmter Lehrsätze. Es gibt eine Form der Konversion (im griechischen Kontext), wo bestimmte Begriffe und Vorstellungen des christlichen Glaubens „in den philosophischen Rahmen integriert werden, und dieser philosophische Rahmen bleibt dann doch der erste“… Selbst wenn ein Philosoph sich gläubig und christlich fühlte, sein Weg bleibt eher philosophisch als theologisch. „Darin wird die Tatsache des Christlichen integriert und neu interpretiert“ (S. 131).

 

Mit dem eindeutigen Phänomen, dass sich die ersten christlichen Gemeinden als philosophische „Schulen“ verstanden haben, hat sich auch der bekannte Philosoph Pierre Hadot in mehreren seiner Werke befasst. Grundlegend ist für ihn dabei, dass für die „antike Philosophie“ Griechenlands und Roms Philosophie stets als Lebensform und nicht nur als abstrakte Lehre verstanden wurde. Philosophieren hieß damals, darauf weist Hadot unermüdlich hin, im gemeinsamen Leben sich die Lehre des Meisters anzueignen und ihr dann im praktischen Alltag zu folgen. „Wenn Philosophieren bedeutet“, so schreibt Hadot (in „Qu est-ce que la philosophie antique“, Paris 1995, S. 358) im Anschluss und als Zitat des Kirchenlehrers Justin, „wenn Philosophieren also bedeutet, der Vernunft (Raison) gegenüber konform zu leben, dann sind die Christen Philosophen, weil sie konform zum göttlichen Logos (d.h. der vollkommenen Vernunft) leben“. Dann fährt der erste Spezialist für diese Fragen, eben Pierre Hadot, fort: “Diese Verwandlung des Christentums in eine Philosophie wird sich noch weiter akzentuieren mit Clemens von Alexandrien im 3. Jahrhundert. Für ihn ist das Christentum die vollständige Offenbarung des Logos und deswegen auch die wahre Philosophie“. Wenn sich das Christentum nicht nur als Lebensform, sondern auch als Diskurs, als Lehre, zeigte, etwa im 1. und 2. Jahrhundert, so weiß Hadot, dann ging es dabei um die Exegese von Bibeltexten. „Diese Schulen der Exegese boten einen Typus von Bildung, durchaus analog zu den zeitgenössischen philosophischen Schulen“ (359). Es darf auch nicht vergessen werden, dass die verschiedenen philosophischen Schulen „spirituelle Exerzitien“ (so Hadot S. 276 ff.) boten, als Übungen, Askese könnte man sagen, die das Erkannte und Gelehrte mit dem Geist und der Seele vertraut machten. Diese geistlichen Übungen der Philosophen und ihrer Schulen sind die inspirierende Basis auch für die späteren geistlichen Übungen der Christen und ihrer Kirchen! Die Frage des Kultus wäre weiter zu erforschen. War die Zeremonie, die Liturgie, nur eine Eigenheit der Schule der Christen? Die Mitglieder der philosophischen Schulen nahmen aller Wahrscheinlichkeit an den religiösen Zeremonien ihrer angestammten (heidnischen) Religion teil. Wie stand es mit der sozialen Verantwortung, haben da die philosophischen Schulen etwas vorzuweisen oder ist da ein Spezifikum der christlichen Schule zu sehen?

 

Aber schon im 2. Jahrhundert bildet sich unter den Christen die Überzeugung, dass ihre Philosophie „die wahre und wirkliche“ (S. 152 bei Sachot) ist. Philosophische Einsicht wird nun umgewandelt in eine Form des Glaubens. Kenntnis wird nicht mehr wie üblich philosophisch verstanden als Aktivität der menschlichen Intelligenz, die niemals an ein definitives Ende kommen kann, weil sie Suchbewegung ist; „sondern Kenntnis wird als Gabe Gottes verstanden, die man nur in einem Akt des Glaubens annehmen muss“ (S. 153). Die Wahrheit zeigt sich nicht am Ende einer Denkbewegung, sondern sie „steht schon am Anfang fest“ (153), „sie ist nicht von einem gewissen Zweifel, sondern von einer absoluten Gewíssheit bestimmt“ (ebd). Das Christentum verbreitet nun Dogmen und Dekrete, philosophische Meinungen haben der festen vorgegebenen Wahrheit zu weichen. Dadurch befinden sich die philosophischen Schulen, die die christlichen Gemeinden darstellen, nicht mehr auf der selben Ebene wie die sonstigen philosophischen Schulen. „Unsere Lehre ist höher als alle menschliche Philosophie“, erklärt schon der Theologe Justin in seiner Apologie (zitiert von Maurice Sachot, S. 153). In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts wird der „heidnische“ Philosoph Kelsus die erste große gründliche Widerlegung dieser christlichen Philosophie“ machen.

 

Aber später als Staatsreligion setzt sich mit aller Gewalt dieser ausschließliche Wahrheitsanspruch durch, es entsteht eine eigene kirchliche Ideologie, also Theologie, die sich zwar philosophischer Begriffe noch bedient, aber diese im eigenen Sinne eigener Wahrheit umdeutet. Später wird gar im Mittelalter Philosophie offiziell zur „Dienerin der Theologie“ (und damit der Kirche) degradiert; sie hat vorbereitenden, relativen Charakter gegenüber dem Eigentlichen, der theologischen Lehre. Diese Rolle der Philosophie als Dienstmagd (ancilla) der Theologie hat das philosophische Selbstverständnis bis in die Neuzeit bestimmt, mit der Konsequenz, dass sich Philosophie, dann selbstbewusst geworden, oft von jeglichem Denken des Göttlichen entschieden absetzte (etwa bei bestimmten Denkern der französischen Aufklärung).

 

Wichtig bleibt die Anregung, die christlichen Gemeinden als „philosophische Schulen“ zu verstehen. Der Philosoph Alain de Botton nennt heute seine philosophischen Zentren in London „schools of life“. Gäbe es für christliche Gemeinden einen besseren Titel? Man muss ja heute mit dem Begriff Schule nicht immer gleich das Strapazierend – Indoktrinäre mithören. „Orte des Lebens“ könnte man auch sagen, wenn damit immer gemeint ist: Es gibt viele solcher Lebensorte und die christlichen Orte sind nur einige von vielen, aber solche mit einer eigenen „Hairesis“, siehe oben, also Häresie, eben mit einer eigenen Botschaft und Lehre.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

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LOGOS – eine Meditation nicht nur für die Zeit um Weihnachten

Post date: Dezember 29, 2013

LOGOS – eine Meditation nicht nur für die Zeit um Weihnachten

Von Christian Modehn

Am 27. 12. 2013 trafen sich 17 Freundinnen und Freunde des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ zu einer Besinnung, einem Gespräch, besonderer Art im „Kulturraum Mainzer7“ in Neukölln: Wir wollten uns den Prolog des Johannes Evangeliums philosophisch erschließen, d.h. fragend und kritisch suchend den (schwierigen) Text verstehen und eine mögliche Aktualität für uns prüfen. Dabei sollte auch die musikalische Besinnung eine Rolle spielen … und natürlich das gemeinsame Essen und Trinken. Christian Modehn und Michael Braun, praktischer Philosoph in Berlin, hielten einleitende Vorträge. 

Unsere Bilder vom Weihnachtsfest sind stark geprägt von den Erzählungen der Weihnachtsgeschichten, wie sie die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten. Diese Bilder von der Geburt im Stall, von Maria und Josef und dem Kind in der Krippe, von den Hirten usw. sind immer noch vielen Menschen in Europa präsent. Sie wissen, dass diese Geschichten unterschiedlich von den beiden Evangelisten gestaltet sind, dass sich da Dichtung und historische Wahrheit stark mischen. Und immer kommt da gleich ein moralischer Anspruch in der Deutung hinzu: Wie etwa: Herberge geben; Werden wie die aufmerksamen Hirten; sanft wie die Tiere, fürsorglich wie Josef usw. Diese Weihnachtsgeschichten haben sich gegenüber einer anderen, viel tieferen und anspruchsvolleren Weihnachtsgeschichte in den Mittelpunkt gedrängt, der Weihnachtsgeschichte des Johannes Evangeliums, wie sie uns der Prolog im ersten Kapitel vorschlägt. Dieser Text, so abstrakt er auch erscheinen mag, ist verwurzelt im spirituellen Leben der ersten Christen. Sie fragten angesichts der Geburt dieses Jesus von Nazareth, wer er denn eigentlich ist, woher er kommt, was seine Bedeutung ist. Darum weisen Exegeten zurecht darauf hin, dass dieser Texte auch hymnische Strukturen hat. Er hat seinen konkreten Platz im Leben der Gemeinde. Auf die historische Textkritik usw. können wir hier nicht eingehen.

Das ist unsere, auch liberal-theologisch gestützte Überzeugung: Dieser biblische Text ist Menschenwort. Fromme Menschen schätzen ihn über alle Maßen hoch ein und erklärten ihn zum „Gotteswort“. Philosophisch gesehen ist der Prolog also ein wichtiger menschlicher Weisheitstext. Er spielt zudem im „interreligiösen Dialog“ eine große Rolle.

Dieser Text hat immer wieder auch Philosophen angesprochen, um 1800 gab es einen wahrlichen Boom an Prolog- und Johannes-Deutungen durch Philosophen. Etwa Hegels Notizen in Frankfurt, Fichtes Schrift „Anweisung zum seligen Leben“, vorher schon Lessing, dann Hölderlin usw.

Damit stehen wir vor der Frage: Was ist eigentlich eine philosophische Besinnung auf Weihnachten? Es ist der Versuch, diese Erzählung auf einen allgemeinen menschlichen Inhalt hin zu hören und zu lesen, zu suchen, was sich da an existentiellen Vollzügen zeigt, in der Hoffnung, in dieser Entdeckung Inspirierendes für das eigene Leben zu finden, sich herausrufen zu lassen von vielleicht provozierenden, unsere „Moderne“ störenden Formulierungen.

Philosophische Weihnachten heißt also: Sich die Freiheit nehmen, sich dem Text auf die je eigene nachdenkliche Weise zu nähern.

Unterstützt wird dieses philosophische Vorhaben vom Prolog selbst. Denn neuere Übersetzungen, etwa die „Bibel in gerechter Sprache“ schlagen vor, den Logos Begriff mit „Weisheit“ zu übersetzen, also mit Sophia, dann passt es gut, mit dem Medium der Philo-Sophia diese Sophia zu verstehen.

Was sind entscheidende Impulse? Der Prolog ist ein Text, der unser Denken weitet, Neues zu denken gibt. Und das ist schon viel! Wenn Neues passiert, geschieht das niemals ohne das Denken.

Der zentrale LOGOS Begriff im Text macht die meisten Schwierigkeiten, weil LOGOS im Griechischen eine weite Bedeutungsebene hat: Wort, Sprache, Vernunft, Sinn….

Diese verschiedenen Bedeutungen müssen, zusammen mit Weisheit, immer mitgehört werden, wenn man den PROLOG liest. Dadurch wird auch ein Raum der Freiheit des Denkens eröffnet.

Gesprochen wird von „Im Anfang war der Logos“…. Damit ist nicht ein Datum eines Weltbeginns gemeint, sondern das Unvordenkliche in ewigen Zeiten beschworen, als Gott sozusagen vor der Schöpfung „nur“ Gott war mit seinem Logos. Das hier das Mysterium berührt wird, ist deutlich… Zurecht wurde darauf verwiesen: Der Prolog ist auch ein „mystischer Text“, der sich der stillen Meditation erschließt.

Die späteren Verse zeigen, dass dieser Logos bei Gott kein anderer ist als Jesus Christus. Er ist nicht nur der Offenbarer, er nimmt alle, die sich seiner Existenzdeutung anschließen, also „glauben“, vor allem aber „lieben“ als praktische Lebensform, in das ewige Leben Gottes hinein. Insofern wird hier von einer doppelten menschlichen Existenz gesprochen: Der Glaubende ist nach dem PROLOG nicht nur irdisches, weltliches Wesen, sondern auch Wesen des göttlichen Lebens. Dieser Gedanke ist offenbar heute schwer mit zu vollziehen, aber er sollte gedacht und gefühlt werden. Das „Ewige im Menschen“ ist ja längst eine wichtige philosophische Einsicht, die nur von Naturalisten aus Unkenntnis und Abwehr oft belächelt wird.

Interessant und provozierend ist die Aussage des Prologs: Das Wort ist Fleisch geworden“. Da steht auf Griechisch SARX, Fleisch, nicht etwa das neutralere Wesen „Mensch“. Fleisch heißt hier: Ganz Mensch in Leiblichkeit, Eros, Sexualität, Begierde, Liebe, Vereinigung. Offenbar war für die frühen und späteren Christen dieser Gedanke so ungeheuerlich, dass sie lieber das hier angesprochene göttliche Fleisch (als Begriff für den Menschen) verurteilt haben und es vernachlässigten und zähmten und unterdrückten. Darin waren sie wohl abhängig von ihrem kulturellen Umfeld, neuplatonisch geprägt…Dadurch wurden aber langfristig Neurosen gefördert, Kirche als krankmachende Institution hat in der „Fleisch“- Verachtung eine Bedingung.

Man sieht also, welche „Ungeheuerlichkeiten“ sich auftun, in einer achtsamen und kritischen Lektüre des Prologs.

Es wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass die ganze Wirklichkeit der Welt LOGOS- geprägt erlebt wird. Da muss man wieder LOGOS in der ganzen Breite der Bedeutungen hören. Die Welt, so der ungeheuerliche Vorschlag des Autors aus dem Jahr 100, ist grundsätzlich und nicht mehr revidierbar eben Logos-Welt. Das heißt: Die Sinnlosigkeit hat für den Text nicht das letzte Worte; auch nicht die heute so allerorten spürbare Unvernunft: Dieser Text ist sozusagen ein radikales Nein zu jedem Nihilismus. Der Logos ist der ganzen Wirklichkeit eingestiftet, dies ist für den Autor keine Willkür eines einzelnen frommen Spinners; es ist von Gott, dem Unendlichen, selbst in diese Welt gelegt. Hier eröffnen sich Perspektiven, die bis zu Theorien der Evolution reichen, etwa Teilhard de Chardin… Tatsächlich ist es ja wohl so, dass auch heute unabhängig von dieser theo-logischen Deutung wir Sinnlosigkeit und Widerwärtiges immer nur im Horizont von Sinn und Vernunft wahrnehmen können. Wir stehen offenbar auch bei aller erfahrbaren Sinnlosigkeit im Horizont eines offensichtlich unabwerfbaren Sinns. Das Nein ist also immer nur möglich durch das größere Ja, auch wenn es faktisch oft so schwach und zerbrechlich erscheint. Mit anderen Worten: So fern ist uns der Text des Prologs für uns Modernen nicht, selbst für Menschen, die sich nicht so religiös explizit verstehen wollen.

Zu Vers 4: Da wird Gott als Lebendigkeit beschrieben; und diese (göttliche) Lebendigkeit ist in den Menschen. Welche Bedeutung hat dieser Vorschlag für das Verstehen von menschlicher Kreativität, die ja auch als Geschenk erlebt wird? Das ist kaum auszumessen. Diese Lebendigkeit wird im Prolog als Licht beschrieben. Da gibt es eine weite Linie auch in die Philosophie-Geschichte: Licht spielt immer eine zentrale Bedeutung, nicht nur die geschenkten Geistesblitze wären zu erwähnen. Lumières, Licht, ist auf Französisch Aufklärung, Helligkeit und Klarheit. Die Aufklärung auch als göttliches Geschehen – warum nicht? Wichtiger vielleicht noch:

Wir Menschen stehen immer im (göttlichen) Licht und suchen die Quelle des Lichts. Zu Vers 5: Aber es gibt Finsternis. Aber die Finsternis ist nicht total. Es gibt ein Licht. Es scheint in der Finsternis. Aber es gibt so etwas wie Verfestigung der Finsternis durch die freie Entscheidung des Menschen.

Aber diese (nur von Menschen gemachte Finsternis ?) kann das schöpferische göttliche Licht nicht ergreifen, d. h. nicht auslöschen, nicht zerstören. Die Finsternis ist nicht Herr des Lichts.

Darin eine ungeheuere Hoffnungsaussage: In den Dunkelheiten unseres Lebens ist das Licht stärker. Wir stehen immer im Licht, wir erinnern uns an das Licht, es gíbt keine totale Dunkelheit. Keine totale Gottesfinsternis.

Jetzt geht es im Vers 9 explizit um die Weihnachtgeschichte:

Dieser Logos als Licht ist bereits bei den Menschen, es erleuchtet bereits alle Menschen, die in diese Welt kommen.

Vers 10: ER war in der Welt, also der logos, als Gott. Dahinter steht eine Überzeugung: Gott (Vater) bleibt sozusagen im Himmel, aber der Logos ist unter uns.

Zum Schluss des Prologs die Warnung, nun zu meinen, allzu viel von Gott zu wissen. „Niemand hat Gott gesehen“ heißt es da. Im Logos Jesus Christus, so der Autor, wird Gott verkündet, und zwar als Menschenliebhaber. Er ist der, der Mensch wird, der als göttlicher Logos das Leben, das fleischliche Leben des Menschen lebt. Der Gott als Mensch: Das ist eine Revolution des Denkens über Gott. Weihnachten ist also eigentlich ein Fest, das fix und fertige, vor allem schlicht – naive Gottesbilder durcheinander wirbelt und zerstört zugunsten eines authentischen auch vor der Vernunft Bestand habenden Gottes-Bezugs.

Der Johannes Prolog beschreibt, wenn man so will, „das Wesen“ der Menschen, er sagt, was Menschen sind (bzw. sein könnten, wenn sie sich dem Vorschlag des Textes anschließen). Der Prolog spricht vom Sein, noch bevor irgendwelche moralischen Appelle des Sollens formuliert werden. Das macht ihn so fundamental wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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Christen und Atheisten im Gespräch. Am 21. November 2013

Post date: November 9, 2013

Eine Veranstaltung, die für spirituell Interessierte inspirierend sein kann: Zugleich werden da Themen angesprochen, die für freisinnige und liberal  theologisch interessierte Menschen bedeutsam sind.

Eine Veranstaltung zum Welttag der Philosophie:

Das Thema: Atheisten und Christen, was sie voneinander lernen können.

An der Urania 17. Nahe U Bhf Wittenbergplatz oder Nollendorf Pl.

URANIA – LOFT, am Donnerstag, 21.11.2013 um 19.30 Uhr.

Atheisten und Christen: Was sie voneinander lernen können

In Zusammenarbeit mit dem Religionsphilosophischen Salon Berlin

Prof. Dr. Michael Bongardt, Vizepräsident der FU Berlin, Institut für vergleichende Ethik, FU Berlin

Prof. Dr. Lutz von Werder, Publizist und Philosoph, Berlin

Dr. Ingolf Ebel, Fachbereichsleiter Philosophie, Urania Berlin

Unwandelbare Überzeugungen sind zumeist wenig inspirierend. Dies gilt besonders auch für die Philosophie und für die Religionen, gilt für Atheisten und Gläubige. Wer meint, definitiv “die” Wahrheit gefunden zu haben, wird blind für neue Entwicklungen und neigt zu Starre und Intoleranz. Anhand von Fragen wie: “Warum kann sich ein Christ nicht auf die Fragwürdigkeit klassischer Gottesbilder einlassen?” oder “Warum kann nicht ein Atheist über die Erfahrung religiöser Musik und Kunst ein Gespür für Transzendenz entwickeln?” soll diskutiert werden, ob aus dem bisherigen Gegeneinander oder schlichtem Ignorieren ein Miteinander werden könnte – in Gleichberechtigung und ohne jede “missionarische” Absicht. Die Veranstaltung will anregen, einen eigenen Weg der Lebensphilosophie oder der eigenen Spiritualität zu suchen.

Eintritt: 8,00 €, ermäßigt: 7,00 €, Urania-Mitglieder: 5,00 €

Das LOFT der Urania ist über den Haupteingang zu erreichen.

Zu weiteren Informationen zum Welttag der Philosophie 2013: Klicken Sie die UNESCO Seite bitte HIER an.

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Wenn der Glaube verborgen ist. Eine neue Broschüre über die Spiritualität und Theologie der Remonstranten

Post date: Oktober 28, 2013

Wenn der Glaube verborgen ist. Eine neue Broschüre über die Spiritualität und Theologie der Remonstranten

Einmal im Jahr haben die Remonstranten einen Beraadsdag, einen Tag der Beratung und Diskussion. Im März 2014 steht der “verborgene Glaube” im Mittelpunkt, also der eher diskrete Umgang der Remonstranten mit dem eigenen Glauben auch im Gespräch mit anderen: Man posaunt die eigene, tiefe religiöse Überzeugung normalerweise nicht laut heraus. Remonstranten als freisinnige Kirche mit liberaler Theologie sind nicht offensiv missionarisch – werbend. Fundamentalismus ist tabu. Wer diese Kirche  der Remonstranten finden will, wird sie finden.  Das sind nicht immer sehr viele, aus Berliner Sicht sagen: wir leider viel zu wenige!

Und dann hat jeder einzelne religiöse Mensch selbstverständlich die Freiheit, seinen eigenen persönlichen Glauben zu entwickeln und wenn gefragt, auch miteinander zu teilen. Spirituelle Diskretion könnte man das nennen. Warum ist das so wenig attraktiv? Warum wollen so viele eher die Leitung von äußeren Autoritäten? Die Bindung an angeblich feste Sätze und angeblich ewige Wahrheiten?

Jetzt hat die Remonstranten Theologin Greteke de Vries eine interessante Broschüre vorgelegt über den verborgenen Glauben: Sie bringt ihn zur Sprache, indem sie einige Porträts remonstrantischer Theologen seit Beginn des 19. Jahrhunderts skizziert. Deutlich wird, wie diese immer zahlenmäßig stets kleine Kirche hervorragende Theologen hatte, die in der Kultur Hollands eine große Rolle spielten, wenn sie etwa für die kritische Bibelwissenschaft eintraten oder für die Vorrangstellung des Gewissens in religiösen Fragen. Für die deutsche Kirchenszene, die fast nur die orthodoxen großen Kirchen kennt, sind kleine, freisinnige Kirche wie die Remonstranten leider bis jetzt so befremdlich, nicht so in Holland. Dort haben die Remonstranten jetzt ihre theologische Ausbildung wieder nach Amsterdam verlegt, dort ist eine Theologin offizielle Vertreterin remonstrantischer Theologie: Christa Anbeek, die auch einen ganz eigenen, persönlichen Zugang zur Theologie hat, etwa in der Erfahrung von Leid und Schmerz über den Verlust geliebter Menschen. Siehe auch www.overlevingskunst-anbeek.nl Die Bücher von Christa Anbeek finden eine sehr große Aufmerksamkeit und viel Interesse.

Wir leben in Europa, das ist keine Banalität, sondern  theologisch eine Herausforderung. Wer guckt schon mal über die Grenze, zum Beispiel nach Holland, wer sieht,  dass es dort eine andere Kirche gibt, großzügig und die Freiheit fördernd, offen im Glaubensbekenntnis und einladend an alle, die spirituelle Orientietung suchen im Geist Jesu von Nazareth. Wir empfehlen darum dringend, ausnahmsweise mal etwas “werbend”,  den deutschen Theologen die Broschüre: “Remonstranten over hin verborgen Geloof”. Eine Sonderausgabe der Zeitschrift ADREM aus Utrecht: siehe. www.remonstranten.org

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Remonstrantische Theologie ist notwendig

Post date: Oktober 7, 2013

„Remonstrantische Theologie ist notwendig“

 

Ein Symposion an der “Vrije Universiteit” von Amsterdam am 16. Oktober 2013

 

 

Das Seminar, also die spezielle Ausbildungsstätte der PastorInnen der Remonstranten Kirche, befindet sich nun in Amsterdam, in unmittelbarer Verbundenheit mit der „Vrije Universiteit“.

 

Neue Mitarbeiterin des Seminars ist die Theologin Dr. Christa Anbeek.

 

 

Zur Präsentation aktueller Themen remonstrantischer Theologie findet am 16. Oktober in Amsterdam eine Reihe von (Kurz – ) Vorträgen und Diskussionen statt:

 

 

Prof. em. Christiane Berkvens – Stevelinck, den Lesern des Remonstranten Forums Berlin bereits bekannt,  hält den Eröffnungsvortrag.

 

Über die Geschichte des Remonstranten Seminars spricht Dr. Tjaard Barnard, der Rektor.

 

Danach äußert sich Bert Dicou, Pastor und Chefredakteur der Monatszeitschrift ADREM.

 

Auch Prof. Peter Nissen von der Radbout Universität (Fach: spiritualitätsstudien) ist dabei, er spricht über “Kirchenveränderungen“. Peter Nissen ist als katholischer Theologe „Freund der Remonstranten“.

 

Zum Schluss ergreift Prof. Christa Anbeek ausführlich das Wort, Titel ihrer „Oratie“: „Überliefert an die Heiden. Wie Theologie das 21. Jahrhundert überleben kann“. Christa Anbeek hat den Lehrstuhl für remonstrantische Theologie inne. Sie hat zahlreiche Bücher publiziert und war borher in verschiedenen Hochschulen tätig.

 

 

Aanmelding vóór  9 oktober bij het Landelijk Bureau Remonstranten,

 

info@remonstranten.org of T 030 231 6970.

 

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Theologie muss öffentlich sein: Die “Nacht der Theologie” in Holland

Post date: Juli 22, 2013

Von Tom Mikkers, Sekr. der Remonstranten, Utrecht NL

Wie schön ist es  zu hören, dass es nun in Berlin eine “kleine theologische Sommerschule” am 20.Juli 2013 gab.  Ich möchte gern von zwei Erfahrungen der letzten Wochen berichten:

Denn auch für eine Gruppe remonstrantischer Theologen stand der Monat Juni im Zeichen von „Theologie und Sommer“.

Zuerst gab es eine Teilnahme remonstrantischer Theologen bei der holländischen „Nacht der Theologie“. Diese „Nacht der Theologie“ kann man verstehen als eine Art „Bücherfest“ oder eine Art „Filmgala“ der Theologie.  Das beste theologische Buch aus dem niederländischen Sprachgebiet erhält dann eine Auszeichnung, einen Preis, dabei gibt es auch eine „Wahl des Theologen des Jahres“, das macht alles noch spannender…

Die Remonstranten sind gemeinsam mit Rundfunkanstalten, Verlagen und Universitäten eine der mit organisierenden Gruppen. In den Jahren 2011 und 2012 fanden die „Nacht der Theologie“ in dem schönen Gebäude „Hermitage“ in Amsterdam statt. Dieses Jahr sind wir nach Rotterdam gezogen; wir befanden uns an Bord eines ehemaligen Schiffes der „Holland – Amerika – Linie“, dort fand unser Fest statt.

Es war durchaus ein hektischer Abend, wenn man zum Organisationsteam gehört. Aber die Bedeutung des Festes war groß. Der Theologe des Jahres, Ruben van Zwieten, der in Amsterdam arbeitet und ein neues Zentrum in Amsterdam Süd aufbaut, war dabei; er fuhr noch am Ende des Abends (mit einem Taxi) nach Hilversum, der Radio- und Fernsehstadt. Dort nahm er an einer der meist bekannten TV – Talkshows teil, danach ging s gleich weiter zum Nachtprogramm von „Radio 1“. Genau darum geht es auch der „Nacht der Theologie“: Wir wollen der Theologie immer ein konkretes Gesicht geben. Es geht also nicht nur um das nette Fest  mit allerlei Leuten, sondern vor allem darum: Einem breiten Publikum deutlich machen, dass Theologie „ansprechbar“ und wichtig im Leben ist. Das bedeutet: Wir haben dafür zu sorgen, das Theologen ein Podium in den Medien haben; unsere „Nacht der Theologie“  bietet dafür einen Ansatz.

Eine Woche zuvor befand sich eine noch größere Gruppe von remonstrantischen Pastorinnen und Pastoren in Salisbury, England. Sozusagen im Schatten der Kathedrale blieben alle aktiven PastorInnen zusammen im „Theologischen Seminar“ dort. Es war für mich auch eine erneute tiefere Bekanntschaft mit meinen KollegInnen. Wir sprachen in den 5 Tagen über neue Entwicklungen in der Kirche und der Theologie. Dabei wurde aber deutlich, wie tief wir eigentlich miteinander schon verbunden sind. In Salisbury kamen wir als eine neue „Generation“ von TheologInnen zusammen. Wir alle sind bewegt von der Frage: Wie wir in der „säkularisierten“ Gesellschaft Glaube und Christentum auf eine freie und tolerante Weise darstellen und leben können.

Neben diesen Gesprächen gab es auch Zeiten für Meditation, Gebet und „Einkehr“. Es war so erfrischend, um auf diese Weise einmal mit allen Pastorinnen und Pastoren unserer Remonstranten Kirche zusammen zu sein. Wir haben da eine Perspektive gewonnen für einen neuen Beginn.

Tom Mikkers

Allgemeiner Sekretär der Remonstranten Kirche.

(Übers. Christian Modehn)

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Freisinnig glauben: Bewegt, offen, einladend.

Freisinniges Leben: Bewegt, offen, einladend.

Ein „Remonstranten – Forum“ in Berlin

Ein Diskussionsbeitrag von Christian Modehn. Dieser Artikel wurde auf Niederländisch in der Zeitschrift ADREM, Utrecht im  Juni 2013 veröffentlicht.

Im Januar 2010 startete das „Forum der Remonstranten in Berlin“. Es soll ein Ort offenen Austauschs sein, ein freier Raum für freisinnigen Glauben und liberale Theologie, für Lebensorientierung. Ein Ort mitten in der Öffentlichkeit, außerhalb der Kirchenmauern. Es handelt sich also um keine Gemeinde im „klassischen Sinn“. „Forum“ ist ein ungewöhnlicher Titel: Er will Leben provozieren, etwas Werdendes, für Experimentes Offenes sein. Etablierte (orthodoxe)Kirchengemeinden gibt es genug, sie sterben langsam aus. Soziologen wissen, dass sie in ihrer dogmatisch – bürokratischen Etabliertheit kaum noch Chancen haben, von aufgeklärten und suchenden Menschen als Orientierung ernst genommen zu werden.

Der Titel Forum wurde bewusst gewählt in einer auch in religiöser Hinsicht ungewöhnlichen Metropole. Da haben es einfach alle kirchlichen Initiativen schwer, zu zwiespältig ist der Ruf der Kirchen in Berlin. Buddhisten sind beliebter und manchmal auch fundamentalistische Pfingstkirchen.

Angesichts der sehr starken Konfessionslosigkeit in Berlin sprechen Soziologen zu recht von einer für Europa einmaligen Situation. Von den 3, 5 Millionen Einwohnern nennen sich 2, 3 Millionen konfessionslos, also über 60 Prozent. Dabei gibt es Unterschiede: Die Konfessionslosen im ehemaligen Westen der Stadt waren früher einmal Kirchenmitglieder. Während die meisten Bewohner im ehemaligen Osten, also der DDR – Hauptstadt, nie Kirchenmitglieder waren. Sie nennen sich atheistisch, heidnisch, säkular… zweifellos auch ein Ergebnis der Religionspolitik der DDR. Aber junge Menschen in Berlin, nach dem Fall der Mauer geboren, bezeichnen sich einfach nur „konfessionsfrei“ oder „neutral“, manche sagen: „Ich bin (religiös) nichts“. Aber sie sind wie viele andere Konfessionslose durchaus für spirituelle Fragen offen, die esoterische Szene ist äußerst vielfältig.

665.000 Berliner sind noch Mitglieder der evangelischen Kirche, 320.000 gehören noch der römisch – katholischen Kirche an, 12.000 sind jüdischen Glaubens, 250.000 sind Muslims. Die „religiöse Praxis“ der Christen ist, wenn sie überhaupt statistisch bewertet werden kann, sehr bescheiden: 4 Prozent der Berliner Protestanten nehmen am Sonntagsgottesdienst teil, etwa 10 Prozent der Katholiken: Also insgesamt 70.000 Berliner gehen sonntags in eine Kirche, vorwiegend ältere Menschen. Mehr als 100.000 junge Menschen besuchen an einem Wochenende die mehr als 120 großen Musikclubs in Berlin….Die Kirchen stehen nicht unter einem gesunden Leistungsdruck, Ehrgeiz ist Sünde, Routine eine Tugend, Bürokratie heilig: Das Erzbistum Berlin hat einen Jahres – Etat von 164 Millionen Euro, bei der evangelischen Landeskirche sind 326 Millionen Euro!

Was die religiöse Bindung der Menschen in Berlin angeht, gilt natürlich auch für sehr weite Teile Europas und Nordamerikas. Überall dort, wo Menschen gebildet sind und die Ideen der philosophischen Aufklärung in ihr Denken integriert haben, geht die Bindung an die „orthodoxen“ großen Kirchen restlos zurück. Das bedeutet: Sehr viele Menschen in Berlin stören sich an dogmatischen Lehren, sie wollen keine Bindungen an Institutionen, die vorschreiben, wie „man“ zu leben hat. Der einzelne Mensch hat in den „orthodoxen“ Kirchen letztlich zu hören und zu gehorchen, was die Traditionen behaupten. Die individuellen religiösen Erfahrungen haben keine Bedeutung für die Prägung der Kirche selbst.

Eigentlich bietet eine solche Situation eine sehr gute Voraussetzung, um ein freisinniges und theologisch liberales Forum zu gestalten. Es könnte ja eine Alternative sein für kritische und gebildete Menschen. Nach 3 Jahren können wir keine große Mitgliederstatistik vorweisen. Aber geht es freisinnigen Christen wirklich auch vorwiegend um Mitglieder?  Oder ist freisinniger Glaube eher eine offene Bewegung, die in Foren für hilfreiche Inspirationen sorgt und Menschen ermuntert, ihr Leben kritischer und solidarischer zu gestalten.

Wir treffen uns bewusst in Cafés oder Kunst Galerien. Zu dieser Form „säkularer“ Präsenz fühlen wir uns ermutigt durch die heutige Remonstranten Theologie selbst, etwa wenn Prof. Marius van Leeuwen sagt, „der remonstrantische Glaube ist christlich UND humanistisch“.

Die wichtigste Veranstaltung ist für uns in berlin ein monatlicher philosophischer Salon, er besteht schon seit 6 Jahren mit insgesamt 70 „Salonabenden“. Wir sind in der weiten religionsphilosophischen Szene inzwischen bekannt.

Etwa 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen zu einem Salon zusammen, einige sind regelmäßig und von Anfang an dabei. Wir wollen mindestens 2 Stunden über ein philosophisches oder auch im weitesten Sinne religiöses Thema sprechen: Etwa: Was ist Selbstbestimmung? Was bedeutet religiöses „Patchwork“? Was bedeutet das „beschleunigte, schnelle“ Leben? Was ist Stille, was ist Einsamkeit? Wer das mitmacht, stellt sich, ob er will oder nicht, irgendwann grundlegende Fragen, auch spirituelle Fragen. Insofern passieren in einem Salon dieselben Effekte wie in einem Gottesdienst mit Predigt.

Philosophieren in Gemeinschaft fördert die Selbstbestimmung, den Wunsch, authentisch zu leben, bewusster und frei das „Leben im Angesicht des Unendlichen“ zu gestalten.

Unser Forum ist sozusagen eine „Basis – Initiative“, ein Ort der Inspiration, wo es noch keine Festlegungen, keine Mitgliedschaften gibt. So zeigt sich das remonstrantische Leben eher als großzügige Offenheit, als eine freisinnige religiöse Bewegung. Wer sich da beteiligt, muss nicht gleich Mitglied werden. Warum kann nicht der Besuch einer Ausstellung ein religiöses Erlebnis sein? Oder der Besuch eines Konzerts, über den man sich danach austauscht? Warum kann eine Poesie – Werkstatt nicht eine Form des Gottesdienstes sein. Und welche Alternativen bieten denn remonstrantische Gottesdienste, werden wir oft gefragt. Sollten remonstrantische Gottesdienste nicht eher „Menschen – Dienste“ sein, also frei gestaltete Veranstaltungen, wo man die eigene innere Stimme wieder zu hören, die eigene Last des Lebens mit anderen zu teilen lernt.

Unsere Perspektiven für die Zukunft? Wir wollen die freisinnige und liberale theologische Position weiterhin deutlich machen, ohne dabei missionarische Werbung zu betreiben. Wir wollen das Gespräch suchen mit humanistisch gebildeten Menschen, auch mit Atheisten: Welche andere Kirche kann denn sonst deren Fragen ernst nehmen? Welche Kirche kann denn sonst sagen: „Auch von euch Atheisten können wir lernen, etwa was die Kritik an infantilen Gottesbildern angeht“. Wir vertreten in unserem Forum einen sehr weiten Religionsbegriff und wissen, dass auch und gerade in der Auseinandersetzung mit der modernen Kultur religiöse Fragen aufbrechen. Dabei diskutieren wir auch politische Fragen, etwa im Anschluss an die These von Walter Benjamin „Der Kapitalismus ist eine Religion“. Wie können wir diese so vielfach verlockende und allseits werbende kapitalistische Religion menschlicher und sozialer gestalten?

Das Begeisternde an einer freisinnigen und theologisch liberalen Kirche ist doch: Prinzipiell gibt es keine Denkverbote. Dringend scheint mir zu sein, endlich jungen Menschen und Leuten zwischen 20 und 40 alle Freiheiten zu bieten, ihre eigene Sache in einem Remonstranten Forum

gestalten zu können. Für diese Menschen müssten die Türen eines Forums ganz weit offen sein. Sie sollten selbst gestalten, was ihnen spirituell wichtig erscheint. Ebenso gilt das für türkische oder arabische Menschen muslimischen Glaubens: Die großen Kirchen haben da noch viele Ängste: Wir wollen bald in unserem Salon und Forum mit türkischen Philosophen zusammenarbeiten. In de Vrijburg in Amsterdam predigen Muslims, für uns sehr inspirierend! Wir suchen Verbindungen zu spirituell interessierten jungen Spaniern, Portugiesen, Italienern usw., die jetzt zu vielen tausend nach Berlin kommen, weil sie sich in Berlin ein besseres leben erhoffen als in ihrer Heimat. Können Remonstranten, historisch gesehen in Deutschland eine Kirche der Ausgegrenzten und Flüchtlinge, diesen neuen „Wirtschafts – Flüchtlingen“ Begleitung und Hilfe bieten?

Was bedeutet eigentlich Europa für die Remonstranten, werde ich oft gefragt. Ich weiß darauf keine Antwort: Wollen die Remonstranten tatsächlich eine internationale Kirche werden? Oder ist ein Forum in Berlin nur eine kleine nette Ausnahme? Spüren die holländischen Remonstranten deutlich, dass sie angesichts der religiösen Entwicklung in Europa neue Aufgaben in Europa und darüber hinaus haben, Aufgaben, die sie auch von Holland aus leisten personell könnten. Solche Fragen stellen wir uns in unserem kleinen  Forum in Berlin, das nur von Ehrenamtlichen lebt und viele Stunden Einsatz erforderte. Was sollen wir tun, wenn Menschen eine freisinnige (Homo) Hochzeit wünschen? Was tun, wenn die vielen Konfessionslosen eine freisinnige christliche Bestattung wünschen? 52 Prozent der Bewohner Berlins sind singles, darunter ca. 400.000 homosexuelle Menschen. Allein die Einsamkeit vieler älterer Schwuler und Lesben könnte ein dringendes Thema für remonstrantische Beratung sein. Das alles kann das kleine Forum in Berlin nicht leisten. Es ist eine kleine Stimme, die es in der Berliner kirchlichen Szene, wie oben beschrieben, nicht leicht hat. Dennoch meine ich: Die Chancen der freisinnigen Remonstranten, dieser „Christen und Humanisten“, wären eigentlich sehr groß, wenn sie sich auch als offene Bewegung mit vielen Foren und kleinen Galerien, warum nicht auch in Krypten und Cafés versteht.

Ich denke, in der religiösen Szenerie ist es wichtig, eine Kirche zu haben, die von vornherein und ohne jede weitere Debatte liberal und freisinnig ist, mögen auch einzelne Gemeinden etwa der evangelischen oder katholischen Kirche gelegentlich liberal und freisinnig sein.

Christian Modehn, geboren in Berlin,

Initiator des Forums der Remonstanten, er ist seit 2011 Mitglied der Remonstranten, er hat katholische Theologie (Diplom) und Philosophie (Magister) studiert und arbeitet seit 35 Jahren als Journalist für Fernsehen und Hörfunk der ARD.

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Politiker predigen im Sonntagsgottesdienst: Ein Interview mit Pastor Joost Röselaers, Amsterdam

Post date: Januar 9, 2013

Interview mit Joost Röselaers, Remonstranten – Pastor in der Gemeinde Vrijburg, Amsterdam

In der Vriburg – Gemeinde in Amsterdam finden seit einigen Monaten regelmäßig Gottesdienste statt, in denen Politiker die Predigt halten. Es handelt sich dabei um die üblichen Gottesdienste am Sonntagvormittag um 10.30 Uhr.

In einem Interview mit Christian Modehn erläutert Pastor Joost Röselaers diese Initiative.

Warum ist es interessant und wichtig für die Gemeinde, Politiker in den Gottesdienst zum Predigen einzuladen?

Eine der zentralen Aufgaben der Kirche besteht darin, auch meinungsbildend für die Menschen dazu zu sein, das kann auf philosophische oder psychologische Weise geschehen. Die Kirche ist auch Teil der Gesellschaft. Viele Dinge um uns herum verändern sich, nicht immer auf positive Weise. Man denke an die (vielfältige) Rolle der „sozialen Medien“ oder des Internets. Oder auch an das Auftauchen weit rechts und weit links orientierter Parteien. Oder denken wir an die Bedeutung der ökonomischen Krise. In dieser Situation, denke ich, kann die Kirche einen Raum bieten, damit die Fragen und Ängste diskutiert werden. Dabei haben die Pfarrer der Gemeinde Vrijburg durchaus eine führende Rolle. Aber es ist auch gut, wichtige aktive Politiker zu uns einzuladen, um über die Entwicklungen der Gesellschaft nachzudenken. Es geht nicht um aktuelle parteipolitische Fragen, sondern eher um einen Blick aus der Distanz. Dazu laden wir Politiker aller Parteien ein, außer Parteien mit extremen Anschauungen.

Sprechen die Politiker über Politik oder auch über Spiritualität?

Die meisten Politiker fühlen sich aufgefordert, auch über ihren eigenen spirituellen Hintergrund zu sprechen. Gerade das macht ihre Beiträge inspirierend und interessant. Von dieser Basis aus diskutieren sie auch politische Themen.

Hält denn auch der Pfarrer in einem solchen Gottesdienst auch noch eine Predigt?

In diesen Gottesdiensten biete ich als Prediger eine Einführung in den Bibeltext, den ich und der Politiker gemeinsam ausgesucht haben. Nach meinen einleitenden Worten, haben aber Politiker das Wort!

Welche Vorstellung von einer Gemeinde ist dabei für Sie leitend?

Die Gemeinde ist ein Ort, wo unterschiedliche Meinungen Platz haben, ein Ort der Toleranz. Leute von linken und rechten Flügel sollen willkommen sein in der Vrijburg, Sozialisten, Christdemokraten und Liberale. Wir sollen die Meinung eines jeden tolerieren und bereit sein, eine offene Diskussion zu starten. Ich bin froh beobachten zu können, dass dies in Vriburg der Fall ist.

Gibt es Gespräche und Diskussionen nach der Predigt der Politiker?

Ja, danach bleiben wir noch etwa eine halbe Stunde zusammen. Besonders junge Menschen mögen diesen Austausch. Und die Politiker sind froh, ein feed – back zu bekommen.

Ist es für Ihre Gemeinde auch möglich, atheistische Politiker zur Predigt einzuladen?

Unsere nächste Sprecherin im Gottesdienst gehört zur Partei D66, einer links – liberalen Partei, sie ist Mitglied im Europa Parlament, ihr Name ist Sophie in t Veld. Sie bekennt sich ganz offen zum Atheismus. Aber das heißt doch nicht, das sie sich nicht auch von Bibeltexten inspirieren lässt oder von der christlichen Tradition. Es ist faszinierend mit ihr über diese Themen zu diskutieren. Dabei weiten sich die Perspektiven, für mich und für sie. Frau in t Veld wird über die Trennung von Kirche und Staat in Europa sprechen. Für uns als Remonstranten ein wichtiges Thema, wurden wir doch selbst einst verfolgt als Minderheit. Wir wissen bescheid, wenn es um den Einfluss bestimmter Kirchen auf den Staat geht. Damit meine ich ja nicht, dass der Staat völlig indifferent gegenüber den Religionen sein sollte. Religion bedeutet vielen Leuten doch einiges und kann doch eine Quelle sein für soziales Handeln.

Ergänzung von Christian Modehn: 2011 wurde Frau in ‘t Veld in Oslo mit dem International Humanist Award der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union ausgezeichnet. Diese Ehrung galt ihrem Einsatz für die Rechte von Frauen und homosexuellen Menschen. Sie kümmerte sich zudem um den Aufbau der europäischen Plattform für säkulare Politik „European Parliament Platform for Secularism in Politics“.

Die Gemeinde Vrijburg in Amsterdam ist unter dieser website erreichbar!

 

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Religionsstress – ein heilbares Leiden. Zu einem neuen Buch von Tom Mikkers

Post date: September 11, 2012

Religionsstress – ein heilbares Leiden

Zu einem neuen Buch von Tom Mikkers

Von Christian Modehn       (PS: inzwischen ist das Wort “Religionsstress”  offiziell zum Wort des Monats in den Niederlanden erklärt worden. Siehe auch Woord van de maand.)

Immer weniger (jüngere) Menschen in Europa sind noch mit  Kirchen und Religionsgemeinschaften verbunden. Aber die religiösen Institutionen und Verwaltungsapparate, mit ihren dogmatischen Lehren und zum Teil rigiden moralischen Weisungen, versuchen, die öffentlichen Debatten zu prägen und das Leben der einzelnen zu bestimmen. Das verursacht negativen Stress, Spannungen, seelischen Druck und Belastungen. Offenbar können sich viele aufgeklärte oder kirchendistanzierte Menschen doch nicht von den tradierten alten Gottesbildern lösen; sie können sich nicht von autoritärer Einrede durch kirchliche Institutionen freimachen. Hingegen könnte ein kritisch reflektiertes, eher an der Gestalt Jesu von Nazareth inspiriertes Gottesbild von religiösem Stress (und Leiden) befreien.

Das ist der Ausgangspunkt des neuen Buches von Tom Mikkers. Er ist „Allgemeiner Sekretär“ der „Remonstranten Kirche“ in den Niederlanden, einer gleichermaßen humanistisch wie christlich geprägten freisinnigen Kirche, die ihren Sitz in Utrecht hat.  Mikkers`Buch „Religiestress“ (Religionsstress) ist im September 2012 im Verlag Meinema in Zoetermeer erschienen, es hat 140 Seiten und kostet 14,90 Euro.

Das neue Buch von Tom Mikkers (kürzlich ist auch sein Buch „Coming Out Churches“ in Holland veröffentlicht worden) erinnert vor allem an die Situation in den Niederlanden: Dort haben evangelikale Kreise ihr eigenes TV Programm, das sie mit traditioneller Glaubenslehre „füttern“. Auch die zahlenmäßig kleiner werdende römische Kirche in Holland versucht in ihren Medien lautstark die rechte, die orthodoxe Lehre zu verbreiten, z.B. mit allen bekannten Abweisungen von nun einmal auch sexuell geprägter Liebe unter Homosexuellen oder der Zurückweisung wiederverheiratet Geschiedener von der Kommunion. Rigide Regeln verdunkeln und “vergiften” (F. Nietzsche) das Bild eigentlich menschenfreundlicher Glaubensgemeinschaften. Tom Mikkers wehrt sich gegen den Gedanken,  Religionen würden prinzipiell seelische Belastungen und Irritationen fördern. Nebenbei: Auch atheistische Glaubensgemeinschaften können in ihrer „Anti – Dogmatik“ Stress und Anspannung erzeugen.

Der Autor hält ein menschliches Christentum für möglich, wenn sich denn die Glaubenden befreien von magischen Vorstellungen. Die Menschen haben die Möglichkeit, selbst kraft ihrer Vernunft eine bessere Welt zu schaffen. Sie sollten die Unterscheidung lernen: Welche Religionen schaden der menschlichen Entwicklung, welche sind hilfreich und fördern das seelische Gleichgewicht? (Seite 112). Religion ohne Stress beginnt damit, die so genannten Heiligen Texte der Religionen, etwa die Bibel, als Ausdruck des religiösen Bewusstseins früherer Generationen zu lesen, also historisch – kritisch, befreit von magischen Vorstellungen, die ja ein eigenes Belastungspotential in sich bergen.  Stressfrei religiös: Das meint ein Leben, das sich aufgeklärt religiös versteht, das sich den Sinn für das göttliche Geheimnis in jedem Dasein bewahrt und deswegen alles „klein karierte“ obsolete  moralische Besserwissen der Institutionen zurückweist. Religion birgt grundsätzlich so viel Weisheit, dass man sie nicht den Herren des Dogmas überlassen darf. Das Buch „Religiestress“ belebt die Debatte um menschenfreundliche Kirchen (biophil, im Sinne des Therapeuten Erich Fromm), in dem festen Willen, die lebensfeindlichen, also negativen Stress und Leiden verursachenden Glaubensformen zurückzuweisen (nekrophil im Sinne Erich Fromms). Das ist ein großes Projekt…Immerhin gibt es Orte innerhalb der Christenheit, wo sich der Glaube gleichermaßen humanistisch wie jesuanisch – christlich versteht. Freisinnige Kirchen, wie etwa die Remonstranten, haben eigentlich einen hilfreichen Vorschlag gegen zuviel „Religiestress“.

Der Autor dieses Beitrags fragt sich nur, warum sich so viele Menschen in dieser insgesamt äußerst stressgeladenen Gesellschaft (Rassismus, Kriege, Korruption, Probleme in der Entwicklung von Demokratien, Fundamentalismus, Gewalt usw.) immer noch an Stress erzeugende Religionen binden und sich kaum für humanistisch  – christliche Alternativen interessieren. Ist die allgemeine religiöse Verblendung immer noch so groß, dass es förmlich eine (masochistische?) Freude ist, in eigentlich doch aufgeklärten Zeiten betont fundamentalistisch – stressig religiös zu leben?

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Remonstranten – “klein, aber fein”: Aus einem Interview mit Prof. Marius van Leeuwen

Post date: Juli 28, 2012

Remonstranten – „klein, aber fein“

Aus einem Interview mit Prof. Marius van Leeuwen

Von Christian Modehn

Die Juli Ausgabe (2012) der Monatszeitschrift der Remonstranten ADREM (Utrecht) ist ein Heft, das der Theologe Marius van Leeuwen redaktionell betreut hat. Von 1993 bis zum Sommer 2012 ( Zeitpunkt seiner Emeritierung) leitete er das theologische Seminar der Remonstranten in Leiden. Er ist u.a. durch zahlreiche Studien zur Geschichte dieser Kirche hervorgetreten. Für ADREM hat Martijn Junte mit Prof. van Leeuwen ein Interview geführt. Wir bieten in eigener Übersetzung einige Auszüge, vor allem solche Texte, die für deutsche LeserInnen das besondere Profil der Remonstranten – Kirche einmal mehr deutlich machen können.

Frage: Welches Bild hast du von der Zukunft der Kirche?

Van Leeuwen:

Kirchen sind in eine Minderheiten – Position gekommen. Viele Menschen leben sehr gut ohne Glaube und ohne Kirche. Man kann nicht darauf beharren, dass diese Menschen ein unvollkommenes Leben führen oder des Glücks entbehren, wenn sie nicht glauben. Doch werden immer Menschen auf religiöse Weise das Leben betrachten und die Werte der christlichen Tradition erkennen oder danach suchen. Der Glaube wird fortbestehen, aber als eine Option, nicht als eine Notwendigkeit im Leben.Dann wird Prof. van Leeuwen gefragt, ob in diesem Kontext die Remonstranten eine „Chance“ haben:

„Es gibt auch eine gemäßigte Form des Glaubens (gegenüber den orthodoxen und evangelikalen Kirchen), also die Remonstranten. Ich denke, dass diese Form von Kirchesein für viele Menschen ansprechend ist. Es ist auch nötig, dass Menschen weiterhin experimentieren mit einer „freisinnigen Variante“ des Glaubens. … Nicht, dass man nun jeden bekehren muss, aber der Glaube bleibt eine wichtige Lebensorientierung.

Freisinnig bedeutet für mich: Niemand hat die ganze Wahrheit.  Das christliche „Gedankengut“ gibt es, aber nicht in dem Sinn von Glaubensartikeln, die nun jeder glauben muss. Der eine Glaubende wird einem „Element“ des Glaubens fasziniert, der andere von einem anderen Element. Immer handelt es sich um Fragmente, und darin leben wir. Der remonstrantische Glaube hat nicht eine Substanz, die ein für alle mal klar umschrieben werden kann. Unser Glaube ist eher eine bestimmte Form, mit Wahrheit und Wahrheitsansprüchen umzugehen“.

Dann weist Marius van Leeuwen darauf hin, dass die Remonstranten „eine niedrigschwellige Kirche“ sind. „Wir stellen wenige Forderungen an Menschen, wir kennen etwa das offene Abendmahl als Einladung an alle; wir haben ein einladendes Glaubensbekenntnis, das man nicht in irgendeiner Form unterschreiben muss. Das Glaubensbekenntnis ist ein Vorschlag, eine Anregung: Schau selbst die Dinge des Glaubens an! Aber diese niedrige Schwelle hat auch die Gefahr in sich, dass man alles schön findet und den Kern nicht mehr sieht. … Da kommt die Frage nach dem Bekenntnis wieder auf“.

Auf die Frage nach der Bedeutung der Remonstranten Kirche für die weltweite Ökumene nennt Marius van Leeuwen einige Beispiele:

Im Rahmen der Diskussionen über die Taufe „brachten wir den Hinweis ein, dass wir auch Mitglieder haben, die nicht getauft sind. Unserer Meinung ruft Gott auch Menschen auf anderen Wegen als über das Ritual der Taufe. Dann treten wir bei internationalen Konferenzen der Ökumene (etwa in Harare oder Porto Alegre) immer für die Gleichberechtigung der Homosexuellen ein.  „Darüber gibt es viel Streit mit einigen afrikanischen Kirchen“.

Ausdrücklich weist Prof. van Leeuwen darauf hin, dass die kleine Kirche der Remonstranten jetzt „die Bescheidenheit abgeworfen hat. Der Gedanke heißt jetzt: Wir sind klein, aber fein. Beweglich. Wir können eine Rolle als Wegbereiter für Neues sein. Dazu gehört auch die publizistische Arbeit und PR Arbeit unseres allgemeinen Sekretärs Tom Mikkers“.

„In den kommenden Jahren werden wir uns besonders um einen neuen Lebensstil kümmern. Wenn alle Menschen dieser Welt so leben wie wir (Europäer), dann haben wir wohl das Ende. Auch bei diesem Engagement für die Gerechtigkeit spielt der Glaube eine Rolle, die Verantwortung für die Schöpfung und damit auch für die kommenden Generationen“.

 

 

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Zur Aktualität der liberalen Theologie. Perspektiven von Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Post date: Dezember 18, 2011

Zur Aktualität der liberalen Theologie

Perspektiven anlässlich einer Begegnung mit Remonstranten in Berlin am 5. 11.2011

Von Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin

Bedeutung und Aktualität der „liberalen Theologie“ sind für mich deutlich auf die säkulare Situation einer Stadt wie Berlin oder anderer Großstädte in Europa und Amerika bezogen. Dort haben die  Kirchen Mühe, ihre Mitglieder an die Kirche zu binden.

Andererseits bekommen die Menschen von heute die Religion nicht aus dem Blick. Es ist ein Bedürfnis da nach letzter Vergewisserung des Lebenssinns, auch an den Bruchstellen des Lebens, in Krisensituationen z.B.  Aber nicht nur dort. Es ist vielmehr ein Verlangen da, das Leben gesteigert zu erfahren, etwa in der so genannten Eventkultur. Aber auch die Präsenz religiöser Themen in den Medien ist deutlich, etwa in den Talkshows. Also, dass es mit der Religion bergab ginge, so lautet ja eine Interpretation unserer säkularen Gesellschaft, das ist für mich nicht zutreffend. Es gibt sicher einen Resonanzverlust des kirchlichen Christentums, vor allem in der Reformierten Kirche oder der Lutherischen Kirche, und derer, die man in den USA „main line churches“ nennt.

Aber dieser Resonanzverlust der Kirchen liegt daran, dass dort eine Sprache gesprochen wird, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Da ist der Glaube in Formeln eingepackt, die nur Insidern noch zugänglich sind. Der große Sozialphilosoph Niklas Luhmann hat das einmal „Gruppensemantik“ genannt, die in den Kirchen gesprochen wird.

Für „liberale Theologie“ ist also eine Unterscheidung wichtig: Es gibt  einerseits das religiöse Interesse bzw. es gibt Religion im christlichen Gesamtkontext. Und andererseits gibt es die Art, wie in Predigten, Theologien, kirchlichen Texten usw. darüber gesprochen wird. Dort wird der Glaube immer noch mit der Anerkennung bestimmter Glaubenslehren und Bekenntnissätzen gleichgesetzt.

Die „liberale Theologie“ meint: Dieser Glaubensausdruck ist nicht vorgeschrieben, er ist nicht durch Bibel und Bekenntnis vorgeschrieben, sondern der Glaubensausdruck muss in einer bestimmten Zeit und im Blick auf die eigene Person immer wieder neu gefunden werden. Jeder hat die Freiheit, wie er seinen Glauben ausdrückt und welche Konsequenzen er daraus in seiner Lebenspraxis zieht. Nicht auf das autoritativ Vorgegebene kommt es an, sondern auf die persönliche Entscheidungsfreiheit des einzelnen.

Ich muss als liberaler Theologie nicht glauben, was die Kirche zu glauben von mir verlangt, sondern das jenige, wovon ich selber persönlich überzeugt bin. Das ist der Grundsatz liberaler Theologie.

Glaube ist eine persönliche Angelegenheit eines jeden Menschen.

Und die Kirche? Sie ist  im Grunde nur dazu da, dass wir über diesen Glauben miteinander ins Gespräch kommen, dass wir ihn nicht allein leben, dass wir andere als Gesprächspartner haben über das, was uns allen persönlich wichtig ist, wenn es um Gott geht, wenn es darum geht, woran wir uns in letzter Instanz orientieren. Die Kirche ist eine Kommunikationsgemeinschaft des Glaubens. Sie ist dem Glauben der einzelnen nicht vor geordnet, sondern die Kirche folgt aus der Tatsache, dass der Glaube den einzelnen so wichtig ist, dass sie mit den anderen darüber sprechen möchten und ihn feiern wollen. Da wird nichts von oben und anderswoher vorgeschrieben.

Wenn Diskussionen entstehen und nach Kriterien gefragt wird, dann sind die Kriterien nicht dogmatischer Natur, sondern es sind eher ethische Kriterien des Umgangs mit einander; es sind Kriterien, wo die Frage aufbricht: Gibt es auch destruktive Glaubensüberzeugungen, solche, die den Menschen menschlich nicht gut tun, etwa, wenn sie an den Teufel glauben oder an böse Mächte, von denen sie dann befallen sein können.

Für liberale Theologie ist auch die Kultur ganz wichtig: Denn persönlicher Glaube kann überall dort entstehen, wo ich Erfahrungen mache, die eine tiefe Resonanz in mir auslösen, wo ich mich angesprochen finde gegenüber dem, was in meinem Leben wichtig ist, wo Sinn – Perspektiven erschlossen werden. Das kann die Erfahrung in einem Konzert sein, so, dass ich merke: Ich bin Teil eines größeren Ganzen, da entstehen Resonanzen in mir, die mich sehr tief mein Dasein in dieser Welt spüren lassen; da erfahre ich das, was der Theologe  Friedrich Schleiermacher das Universum genannt hat, also die alles bestimmenden Wirklichkeit, die wir dann Gott nennen, die Erfahrung also, dass wir uns aufgehoben fühlen in einem großen Ganzen.

Diese Erfahrung kann sich auch beim Hören einer Symphonie von Mahler ereignen, die ein solches Empfinden in mir weckt, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht, dass es eine Dimension der Transzendenz gibt, von der wir uns getragen wissen können. Diese Erfahrung kann in der bildenden Kunst geschehen oder auch im Kino, wo ich spüre: Diese Geschichte geht auch mich an.

Darum noch einmal: Alle Lehren über Glaubenssätze sind sekundär gegenüber dem – eben nur angedeuteten – Erlebten, das ist Kern liberaler Theologie. Mit der religiösen Erfahrung fängt die Religion an, also mit der Erfahrung, dass ich einer umfassenden Wirklichkeit zugehöre, einem größeren Ganzen, das mich im Leben trägt. Da spüre ich mich lebendig, wenn ich schwierige Erfahrungen zu verarbeiten habe usw. Also diese Dimension einer inneren Gewissheit, ist zentral.

Das religiöse Erleben ist immer das primäre, welche Sprache dann gefunden wird, ist sekundär. Allerdings meine ich, dass liberale Kirchen in ihren Gottesdiensten nicht so berücksichtigen, was andere Glaubensgemeinschaften praktizieren, nämlich eine Form der Emotionalität. Es geht nicht nur darum, über den Glauben zu „räsonieren“. Wir sollten auch in gewisser Weise „Erlebnis“ bieten im Gottesdienst, wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir bereit sein anzuerkennen, dass junge Leute heute im Pop Konzert das finden, was früher in der Religion oder in der Kirche gefunden wurde.

Für liberale Theologie kommt es nicht in Frage, den Religionsbegriff zu verengen, man neigt ja oft dazu, den Religionsbegriff abhängig zu machen von bestimmten Glaubensinhalten. So dass man sagt: Jemand ist gläubig, wenn er zur Kirche geht und bestimmte Dogmen glaubt. Wir vertreten ein weites Verständnis von Religion: Es ist das Berührtwerden von einer Dimension des Unbedingten in der Kultur. Liberale Kirchen nehmen deswegen Abstand von eher fundamentalistischen Theologien und Kirchen, die ja noch stark am Paradigma der Mission festhalten, also der Bekehrung der Menschen hin zur vorgegebenen Überzeugung der eigenen Kirche.  Wir als liberale Theologen gehen hingegen nicht davon aus, dass die Menschen erst zum Glauben kommen müssen, wie es das Missionsparadigma vorsieht. Als liberale Theologen setzen wir voraus: Da ist immer schon eine religiöse Erfahrung in den Menschen, da ist immer schon eine Erfahrung mit dem Unendlichen, diese haben die Leute längst gemacht. Jeder hat seine eigenen religiösen Gedanken, im religionsleeren Raum lebt keiner hier zulande, in den Gebieten der ehemaligen DDR ist das vielleicht anders, das ist ein eigenes Thema.

Liberale Theologie unterstreicht: Die Menschen haben bereits ihren Glauben. Die Kirche wird aber deswegen nicht überflüssig, wir brauchen Orte, wo man das Erlebte miteinander gestalten kann, wo man etwa an den großen Stationen des Lebens religiöse Feiern gestaltet, etwa bei der Geburt oder bei der Trauung. Wer sich den Menschen religiös zuwendet, redet so, dass die Menschen auf ihre Art Glaubende sind. Ich mache ihnen bewusst, was sie glauben, biete ihnen Vorschläge an, das Erfahrene sprachlich auszudrücken.

Ich bin sozusagen die „Hebamme“ für die anderen, den eigenen Glauben auszudrücken.

Auch das Beten kann dann neu verstanden werden: Beten heißt, dass ich mich ausspreche, sage, was mich zutiefst bewegt, und zwar in letzter Hinsicht, bezogen auf die Transzendenz, auf Gott. Im Beten geschieht eine gesteigerte Form der Selbstreflexion, ich verstehe mich dann im Horizont des Unbedingten, spreche mich aus. Ich brauche das als religiöser Mensch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Paul Tillich – Anregungen für eine freisinnige Theologie

Post date: August 27, 2011

Freisinnige Theologie (“liberale Theologie”) kann sich immer wieder einiger Vorläufer versichern, die sich um eine vernünftige Begründung des Glaubens bemühten; die das weite Feld der Kulturen befragten hinsichtlich des “Unbedingten”; kurz: die einen modernen, eine aufgeklärten christlichen Glauben in nachvollziehbarer Sprache darstellten. Diese Theologen hatten den Mut, uralte dogmatische Formeln ins Heute zu übersetzen oder gar als für wenig hilfreich eher beiseite zu stellen.Paul Tillich gehört zweifellos zu diesen Theologen, die sich zwar selbst nicht freisinnig und schon gar nicht “remonstrantisch” nannten, die aber doch bis heute für eine remonstrantische Spiritualität und Theologie anregend bleiben, was ja z.B. von Schleiermacher oder Harnack in gewisser Weise auch gilt. Viele Leser wird es freuen, dass in dem folgenden Beitrag, der einer Radiosendung des RBB Kulturradios am 21. 8. 2011 zugrunde liegt, auch der Berliner Theologe Prof. Wilhelm Gräb öfter zu Wort kommt! Prof. Gräb hatte ja kürzlich einen Vortrag im Remonstranten-Forum-Berlin gehalten.

Ein leidenschaftlicher Theologe

Erinnerungen an Paul Tillich

Der Text für eine Radiosendung von Christian Modehn.     Copyright: christian modehn berlin.

…Die kürzere Fassung dieses Beitrags wurde im im RBB Kulturradio am  21.8.2011 gesendet…

Copyright: christian modehn

 

Musikal. Zusp.,

 

O TON, Christian DANZ,

Grundlegend muss man auch sehen, dass Tillich sehr stark auf moderne Fragestellungen sich bezieht, so dass er relativ breit religiöse Phänomene auch über die Kirchengrenzen und Christentumsgrenzen hinaus identifizieren kann.

 

1. Musikal. Zusp.,

 

O TON, Werner Schüssler

Er will dem säkularen Menschen deutlich machen: Wenn er in seine Tiefe vorstößt, dann findet er vielleicht, was man Religiosität nennen könnte.

 

Musikal. Zusp.,

 

O TON, Wilhelm Gräb

Er war ein Weltmann, man könnte dann auch sagen, ein Lebemann, der alle frommen Zirkel und bestimmte rigide Normen, die für besonders christlich gehalten werden, sich nicht hat gefallen lassen.

 

Musikal. Zusp.,

 

O TON, Gräb, 0 39“

Die große Leistung von Paul Tillich war, und womit er für uns auch heute noch Maßstäbe setzt: Er hat Gott in der Kultur entdeckt. Gott ist nicht nur in der Kirche zu Hause, er ist in erster Linie gerade nicht in der Kirche zuhause, sondern in der Kunst, in der Literatur, in der Musik. Natürlich ist das Kunstwerk nicht selber eine religiöse Wirklichkeit. Aber es bringt mich in Kontakt mit der transzendenten Wirklichkeit, mit einem Sinnzusammenhang, und wo das

geschieht, dort ist für Menschen auch ein gottesdienstliches Geschehen da, das ist gerade nicht an den Ort der Kirche gebunden.

 

1. SPR.:

Professor Wilhelm Gräb von der Humboldt Universität zu Berlin berichtet über Paul Tillich, einen der außergewöhnlichen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er wurde vor 125 Jahren, am 20. August 1886, in Starzeddel geboren, einem Dorf in der Nähe von Guben; es gehörte damals zur „Provinz Brandenburg“. Sein Vater war dort Pfarrer, ein begabter Theologe, der sich nicht nur mit der Bibel befasste. Er weckte bei seinem Sohn sehr früh schon die Begeisterung für die Philosophie. Im Jahr 1900 zog die Familie nach Berlin. Nach dem Abitur studierte Paul Tillich in Berlin, Tübingen und Halle. An der Philosophie schätzte er die Weite des Denkens und das unablässige Fragen. Nur auf dieser Basis wollte er Theologe sein und den Glauben an Jesus Christus interpretieren. Denken und Glauben sollten nicht länger als Konkurrenten gelten. Tillich wollte Grenzen überschreiten, Getrenntes verbinden. Daran erinnerte er noch 1962, als er in Frankfurt mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde.

 

O TON, Tillich, 0 44“

Das Dasein auf der Grenze, die Grenzsituation, ist voller Spannung und Bewegung. Sie ist in Wirklichkeit kein Stehen, sondern ein Überschreiten, ein Zurückkehren, ein Wiederzurückkehren, ein Wieder Überschreiten, ein Hin und Her, dessen Ziel es ist, ein Drittes, jenseits der begrenzten Gebiete zu schaffen, etwas, auf dem man für eine Zeit stehen kann, ohne in einem fest Begrenzten eingeschlossen zu sein.

 

1. SPR.:

Wenn sich Denken und Glauben gegenseitig anregen,  entsteht ein „Drittes“, wie Tillich sagt, eine neue, eine moderne Religiosität. Sie lässt sich nicht in enge Mauern der Kirchen einschließen. Mit unverbrauchten Worten will Tillich den Glauben ausdrücken: Anstelle von Sünde spricht er von Seinsverfehlung. Christus nennt er das „neue Sein“; Gott wird zum Namen für das, „was die Menschen unbedingt angeht“.

 

1. SPR.:

Paul Tillich wird in Theologie und Philosophie promoviert, auch seine Habilitationen sind erfolgreich. 1912 wird er zum Pfarrer der „Brandenburgischen Landeskirche“ ordiniert. Unmittelbar danach beginnt er seinen Dienst als „Hilfsprediger“ in der Erlösergemeinde in Berlin  – Moabit. Der dortige Pfarrer Wolfgang Massalsky hat nach den Spuren seines bedeutenden Kollegen geforscht:

 

O TON, Wolfgang Massalsky, 1 18“.

Es sind wohl ungefähr 20 Predigten in Moabit hier in der Erlöserkirche von ihm gehalten worden. Und diese Predigten konnte ich in einer Abschrift nur in Marburg einsehen. Und diese Predigten haben wir dann auch in einem Arbeitskreis behandelt. Es gibt immer einen Bezug zur Erfahrungswelt der Menschen damals. Dogmatische Fragen, Lehrfragen im eigentlichen Sinne spielten anscheinend gar nicht die große Rolle für ihn. Wichtig war ihm, das Leben in der Gesellschaft, das Leben  im privaten Bereich vor allem auch, und sicher auch ein Stückweit das Leben in der Arbeitswelt. Er versucht die biblischen Sätze, die er als Predigttext benutzt, in den Horizont seiner Hörer herein zu bekommen; er versucht aber nicht durch eine Art Indoktrination sie zu gewinnen und sozusagen voll zustopfen mit christlicher Botschaft, sondern aus ihrer Erfahrungswelt heraus einen Zugang zu schaffen zu diesem Gott, der für ihn Jesus Christus greifbar und erlebbar geworden ist.

 

1. SPR.:

In Moabit gründet Tillich seine „offenen Salonabende“, Gesprächskreise, an denen Gläubige, Atheisten oder auch Anhänger esoterischer Zirkel teilnehmen. 1914 zieht er als Feldprediger an die vorderste Front. Er muss  zusehen, wie Soldaten, Freunde wie Feinde,  hingeschlachtet werden oder als Krüppel schwerste Verletzungen überlebten. In einem Brief schreibt er:

 

2. SPR..
Das Erleben des Krieges riss den Abgrund für mich so tief auf, dass er sich nie mehr schließen konnte. Mir wurde klar: Wenn es eine neue Theologie geben kann, dann muss sie dieser Erfahrung des Abgrundes unserer Existenz gerecht werden. Es ist ein Abgrund der Sinnlosigkeit.

 

1. SPR.:

Was ist das Leben? Was ist der Tod? Wie ist Frieden möglich? Fragen, die den Theologen und Philosophen sein Leben lang begleiten. In der Weimarer Republik ist er als Dozent und Professor in Berlin, Marburg und Dresden tätig, schließlich wird der nach Frankfurt am Main auf den angesehenen Lehrstuhl für Philosophie berufen. Theodor W. Adorno gehört dort zu seinen Doktoranden. Das Interesse an seinen Vorlesungen ist überwältigend. Tillich gelingt es, mit den Studenten gemeinsam nach dem Sinn des Lebens zu fragen.

 

O TON TILLICH , 0 22“

Der Mensch unserer Tage ist sich seiner Endlichkeit bewusst. Er kann nicht vergessen, dass er vom Nichts kommt und zum Nichts geht. Auch wenn er zugleich zu einer ewigen Dimension des Seins gehört. Die Angst vor dem Nichts mischt sich in ihm mit dem Mut, Ja zu sagen zum Dasein.

 

1. SPR.:

Viele Menschen schreiben ihm, berichten von ihrem seelischen Leid, der Suche nach einem tragfähigen Lebenssinn. Tillich, der Vielbeschäftigte, nimmt sich Zeit, auf jeden Brief persönlich zu antworten:

 

2. SPR.:

Man kann den Sinn finden in kleinsten und größten Dingen. Der Sinn kann niemals definiert, fest umschrieben oder gar griffig gehandhabt werden. Für mich ist Gott das grundlegende Symbol für den Sinn des Lebens. Er ist die Kraft des Seins. Daran glauben wir, wenn wir den Mut haben, Ja zu unserem Leben zu sagen, selbst wenn wir in unseren Worten die so genannte „Existenz Gottes“ verneinen.

 

1.SPR.:

Ob sich jemand gläubig oder ungläubig nennt, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass jeder Mensch das „Unbedingte“ mitten im Leben erfahren kann, betont Tillich:

 

O TON, Tillich. 0 21“

Es die Dimension, die sich zeigt, wenn die Fragen gestellt werden: Wofür bin ich da, warum ist irgendetwas da? Was ist der Grund, der Sinn allen Seins, was ist der Sinn meines Seins?

 

1. SPR.:

Tillich erinnert an das Licht, das sich noch in der Dunkelheit von Sinnlosigkeit und Angst zeigt. Und er fragt: Warum treten wir nicht aus dem Dunkel heraus, wechseln die Perspektive? Dann kann Religiosität entstehen. Über das besondere Glaubensverständnis Tillichs berichtet der evangelische Theologe Wilhelm Gräb von der Humboldt Universität :

 

O TON, Gräb, 0 55“.

Die Glaubenssprache redet nicht von einer anderen Wirklichkeit, sondern sie wirft einen anderen Blick auf diese Wirklichkeit, die wir hier und heute haben und leben. Sie lässt uns unsere Erfahrungen, die wir so oder so machen, anders deuten; sie bringt sie in eine andere Interpretationsperspektive. Das ist es, was die Sprache des Glaubens leistet. Sie lässt uns eben unsere Erfahrungen, die wir im Scheitern machen, die Erfahrungen, die wir in der Nichtstimmigkeit unserer Beziehung zu uns selbst wie zu anderen Menschen machen, als etwas sehen, das nicht was nicht unbedingt so sein muss, worin wir nicht aufgehen, sondern dass es da etwas gibt, was uns gleichwohl im Innersten zusammenhält, ja was diese Ganze im Innersten zusammenhält.

 

1.SPR.:

Aber Tillich weiß genau, dass Missgunst und Hass, Krieg und Gewalt „das Geheimnis allen Seins“ auch verdunkeln können. Der Sinn des Lebens muss immer neu errungen werden. Es sind vor allem Künstler, die dazu inspirieren, erläutert Wilhelm Gräb:

 

O TON, GRÄB, 0 26

Für Tillich waren das insbesondere die expressionistischen Maler, ein Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, vor allen Dingen diejenigen  expressionistischen Maler, die die Katastrophe des 1. Weltkriegs zu verarbeiten unternommen haben. Und eben dieser Appell ergeht, dass es so nicht weitergehen kann wie bisher, sondern Neues geschaffen werden muss.

 

1. SPR.:

Die neue, die gerechte Welt ist mehr als ein Traum, heißt Tillichs politische Überzeugung. Er fordert: Gerechtigkeit muss jetzt geschaffen werden! Mitstreiter findet er in der „Gruppe religiöser Sozialisten“:

 

O TON, Tillich,  0 37“

Der deutsche religiöse Sozialismus hatte gegen zwei Fronten zu kämpfen: Einerseits gegen die pessimistische Beurteilung der Geschichte durch das konservativ orthodoxe Luthertum der deutschen Kirche und seine damit zusammenhängende rein jenseitige Gerichtetheit. Andererseits hatte er zu kämpfen gegen die optimistische Beurteilung der Geschichte durch den Sozialismus und seine damit zusammenhängende utopische Diesseitigkeit.

 

1. SPR.:

Vor allem Pfarrer und Mitglieder der Kirchenleitung reagieren empört, als der religiöse Sozialist Tillich auch die traditionelle Diakonie und Fürsorge in Frage stellt:

 

2. SPR.:

Wir lehnen jede Form des Christentums ab, die an einer Innerlichkeit festhalten will. Es entspricht dem Geist der Liebe mehr, das Übel selbst auszurotten, als die Leiden, die es immer wieder bringt, durch bestimmte Regeln mildern zu wollen. Es ist ein höheres Ziel, die Voraussetzungen des Almosengebens aufzuheben als die Armut durch Almosen zu lindern.

 

1. SPR.:

Worte, die lateinamerikanische Befreiungstheologen heute genauso  formulieren. Und als die große Wirtschaftskrise Ende der Zwanziger Jahre zum Crash der Banken führte, schreibt Tillich:

 

2. SPR.:

Es ist ein höheres Ziel, die Möglichkeit des wirtschaftlichen Egoismus zu unterbinden, als diesen wirtschaftlichen Egoismus durch den Appell an die Pflicht patriarchalischer Fürsorge bloß einzuschränken.

 

1. SPR.:

Die Nazis werden auf Tillich, den sozialistischen Professor aufmerksam, sie machen ihm das Leben schwer; schließlich entfernen sie ihn gleich nach de sogenannten „Machtübernahme“ von der Universität.

 

1. SPR.:

Aber schon bald zeigt sich für Tillich ein Ausweg: Er wird eingeladen, an der Columbia University in New York zu lehren. Tillich lässt sich darauf ein, obwohl er kaum Englisch spricht. Im Herbst 1933 wandert er mit seiner Familie aus.

 

musikal. Zuspielung,

 

1.SPR.:

Bis zu seinem Tod am 22. Oktober 1965 lehrt Tillich in den USA, viel beachtet und hoch geschätzt, lehrt er an verschiedenen Elite – Universitäten in New York und Chicago. Das Magazine TIMES widmet ihm eine Titelgeschichte. Er gilt als DER moderne Theologe. Zu seinen Predigten strömen die Menschen in Scharen. Ein Bestseller wird sein Buch „Der Mut zum Sein“. Nach dem Krieg kommt er regelmäßig zu Vorträgen nach Deutschland. Auch hier bemüht er sich, einem möglichst breiten Publikum Wege zur Gotteserfahrung zu weisen. Seine Hörer und Leser wissen, dass ihnen gedankliche Arbeit zugemutet wird:

 

2. SPR.:

Wir Menschen entkommen niemals der Notwendigkeit, uns auf die Wahrheit zu beziehen. Auch der Lügner beansprucht noch für sich und die anderen, Wahres zu behaupten. Im Gewissen jedes Menschen meldet sich die Verpflichtung, das Gute zu tun. Dieser Aufforderung können wir niemals entkommen. Noch der größte Bösewicht, glaubt noch in seinen Untaten für sich oder für eine bestimmte Ideologie, Gutes und Richtiges zu tun. Der Mensch ist in seinem Geist gebunden an etwas unbedingt Geltendes, an etwas, das nicht der Verfügung des einzelnen unterliegt. Dieses Unbedingte kennt keine Bedingungen, es lebt von sich aus. Es ist das, was die Tradition Gott nennt.

 

Musikal. Zuspielung

 

1. SPR.:

Von Gott als dem Unbedingten kann nur sprechen, wer achtsam mit der Sprache umgeht. Alltägliche Worte und Begriffe können niemals den „ganz anderen“ Gott treffend beschreibend. An diese Erkenntnis Tillichs sollte man sich halten, meint die Berliner Philosophin Petra von Morstein:

 

O TON, Petra von Morstein, 0 40“

Was sich unserer objektiven Erkenntnis entzieht, das erleben wir ja auf eine gewisse Weise. Und wir drängen danach, was wir auf diese Weise über die Grenzen des objektivierenden Verstandes hinaus erleben, zu artikulieren. Wie artikulieren wir es? Natürlich nicht in Begriffen. Aber wir drücken es symbolisch aus. Und in diesem Sinne wäre Gott der Vater ein Symbol, aber nicht wörtlich zu nehmen. D.h. Gott ist nicht eine Entität, eine Person ganz besonderer Art, deren Kinder wir alle wörtlich sind, aber diese Symbolik trägt uns natürlich.

 

1.SPR.:

Wer aber  Gott festlegt und in Definitionen einfangen will, gelangt schnell zu fundamentalistische Überzeugungen:

 

O TON, Petra von Morstein, 0 31“

Deswegen wehre ich immer wieder dagegen, wenn Menschen sagen, das Leid und die Kriege der gegenwärtigen Welt liegen an der Religion oder an den Religionen. Die liegen an Dogmen, an fanatisch gestalteten Dogmen, aber nicht an Religiosität. Religiosität führt dazu, die Freiheit in sich selbst und im anderen immer mit einzubeziehen, was ja logischerweise dann Diskriminierung und Unterdrückung unmöglich macht.

 

1. SPR.:

Tillich hat großen Respekt vor Menschen, die sich Atheisten nennen, weil sie weder den naiven Kinderglauben noch den kämpferischen Fundamentalismus akzeptieren. Er kennt viele Menschen ohne konfessionelle Bindung, die sich für Gerechtigkeit in dieser Welt leidenschaftlich einsetzen. Sie haben die „bessere Welt“ zu ihrem „Unbedingten“, zu ihrem „Lebensprojekt“, erklärt. Sind dann diese Menschen wirklich noch gottlos? Der Tillich Spezialist Werner Schüssler von der Universität Trier:

 

O TON, Schüssler: 0 30“

Atheismus wäre dann in seinem Verständnis der Versuch, jedes unbedingte Anliegen abzulehnen. Und es ist zu recht die Frage, ob das möglich ist. So wie der Gläubige vom Zweifel bedrängt  ist, so wird der Ungläubige auch vom Zweifel bedrängt. Was Tillich sagen will: Atheismus ist vielleicht nur intentional möglich, weil wir immer in der Hand Gottes leben quasi. Er will dem säkularen Menschen deutlich machen, wenn er in seine Tiefe vorstößt, dann findet er vielleicht, was man Religiosität nennen könnte.

 

1.SPR.:

Gott, die kaum beschreibbare Tiefe im Leben eines Menschen, geheimnisvoll entzogen und doch gegenwärtig. In diesen Worten aus der mystischen Tradition spricht Tillich von Gott. Und er ist empört, wenn das Unendliche und Unbedingte von frommen Christen wie ein bezahlbares Produkt der Warenwelt, etwa als die beste Medizin, angepriesen wird:

 

O TON, TILLICH, 1 01“

Das  Wort Glaubensheilung verbindet das Religiöse  mit dem Medizinischen. Aber es ist ein gefährliches Wort. Es kann für eine Praxis stehen, in der die Religion als Quelle für magische Heilungszwecke benutzt wird. Der Glaube wird als Medizin angepriesen und von religiösen Propagandisten verkauft. Solche Methoden haben gewisse Erfolge und gewinnen dadurch Anhänger, aber sie widersprechen dem Sinn des Religiösen, nämlich der Erhebung zu Gott um Gottes willen. Und sie widersprechen den Forderungen ärztlichen und psychotherapeutischen Heilens.

Glaubens – Heilung im unverzerrten Sinn des Wortes, ist Aufnahme des Heils im Akt des Glaubens, nämlich in der Hingabe an etwas, was uns unbedingt angehrt, an das Heilige, das nie in unseren Dienst gezwungen werden kann.

 

musikalische Zuspielung

1. SPR.:

Paul Tillich hat unmittelbar bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahr 1965 über eine unerschöpfliche Energie verfügt. Es hatte Lust am Leben. Und die war  – wie sollte es auch anders sein? –  immer auch erotisch geprägt. Der Publizist Eike Christian Hirsch schreibt:

 

3. SPR.:

Tillich war ein Genie der Freundschaft, der Freundschaft mit Männern und mit Frauen, wobei die Beziehung zu Frauen fast immer einen stark erotischen Charakter hatte. Er ist bis in sein hohes Alter von dieser =Liebeslust= nicht losgekommen…

 

1. SPR.:

Schon als junger Dozent in Dresden konnte er seine Sehnsucht nach erotischer Nähe ausleben. Zusammen mit seiner Frau Hanna hat er manche Nacht in Tanzlokalen verbracht, erinnert sich eine Freundin von damals:

 

3. SPR.:

Wenn es ans Tanzen ging, war Tillich in seinem Element. Er wirkte wie elektrisiert. Er tanzte aus Freude an der Bewegung, an Rhythmus und Melodie. Dabei erfand er stets neue Variationen und überraschte durch lustige Einfälle.

 

1. SPR.:

Später, in reiferen Jahren, war er überzeugt, niemanden in seiner Liebe ausschließen zu dürfen, hat Eike Christian Hirsch beobachtet:

 

3. SPR.:
Treue bedeutet für ihn, dass man den Partner und die Partnerin nicht als Eigentum behandeln dürfe. Er bezweifelte überdies, dass ein absolutes Gelöbnis der Treue überhaupt möglich sei.

 

1. SPR.:

Seine Frau Hanna veröffentlichte nach dem Tod ihres Gatten ein Buch, das von erotischen Eskapaden des berühmten Theologen freimütig erzählt. Professor Werner Schüssler hält diesen Bericht nicht für sehr zuverlässig:

 

O TON: Schüssler , 0 28“

1973 erscheint auch eine kleine Biographie von Rollo May, einem bekannten humanistischen Psychologen in Amerika: „Paulus. A personal portrait of Paul Tillich“. Und Rollo May sagt ausdrücklich, dass Tillich Liebhaber unzähliger Frauen gewesen soll, das stimmt nicht, sagt er. Und dann spricht er davon, dass wir also das große Bedürfnis haben, wichtige Persönlichkeiten zu skandalisieren.

 

1.SPR.:

Dabei hatte ihn doch seine Frau Hanna hatte in jungen Jahren einen Magier des Herzens genannt. Er sei eine kosmische Macht gewesen, der sich niemand entziehen konnte. Aber offenbar konnte sie sich im Alter ihrer Eifersucht nicht erwehren. Wie dem auch sei: Grundsätzlich darf doch wohl gefragt werden: Warum soll es ehrenrührig sein, wenn Tillich, der weltberühmte Theologe, auch ein leidenschaftlicher Freund der Erotik war? Professor Wilhelm Gräb betont:

 

O TON, Gräb, 0 42“

Ich sehe darin eigentlich eher auch eine Bestätigung eben dieser Weltzugewandtheit und Offenheit. Er war ein Weltmann, man könnte dann auch sagen, ein Lebemann, der alle frommen Zirkel und bestimmte rigide Normen, die für besonders christlich gehalten werden, nicht hat gefallen lassen. Das sind alles menschliche Versuche, letztendlich Gott in die eigene Tasche zu stecken, ihn klein zu machen, gefügig zu machen, den eigenen engen Moralvorstellungen anzupassen. Und ihn als Hüter eben einer verklemmten Sexual Moral und einer engen kirchentümlichen Welt werden zu lassen.

 

1. SPR.:

Tillich hat über seine erotische Lebenslust nicht öffentlich gesprochen; zur Überraschung vieler Beobachter hat er aber in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche im Jahr 1962 vehement die nicht gerade erotisch aufgeschlossene Welt des Kleinbürgertums offen kritisiert:

 

O TON, Tillich, 0 49“.

Der Spießer, er kann geradezu charakterisiert werden als jemand, der sich durch die Angst, an seine eigene Grenze zu geraten, nie über das Gewohnte, Anerkannte und Festgelegte zu erheben wagte. Möglichkeiten, die jedem Menschen dann und wann gegeben sind, über sich hinauszukommen, ließ er unverwirklicht; ob es ein Mensch war, der ihn aus seiner Enge hätte herausreißen können oder ein ungewohntes Werk der Kunst, das ihn hätte erschüttern können.  Um sich herum aber sieht er Menschen, die über die Grenzen gegangen sind, die er nicht überschreiten konnte, und der heimliche Neid wird zum Hass.

 

musikal. Zuspielung

 

1. SPR.:

Paul Tillich, der Grenzgänger zwischen Leidenschaft und Liebe, Glaube und Zweifel, Philosophie und Theologie. Im hohen Alter wollte er noch die Grenzen der christlichen Welt überwinden:

 

O TON, Tillich, 1 06“

Ich war in Japan, wo ich 10 Wochen mit Buddhisten debattiert habe.

Wie beurteilt man eine fremde Religion, wenn man einen solchen Dialog haben will. Man muss verstehen, dass in jeder aktuellen Religion Elemente von dem enthalten sind, was auch in jeder anderen aktuellen Religion vorkommt.

Wenn man darum mit einem Buddhisten spricht, dann spricht man immer zugleich mit sich selbst. Jedes Gespräch, das ich mit buddhistischen Priestern, Philosophen, Theoretikern, Theologen usw. hatte, war zugleich ein Gespräch mit mir selbst. Weil das, was im Buddhismus radikal durchgeführt ist, auch ein Teil meines eigenen protestantischer Christsein, dass das auch in mir war.

 

1. SPR.:

Denn die letzte Wirklichkeit ist Geheimnis, unsagbar und heilig. In dieser Überzeugung sind Christen und Buddhisten verbunden. Kirchliche Mission im Sinne von Werbung und Bekehrung  hat dann keinen Sinn:

 

O TON, Tillich, 0 33“.

Der, wer bekehren will, nimmt den anderen im Grunde nicht ernst. Der, der von ihm lernen und ihm geben will, aber so, dass er selber auch bereit ist, verändert zu werden, das ist ein echter Dialog. Wo der Dialog in diesem Sinne fehlt, da ist es besser ihn gar nicht anzufangen. Wo er aber da ist, da muss ehrliche Kritik gesagt und angenommen werden.

 

1. SPR.:

Unter Theologen ist Tillichs Denken immer noch lebendig. Der anglikanische Bischof John Sprong z.B. verweist auf Tillich, wenn er in seinen Büchern Gott die „Quelle der Liebe“ nennt. Pastor Klaas Hendrikse aus Holland ist von Tillich inspiriert, wenn er seinem inzwischen viel beachteten Buch den Titel gab: „Vom Glauben an einen Gott, der nicht besteht“. Dabei will er im Sinne Tillichs Verständnis wecken für den wahrhaften, den „göttlichen Gott“. Selbst in Lateinamerika wird Tillich heute entdeckt. Und im deutschsprachigen Raum? Die Kirchenleitungen wollen Tillich jedenfalls nicht  zu einem ihrer Haustheologen erklären, sie sind von der Weite und Großzügigkeit seines Denkens irritiert, betont Christian Danz, Theologieprofessor in Wien und Vorsitzender der Paul Tillich Gesellschaft:

 

O TON, Christian Danz, 0 27“.

Der Protestantismus kultiviert weiterhin eine hohe Kirchlichkeit, die den Realitäten wohl kaum noch gerecht wird. Das ist das Problem, dass man angesichts von beschleunigter Modernisierung gewissermaßen auf Besitzstandswahrung setzt und dadurch natürlich wichtigen Einsichten kaum Raum gibt. Tillich selbst war stark enttäuscht eigentlich darüber, aber die Kirchen sind an ihm vorbei gegangen, ja.

 

musikal. Zuspielung

 

1.SPR.:

Paul Tillichs Urne wurde 1965 auf dem Friedhof von New Harmony, im Bundesstaat Indiana, beigesetzt. In dieser kleinen Stadt hatten sich im 19. Jahrhundert sozialistische und humanistische Gruppen niedergelassen, mit denen Tillich eng verbunden war. Auf seinen Gedenkstein aus rotem Granit ohne Kreuz wurden Worte aus dem 1. Psalm eingemeißelt:

 

2. SPR.:

Und er soll sein wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und dessen Blätter nicht verwelken, und alles, was er tut, gerät ihm wohl.

 

musikal. Zuspielung noch mal freistehen lassen.

 

Einige Buchhinweise:

– Werner Schüssler und Erdmann Sturm, Paul Tillich. Leben – Werk – Wirkung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2007. 278 Seiten.

 

– Werner Schüssler, Paul Tillich, Becksche Reihe, München 1997.

 

– Von Paul Tillich selbst ist als Einführung geeignet:

Der Mut zum Sein, de Gruyter, Berlin 1991.

 

– Eike Christian Hirsch, Mein Wort in Gottes Ohr. Ein Glaube, der Vernunft annimmt. Hoffman und Campe verlag Hamburg 1995, das Tillich Kapitel auf den Seiten 93 ff.

 

– Die deutsche Paul Tillich Gesellschaft ist erreichbar über: http://www.theo.uni-trier.de/tillich/tillich.html

 

 

 

 

Eine lange Nacht der Theologie: Amsterdam kreativ

Vor kurzem wurde in Amsterdam ein besonderes Event gefeiert, an dem auch der Allgemeine Sekretär der Remonstranten Kirche, Tom Mikkers, inspirierend und organisierend dabei war.

 

Kreatives Amsterdam:

Die erste Nacht der Theologie

Von Christian Modehn

Die Amsterdamer lieben die Nacht. Wer hätte das gedacht? Nun haben auch die Theologen aller Konfessionen (!) ihre Liebe zur späten Stunde entdeckt: Sie haben in Amsterdam die „Erste Nacht der Theologie“ Ende Juni gefeiert. Inspiriert wurden sie dabei von den sehr erfolgreichen und längst etablierten „Nächten der Philosophie“ (immer im April!)  und  den „Nächten der Poesie“. Spät am Abend haben auch die Theologen etwas Appetit, und so wurde ihnen in den prächtigen Räumen der Hermitage (einem Museum nahe am Waterlooplein) ein so genanntes Drei Gang Menu serviert. Aber die Liebe zum leiblichen Genuss war doch nicht so wichtig wie die Liebe zur Theologie: Mehr als zweihundert Theologinnen und Theologen aus dem ganzen Land und vor allem aus allen christlichen Konfessionen hatten sich versammelt, auch eher atheistische Gottesleugner waren vereinzelt dabei. Viele Interessierte mussten abgewiesen werden, weil es einfach keinen Platz mehr gab. Das ist erstaunlich in einem Land, das gern als Symbol für die westeuropäische Säkularisierung („Entkirchlichung“) hingestellt wird. Tatsächlich, so wurde auch diesmal deutlich, spielt die Theologie nicht mehr die Rolle wie noch vor 50 Jahren. Theologen wagen heute selten den Schritt in de Öffentlichkeit, heißt es. Aber die versammelten TheologInnen beweisen doch: Die Kreativität ist noch da, man denke etwa an Manuela Kalsky, die Protestantin, die bei den Dominikanern vor allem die multireligiöse Bindung studiert oder an die Bemühungen, die Theologie als kirchenunabhängige Religionswissenschaften des Christentums zu etablieren. Es wurden in der Nacht auch besonders kreative theologische Werke eigens gepriesen und geehrt: Frank Bosmann etwa, der von Tilburg aus als „twitterender und bloggender Theologe“ geehrt wurde oder Marcel Barnard und Gerda van de Haar für ihr Buch „ Die Buch kulturell betrachtet“. Es wurde als das beste theologische Buch von der Jury ausgewählt. Ihre Arbeit bietet eine komplette Übersicht über den Einfluss der Bibel auf die Kunst des 20. Jahrhunderts. Wann erscheint eine deutsche Übersetzung? Einige Stunden, bis über Mitternacht, wurde in der Hermitage” diskutiert…

Auf musikalische Intermezzi wollten die Theologen nicht verzichten, und sie entdeckten ein originelles Orchester, eine Gruppe von musikalisch hochbegabten Obdachlosen. „Echte Theologie liegt auf der Straße und nicht in einem Museum“, sagten sie, kritische Worte, in Holland willkommen, wie überhaupt die theologische Nacht in dieser Melange aus fröhlichem Speisen und leidenschaftlichem Diskutieren, aus Ernst und Ironie ein typisch holländisches Ereignis war. Man kann aus der Ferne in Deutschland nur neidisch feststellen: Ob die Deutschen wohl so etwas einmal hinkriegen?

Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der freisinnigen Remonstranten Kirche, ist einer der Inspiratoren und Organisatoren der Nacht der Theologie, schreibt uns:  „Unsere Nacht der Theologie kennt ähnliche Veranstaltungen, wie die Nacht der Philosophie. Wir haben abends begonnen und das Fest ging bis spät in die Nacht. Die Hermitage ist mehr als ein Museum, sie wird auch genutzt Staatsbankette, zu dem Gebäude komplex gehört auch das Zentrum der Protestantischen Kirche Amsterdams mit seinen Einrichtungen zur Diakonie. Als Hauptthema hatten wir ausgewählt: „Theologie geht über alles“. Das war vielleicht auch eine Provokation. Wir wollen bald überlegen, wie wir im nächsten Jahr weitermachen, vielleicht sollten wir auch die nichtchristlichen Theologien beim nächsten Mal einbeziehen“.

 

Wenn die Religion die Vernunft respektiert. Ein Vortrag von Prof. Wilhelm Gräb

Post date: Januar 18, 2011

Wilhelm Gräb

Wenn Religion die Vernunft respektiert. Perspektiven liberaler Theologie

(Referat auf dem Berliner Forum der Remonstranten und dem

Religionsphilosophischen Salon am 18.1.11)

Liberale Theologie ist Theologie nach der Aufklärung. Sie ist getragen von dem Grundimpuls aller Aufklärung, dass ein jeder sich in allen Angelegenheiten des Lebens seines eigenen Verstandes zu bedienen habe, auch in den Angelegenheiten der Religion. Damit sind die Sinnfragen des Lebens gemeint, das, worin sich uns die Daseinszwecke versammeln, was uns am Leben hält und unser Dasein mit Inhalt füllt.

Liberale Theologie hat Konsequenzen für die Theologie selbst, für die Reflexionsgestalt des christlichen Glaubens. Sie hat aber auch Konsequenzen für die gelebte Religion, für die Praxis der Frömmigkeit und der Spiritualität. Und sie hat schließlich Konsequenzen für die Sozialgestalt protestantischen Christentums, für die Auffassung von der Kirche. In dieser dreifachen Hinsicht will ich einige einführenden Worte sagen, bevor wir dann in die Diskussion eintreten.

1. Vernünftige Theologie

Eine liberale, vernünftige Theologie sucht die Vermittlung des christlichen Glaubens mit dem modernen Denken in Wissenschaft und Kultur. Der Glaube an Gott muss vor dem Wissen und den Wissenschaften nicht zurückschrecken. Sofern der Glaubende dazu findet, das Wissen zu achten und an seiner Förderung mitzuarbeiten, kann er sich vielmehr durch den Wissensfortschritt in seinem Glauben geradezu bestätigt finden. Denn auch das Wissen hat seine Grenzen, deren gerade derjenige ansichtig wird, der möglichst viel wissen will. Worin schließlich ist das Vertrauen in das Wissen eigentlich begründet? Wie kommt es, dass wir auf der Basis unseres Wissens erfolgreich in dieser Welt handeln können, dass also die Dinge in der Welt tatsächlich unserem Wissen von der Welt entsprechen und sie sich aufgrund dieser Entsprechung durch Technik einrichten, verändern und steuern lassen? Warum das so ist, wissen wir letztendlich nicht. Wir sind, wenn wir handeln, vielmehr darauf angewiesen, auf unser Wissen zu vertrauen und auf einen Erfolg unseres, auf dieses Wissen gestützten Handelns, zu hoffen. Könnten wir den Grund der Ermöglichung unseres Wissens vor uns bringen, dann wäre er zu seinem Gegenstand geworden und gerade nicht als dasjenige erfasst, was uns die Gegenstände in ihrer Zugehörigkeit zur Welt wahrnehmen, in ihren Sinnzusammenhängen bestimmen und uns absichtsvoll, auf Technik gestützt, mit ihnen umgehen lässt. Wir können, wie leicht einzusehen ist, die Folgen unseres Wissens und damit die Folgen des durch unser Wissen ermöglichten Handelns in der Welt nie vollständig überblicken und somit auch nicht im Ganzen wissend vor uns bringen.

Wenn wir daher nach dem Grund des Vertrauens in unser Wissen und nach der Rechtfertigung der Hoffnung auf die Erfolge unseres Handelns in der Welt fragen, stoßen wir darauf, dass wir eine einzigartige Beziehung zwischen uns Menschen und der Welt in Anspruch nehmen. Es ist diese grundfügende Beziehung zwischen Mensch und Welt, die es macht, dass uns unser Dasein als zugehörig zur Welt in absichtsvoller Weise bewusst ist. Und viel spricht dafür, eben diese Einheit aller Gegensätze, mit der uns die Welt als Ganze entgegentritt, mit dem Wort ‚Gott’ zu bezeichnen und in ihrer lebensführungspraktischen Relevanz zu deuten. Weil ein Gott ist, der die Zusammenstimmigkeit unseres Denkens mit der uns gegenüber stehenden Welt stiftet, können wir Bestimmtes in ihr wissen und zielorientiert in ihr handeln. Diesen Gott können wir nicht wissen, denn wir hätten ihn damit zu einer Tatsache unter den vielen anderen Gegenständen des Wissens herabgezogen. Diesen Gott, der die Einheit und damit den Sinn des Ganzen der uns wissend und handelnd zugänglichen Wirklichkeit garantiert, können wir nur glauben. Auf diesen Gott können wir nur vertrauen. Für dieses Vertrauen gibt es allerdings gute Gründe und verschiedene Wege, auf denen es sich einstellt und zu finden ist.  Diese Wege führen hinein in unser leib-seelisches Dasein, in unsere Emotionen und Phantasien, in alle unsere mentalen Zustände, Erfahrungen und Tätigkeiten.

Liberale Theologie zielt darauf, dass es letztendlich vernünftig ist, zu glauben, weil nur der Glaube und nicht das Wissen auf den Sinn des Ganzen der Welt und unseres endlichen Daseins in ihr vertrauensvoll auszugreifen vermag. Liberale Theologie betont genauso aber die Zeitbedingtheit der überlieferten Dogmen und Glaubenslehren, die historische Welt auch der Bibel. Sie unterscheidet zwischen dem Glaubensgrund, den sie in der persönlichen Bindung an Jesus Christus, dem mit Gott bedingungslos verbundenen Menschen, dem inkarnierten Gott, erkennt und dem zeitbedingten, somit wandelbaren Glaubensausdruck. Die Sprache des Glaubens ist einer jeden Gegenwart gemäß neu zu finden und nicht durch die biblischen Texte bzw. die altkirchlichen Dogmen oder die Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts normativ fixiert. Liberale Theologie unterscheidet zwischen dem Glauben, der ein persönliches Vertrauensverhältnis zu Gott ist und dem Glaubensausdruck, der den religiösen Kommunikationsbedingungen einer jeden Zeit gemäß zu entwickeln ist. Auch christliche Lehre und die Theologie geraten auf die Seite der zeitbedingten Artikulation und Reflexion des persönlichen Glaubens. Wenn sich in der kirchlichen Lehre und der wissenschaftlichen Theologie die persönliche Frömmigkeit einer bestimmten Gegenwart nicht mehr gedeutet finden sollte, dann drängt liberale Theologie auf zeitbedingte Umformungen in Lehre und Theologie.

Dass die Theologie im Rechtfertigungsglauben den Grund individueller Freiheit erkennt, gehört zum entscheidenden Erbe liberaler Theologie. Denn es bedeutet, den Glauben an das Evangelium, dass Gott Liebe, Vergebung, der Grund der Freiheit ist, als den Aufgang eines durch diese Werte bestimmten Verständnisses menschlicher Existenz zu erkennen. In der Tradition liberaler Theologie führt vom Glauben an das Evangelium kein direkter Weg zu gegenständlichen Aussagen über Gott und sein Offenbarungshandeln. Glaube ist überhaupt kein Wissen, weder über Gott noch über sein Handeln in der Welt, sondern ein Vertrauen, das zur Kraftquelle in der Bewältigung des Lebens wird. Mit dem Gott des Evangeliums lässt sich nicht die Welt erklären lässt, sehr wohl aber eine fundierende Daseinsgewissheit und zielbewusste Lebensorientierung gewinnen. Dieses liberaltheologische Credo befreit die Theologie von den unversöhnlichen Konflikten mit der Wissenschaft. Der Wissenschaftler kann gelassen dem Sachverhalt begegnen, dass die wissenschaftliche Welterkenntnis und die aus ihr folgende technische Naturbeherrschung ebenso ohne Gott auskommen wie die politisch-staatlichen Rechtsverhältnisse und die gesellschaftlichen Integrationsmechanismen. Sie sind einer theologischen Legitimation nicht mehr bedürftig.[1]

In der Tradition liberaler Theologie kann jedoch zugleich festgehalten werden, dass sich, im Zuge der durch die politischen, wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen der Neuzeit ausgelösten Veränderungen, die religiösen Fragen keineswegs erledigt haben. Es hat sich die Motivlage für religiöse Fragen verschoben. Die Religion hat ihren Umbau erfahren, hinein in ein neues Relevanzgefüge. Der christliche Glaube gewinnt in der modernen Kultur seine Relevanz aus dem Interesse der Menschen an der Sinndeutung ihrer durch die soziokulturellen Veränderungen zugleich zur eigenen Gestaltung freigesetzten wie in ihrer Eigenheit bedrohten Individualität.

2. Selbstbestimmte Spiritualität

Liberale Theologie plädiert für religiöse Autonomie, für eine selbstbestimmte Frömmigkeit und Spiritualität. Sie will eine Religion der freien, persönlichen Einsicht in die Wahrheit des Glaubens, verlangt daher keine Anerkennung von Glaubenssätzen allein aufgrund der Autorität der Bibel oder der Kirche. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann auf sehr verschiedene Weise Gestalt gewinnen. Sie kann ihr Zentrum in einer persönlichen Beziehung zu Jesus finden, die der Beziehung zu Kirche und Gemeinde vorgeordnet wird. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann heute in einer Spiritualität lebenspraktisch werden, die ein inhaltlich eher unbestimmtes Transzendenzbewusstsein ausbildet, sich aber weithin doch im Tradierungszusammenhang des freilich undogmatisch verstandenen Christentums bewegt. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann sogar in Gestalt charismatischen Pfingstlertum oder fundamentalistischen Wort-Glaubens praktisch werden. Dann jedenfalls, wenn dort auf die persönliche Überzeugungsgewissheit der Akzent gelegt wird, das je eigene Ergriffensein vom Geist Christi oder vom Wort Gottes und nicht so sehr die Unterwerfung unter ein ekstatisches Ritual mit seinen vorgefertigten Bekenntnisnormen und Verhaltenskodizes oder unter das Papier des Bibelbuchstabens gepocht wird. Entscheidend für liberale Frömmigkeit ist, dass der Glaubensaudruck frei gelassen wird und variabel bleibt, dass er sich nicht nach biblischen, dogmatischen, kirchlichen oder lehrmäßigen Bestimmungen richten muss, sondern klar der persönlichen Gewissheit, der Erfahrung und dem Engagement der Glaubenden nachgeordnet bleibt. Wo der Glaubensausdruck als Ausdruck persönlicher Glaubensgewissheit verstanden wird, haben wir es mit einer Form liberaler, selbstbestimmter Frömmigkeit zu tun.

Heute steht das Konzept der Spiritualität am ehesten für diese Form liberaler Frömmigkeit. Wo Menschen sich zu ihrer Spiritualität bekennen, geht dies oft mit einer Distanzierung gegenüber dem kirchlichen Glaubensausdruck einher. Umso energischer wird die eigne Transzendenzerfahrung betont, die Offenheit für die geistige, nicht verrechenbare und nicht machbare Dimension der Wirklichkeit. Spiritualität ist eine Sinneinstellung, eine Offenheit für die Präsenz des Göttlichen, die als Lebensbereicherung erfahren wird. Insofern geht das Konzept der Spiritualität durchaus zusammen mit dem in Theologie und Kirche heute gebräuchlichen Reden von der Glaubenserfahrung. Die Glaubenserfahrung wird dabei in der Regel als lebensgeschichtliche Sinnerfahrung verstanden. Sie wächst in den Geborgenheitserfahrungen der Kindheit, in der Gemeinschaft der Kirche, in schönen Gottesdiensten an Weihnachten, an den Wenden der eigenen Biographie. Sie wird erschüttert in Erfahrungen des Desaströsen und Ungeheuren, wovon ja auch die Bibel erzählt. Das Konzept der Spiritualität oder auch der persönlichen Glaubenserfahrung, hält fest, dass die Gläubigen oder religiös Suchenden den göttlichen Sinngrund nicht als gegenständliche oder personale Wirklichkeit erfahren müssen und dennoch von seiner Wirklichkeit tief überzeugt sein können.

Liberale Spiritualität ist undogmatisch. Sie versteht die christlichen Glaubensaussagen nicht mehr in einem gegenständlichen Sinn. Danach suchen heute viele Menschen, weil sie den Glauben an göttliche Heilstatsachen, überhaupt an einen direkt ins Weltgeschehen eingreifenden Gott nicht mehr erschwingen können. Sie suchen nach der Entgegenständlichung des Glaubens, somit auch nach einer Glaubensauffassung, für die Gott die Offenheit für die geistige Dimension der Wirklichkeit ist. Liberale Theologie und Frömmigkeit bewegen sich in diese Richtung. Sie nehmen die gegenständlichen Vorstellungen der biblischen Tradition von Gott dem Schöpfer, Versöhner und Erlöser auf, versuchen sie aber in ihrem symbolischen Sinn zu verstehen. Die Aussagen über Gott im symbolischen Sinn zu verstehen, heißt, sie in dem zu verstehen, was sie uns über uns selbst und unser Dasein in der Welt sagen. Wer Gott den Schöpfer, Versöhner und Erlöser glaubt, weiß sich auch noch im Elend und Verderben, ja über den Tod hinaus, in seiner Hand geborgen. Aus seinem Glauben erwächst ihm unbedingte Lebensgewissheit aber auch die Kraft zu Anklage und Protest in den Erfahrungen des Ungerechtigkeit und des Ungeheuren.

Der Glaube hat dort, wo er sich als spirituelle Lebenseinstellung versteht, freilich auch oft etwas Tastendes und Suchendes. Er strotzt nicht immer vor Gewissheit und fragt beim Hören der Rede von einem Gott, der dies und das tut, ob es auch wahr ist oder, was solche Gottesrede eigentlich in den Erfahrungen des Lebens meint. Diese fragende Skepsis macht bekennende Liberale bei Fundamentalisten und Charismatikern oft verdächtig. Liberale Theologie ermutigt den Glauben jedoch dazu, zu seinen Zweifeln zu stehen. Die Zweifel gehören zum Glauben, eben weil dieser kein Wissen ist und nicht zu einem Wissen werden kann.

3. Eine offene, tolerante Kirche

Liberale Theologie plädiert für eine offene und tolerante evangelische Kirche. Sie will eine Kirche oder kirchliche Gemeinschaften, die unterschiedliche Formen der Frömmigkeit zulassen. Deshalb wertet sie auch die distanzierte Form der Kirchenmitgliedschaft nicht ab, auch dann nicht, wenn etwa nur anlässlich der Kasualien der Kontakt zur Gemeinde gesucht wird.

Die liberale evangelische Kirche unterstützt den Gemeindegedanken. Sie will, dass sich die Kirche von unten her bildet, durch das lebendige Engagement ihrer Mitglieder. Der Glaube ist eine innerliche Angelegenheit des einzelnen Menschen, aber keine bloße Privatsache. Abgewehrt wird, dass die Kirchenführer sich ein politisches Mandat anmaßen. Jeder einzelne Christenmensch ist unmittelbar zu Gott. Die Kirche und die sie Leitenden haben sich nicht dazwischen zu schalten. Die Gemeinde und ihre Gottesdienste sind Orte der Kommunikation des Evangeliums, der Belehrung und Beratung der Gewissen, nicht aber der politischen Aktion. Die einzelnen Christen partizipieren aus ihrem Glauben heraus und in den Entscheidungen ihres Gewissens am politischen Prozess. Aber die Kirche bzw. christliche Gemeinschaft ist nicht selbst politische Partei. Solche Anmaßungen führen immer zur Vergewaltigung der Gewissen durch mehr oder weniger offenkundigen Klerikalismus.

Es müssen nicht alle auf dieselbe Weise ihr Christsein verstehen und leben. Die einen halten sich an der Bibel als dem für sie verbindlichen Gotteswort fest. Die anderen fühlen sich vom Heiligen Geist ergriffen. Wieder andere suchen den Zuspruch des Evangeliums und den Segen Gottes an den Sollbruchstellen ihrer Lebensgeschichte und noch einmal andere schließen sich zum „Bund für freies Christentum“ zusammen und suchen Kontakt zu einer der vielen Freikirchen. Mit der Moderne sind wir in das Zeitalter der religiösen Bewegungen und damit der Individualisierung und Pluralisierung der Formen religiösen Lebens, der Globalisierung und damit der Begegnung der Weltreligionen eingetreten. Auch diese Begegnung der Religionen braucht nichts so dringlich sie den liberalen Geist der Anerkennung der anderen in ihrem Anderssein.

Eine liberale Kirche versucht unterschiedlichen Ausprägungen des Christlichen in sich selber zuzulassen und zusammen zu halten. Die Grenzen zieht sie erst dort, wo die Freiheit, die sie gewährt, zur Bestreitung und Ausschaltung der Freiheit anderer genutzt werden will. Dass eifernde Fundamentalisten eben dazu neigen, wissen wir und sehen sie daher auch als Gefährdung einer liberalen Kirche an. Fundamentalisten müssen jedoch nicht von missionarischem Eifer getrieben sein. Es kann auch sein, dass sie den anderen Glaubensausdruck anderer achten und frei lassen. Dann sind sie auch in einer liberalen Kirche gern gelitten. Wo jedoch im Namen religiöser Autorität politische oder moralische Geltungsansprüche nicht nur geltend gemacht, sondern unmittelbar, an der Gewissensentscheidung der Individuen und ihren Partizipationsmöglichkeiten vorbei, zur Durchsetzung gebracht werden, sind die Prinzipien liberalen Christentums verletzt.

Der kirchliche, theologische und frömmigkeitspraktische Liberalismus prägt die Religionskultur unserer Gegenwart weltweit. Natürlich gibt es, ich habe es schon angedeutet, gerade auch im gegenwärtigen Protestantismus andere Strömungen und ein anderes kirchliches Wollen. Immer wieder melden sich Stimmen zu Wort, die auf eine objektivere Kirchlichkeit drängen, wie sie der Katholizismus aufrechtzuerhalten versucht. Sie betonen stärker den Buchstaben und nicht den Geist der reformatorischen Bekenntnisse und machen dabei dem kirchlichen und religiösen Liberalismus einen gefährlichen Hang zur Beliebigkeit bzw. zur Geistemphase, zum Subjektivismus und zum Werterelativismus zum Vorwurf.

Wie der Bertelsmann Religionsmonitor zuletzt belegte, aber aus den Kirchemitgliedschaftsuntersuchungen der EKD seit den 1970er Jahren hervorgeht, dominiert hierzulande eine moderate, durchaus liberale Christlichkeit, die die Kirche als religiösen Sinnlieferanten im Hintergrund des Lebens nicht missen möchte, aber sie nur gelegentlich aktiv in Anspruch nimmt. Die gelebte Religion bewegt sich überwiegend im Trend einer undogmatischen Spiritualität. Nur eine Minderheit selbst unter denen, die religiös besonders aktiv sind, wird von charismatisch allzu überschwänglichen, fundamentalistisch allzu bornierten oder konservativ allzu traditionsfixierten Gemeinden angezogen. Das ist in vielen Weltgegenden außerhalb Europas sicher anders. Aber die Gründe dürften gerade darin liegen, dass sich dort die Prinzipien des von Pietismus und Aufklärung geprägten religiösen Liberalismus stärker durchgesetzt haben, als dies in seinen europäischen Heimatländern der Fall ist. Die Religion ist in vielen vom Christentum mit geprägten Ländern Amerikas, Afrikas und Asiens sehr viel selbstverständlicher als hierzulande längst nicht mehr eine Sache institutioneller, traditionsorientierter Vorgegebenheiten, sondern eben eine Sache persönlicher Wahl und Entscheidung, aber auch ungezwungenen Gemeinschaftserlebens. Das Christentum ist verbunden mit sozialen Zugehörigkeitsverhältnissen, mit der Einbindung in eine starke Gemeinschaft, stärker vor allem auch eine Sache kommunaler Praxis und der persönlichen Lebensorientierung als Sache der Lehre und der gedanklichen Reflexion. Von geistbewegten und sich auf das rettende Wort Gottes berufenden Gemeinden geht die Botschaft aus, dass der Glaube eine Lebenskraft ist und zur Bewältigung eines oft schwierigen Alltags hilft. Die kirchliche Gemeinschaft stabilisiert den einzelnen nach innen und nach außen. Diese Stabilisierungskraft geht vor allem deshalb von der christlichen Gemeinde aus, weil der einzelne nicht schlicht in  sie hineingeboren wird, sondern weil er sich selbst bzw. seine Familie sich bewusst für sie entschieden haben und sich voll und ganz mit ihren Lebensmaximen identifizierten. Christ zu sein ist kein Schicksal, wie bei uns, sondern gilt als Entscheidung für einen mit bestimmten Vorzüglichkeiten ausgestatteten Lebensstil.

Der religiös-kirchliche Liberalismus reicht so gesehen – dem politischen Liberalismus durchaus vergleichbar, auch wenn deren Verhältnis zueinander umstritten ist – sehr viel weiter als das Gewicht der ihn fördernden Schulen akademischer Theologie und der ihn explizit tragenden kirchlichen Parteien. Zu seinem Erbe zählt der kirchliche und religiöse Pluralismus in den USA und von dort weltweit ausgehend in Südamerika, Afrika und Asien, wie eben auch die volkskirchlichen Strukturen hierzulande. Für die Freiheitsspielräume in den christlichen Lebensformen wie auch in der Vielfalt lebendiger Gemeindebildungen ist freilich nur der sich zu seiner freiheitlichen Gesinnung bekennende religiös-kirchliche Liberalismus seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingetreten. Auch die Gemeindeaufbaubewegung um Emil Sulze um die Wende zum 20. Jahrhundert stand aber im Wirkungszusammenhang dieses kirchlich-religiösen Liberalismus. Seinem Erbe begegnen wir auf bewusste Weise im Grunde überall dort, wo zwischen der verfassten, institutionalisierten Religion und dem individuellen Glauben in den verschiedenen Formen seiner Vergesellschaftung unterschieden wird, auch wenn man sich zur Trennung von Religion und Politik, Kirche und Staat auf breiter Basis zu bekennen in Deutschland erst nach 1945 gelernt hat.

Seine Pluralismusfreundlichkeit musste der religiös-kirchliche Liberalismus nach 1945 erst noch lernen. Die Freiheit des einzelnen und der religiösen Bewegung, der er sich verbunden weiß, muss gegen Unduldsamkeit und Missachtung Anders-Gläubiger aber heute verteidigt und weiter befördert werden. Den Individuen steht das Recht zu, ihre religiösen Zugehörigkeitsverhältnisse zu wählen. Sie haben unter den Bedingungen der modernen Kultur geradezu die Pflicht, sich selbst zu entscheiden. Sie stehen unter dem „häretischen Imperativ“, wie dies der Religionssoziologe Peter L. Berger beschrieben hat, nicht ohne sich zum religiösen und theologischen Liberalismus zu bekennen und die Beschäftigung mit den liberalen Theologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dringlich zu empfehlen.

Das Mkr. ist urheberrechtlich geschützt.


[1] Vgl. U. Barth, Abschied von der Kosmologie – Befreiung der Religion zu sich selbst, in: W. Gräb (Hrg.), Urknall oder Schöpfung. Zum Dialog von Naturwissenschaft und Theologie, Gütersloh 1995, 14-42

Einfach glauben

Post date: Januar 8, 2011

Im NDR KULTUR Radio wurde von mir am 2. 1. 2011 um 8.40 in der Reihe Glaubenssachen ein Beitrag gesendet mit dem Titel: “Einfach glauben”. Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen. Diese Sendung war ein Impuls zu fragen, ob denn Glauben im christlichen Verständnis tatsächlich ein kompliziertes, auch theoretisch anspruchsvolles und dogmatisches Projekt ist. Ich versuche, einen anderen Weg zu zeigen. Diese Sendung hat viel Interesse bei den HörerInnen gefunden, deswegen biete ich ihn hier noch einmal zum Nachlesen an. Der Text kann sicher auch für Remonstranten interessant sein. Es handelt sich bei dem Text um eine Wiedergabe des Manuskripts, wie für Hörfunkproduktionen üblich.

Einfach glauben
Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen
Von Christian Modehn

Redaktion: Bernward Kalbhenn

Norddeutscher Rundfunk

Religion und Gesellschaft

– Unkorrigiertes Manuskript –

Zur Verfügung gestellt vom NDR

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt

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1. Sprecher:

Meinen Schulfreund Karl hatte ich einige Jahre aus den Augen verloren. In einem Café traf ich ihn kürzlich wieder. Mittlerweile ist er erfolgreicher Bauingenieur. Neben seinem Espresso hatte er ein dickes Buch ausgebreitet, dem seine ganze Aufmerksamkeit galt. Gleich nach der Begrüßung wollte Karl, typisch für ihn, das „Allerneueste“ mitteilen: „Ich bin vor einem halben Jahr katholisch geworden, habe mich taufen lassen“, berichtete er, „und nun lese ich ein Kompendium des ganzen Glaubens“. Er zeigte mir, nicht ohne Stolz, sein Buch – den „Katechismus der Katholischen Kirche“. Dies sei seine „Gebrauchsanweisung für den Glauben“; auf Seite 134 hatte er ein paar Zeilen unterstrichen:

2. Sprecher:

Die Erbsünde „ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weiter-geben wird. (…) Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, (sie ist) ein Zustand, keine Tat“.

1. Sprecher:

Ich muss gestehen, dass mir diese Zeilen einen leichten Schock versetzten. So soll es also gewesen sein? Als sich meine Eltern liebten, „sich fortpflanzten“, wie es im katholischen Katechismus recht prosaisch heißt, haben sie also die Erbsünde an mich weitergegeben. Aber wurde uns denn nicht im Religionsunterricht eingeschärft: Sündigen kann man nur in einer freien Entscheidung? Und nun gibt es eine Sünde als Zustand? Ein Ungeborener soll bereits sündig sein? Ist ein Glaubenskompendium hilfreich, wenn der Leser irritiert wird oder an der Lehre zweifelt?

Karl nahm mein Erstaunen gar nicht wahr. Voller Begeisterung erzählte er gleich weiter, dass er bis zur Taufe ein ganzes Jahr lang an Glaubensunterweisungen teilgenommen habe, Konvertiten–Unterricht genannt. Die gesamte katholische Lehre hätte er noch gar nicht durchgearbeitet, wie er sagte. Aber mit diesem Katechismus könne er sich ja selbst in alle Einzelheiten vertiefen. Im Vorwort zu seinem „Glaubenskompendium“ hatte Papst Johannes Paul II. geschrieben:

2. Sprecher:

Dieser Katechismus „ist eine Darlegung des Glaubens der Kirche“ (…) Ich erkenne ihn als gültiges und legitimes Werkzeug (…) an, ferner als sichere Norm für die Lehre des Glaubens“.

1. Sprecher:

Und während mein Schulfreund Karl weiterplauderte, seine „Gebrauchsanweisung“ fest im Griff, fragte ich mich, wer denn eigentlich gern Gebrauchsanweisungen liest. Und: Ist Glauben so schwer zu lernen und mühsam zu verstehen? Kann man nicht auch „einfach glauben?“, ohne dickes Buch oder Lehrgebäude?

Alle christlichen Kirchen sind bestrebt, in umfangreichen Büchern den „ganzen Glauben“ darzustellen. Auch die Reformatoren Luther und Calvin hatten den Ehrgeiz, ihre protestan-tische Theologie einprägsam zu verbreiten, etwa im „Augsburger Bekenntnis“ oder im „Heidelberger Katechismus“. Der Titel dieser klassischen Glaubensbücher bezieht sich auf das altgriechische Verb κατηχεῖν (sprich: kat – ech – ein);  es bedeutet wörtlich übersetzt „von oben herab tönen, ergötzen, bezaubern“. Diese  ursprüngliche Bedeutung hatten die Menschen im 8. Jahrhundert wohl längst vergessen, als die ersten umfassenden Katechismen in den Klöstern geschrieben wurden. Dabei ist die ursprüngliche griechische Wortbedeutung durchaus treffend: Denn diese Lehrbücher wurden von oben herab, von Päpsten, Bischöfen und Theologen den Laien, dem Volk, vorgesetzt, als geistliche Nahrung, wie es hieß. Ob die Laien von diesen Büchern immer  bezaubert oder gar ergötzt wurden, ist fraglich angesichts der nüchternen, trockenen Theologensprache. Ich erinnere mich noch an den Katechismus aus den fünfziger Jahren, der mit einer abstrakten Frage begann:

2. Sprecher:

Wozu sind wir auf Erden?

1. Sprecher:

Die Antwort konnte man gleich darunter lesen:

2. Sprecher:

Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.

1. Sprecher:

Als Kinder mussten wir ganze Seiten dieses Frage- und Antwort- „Spiels“, wie wir damals sagten, auswendig lernen. Der Katechismus umfasste 248 Fragen. Die letzte Frage bewegte uns Kinder am meisten, denn sie erzeugte einen gewissen Schauer:

2. Sprecher:

Was wird am Jüngsten Tag mit der sichtbaren Welt geschehen?

1. Sprecher:

„Sie wird verwandelt und neu gestaltet werden“, riefen wir dann mutig dem Pfarrer zu. Wer zehn weitere Fragen korrekt  beantworten konnte, erhielt einen Bonbon. Dieser Katechis-mus wurde damals auch in der DDR verbreitet. Viele der dortigen Atheisten hat er wohl kaum zum Glauben bewegt. Denn dieses Buch setzte Gott schlicht und einfach als real existierend voraus. Heute bieten Katechismen wenigstens Hinweise, wo und wie denn die göttliche Wirklichkeit im Alltag des Lebens zu ahnen, zu spüren und möglicherweise zu finden sei. Über alle Zeiten hinweg aber ist den Katechismen eine Überzeugung gemein-sam:

2. Sprecher:

Der christliche Glaube ist ein Lehrsystem. Evangelische wie katholische Katechismen be-ginnen auch heute noch, systematisch gegliedert, bei Gott selbst, bei „Gott Vater“. Inner-halb der sogenannten Trinität, der Dreifaltigkeit, führen sie dann die Leser weiter zu Jesus Christus, dem ewigen Logos, „das menschgewordene Wort Gottes“, und schließlich zum Heiligen Geist; im Anschluss daran wird das Wesen der Kirche abgehandelt.

1. Sprecher:

Vom Himmel hoch kommend landet der Leser schließlich nach hunderten von Seiten bei den irdischen, auch den ethischen Fragen. Der Evangelische Erwachsenenkatechismus aus dem Jahre 1977 breitet diese Lehre auf 1.356 Seiten aus. Die aktuelle Ausgabe, noch keine zwei Monate auf dem Markt und als „Kursbuch des Glaubens“ angepriesen, umfasst nur noch 1.020 Seiten. Katholiken könnten da fast eifersüchtig werden; denn die römische Glaubensbehörde hat für ihren offiziellen Katechismus nur 816 Seiten zustande gebracht. Dabei erscheint doch der katholische Glaube schon aufgrund der Heiligenverehrung, des Papsttums und der sieben Sakramente sehr viel inhaltsreicher.

Wie auch immer: Diese Bücher hinterlassen den Eindruck: Ein Mensch ist erst dann ein wahrer Christ, wenn er die 800 oder 1000 Seiten studiert, also diese „Gebrauchsan-weisung“ durchgearbeitet hat, wie mein Schulfreund Karl betonte. Aber, wie gesagt, wer liest schon gern Gebrauchsanweisungen? Natürlich kann es gelegentlich reizvoll sein, bestimmte Phänomene der christlichen Lehre genauer kennenzulernen; etwa der Frage nachzugehen, welche Rolle Christus, der Sohn Gottes, „der ewige Logos“, wie es heißt, im Ganzen der himmlischen Dreifaltigkeit spielt. Im Katholischen Katechismus aus dem Jahr 1993 heißt es dazu im Paragraphen 254:

2. Sprecher:

„Die Trinität ist eine. (…) Die drei göttlichen Personen beziehen sich aufeinander. Weil die reale Verschiedenheit der Personen die göttliche Einheit nicht zerteilt, liegt sie einzig in den gegenseitigen Beziehungen“.

1. Sprecher:

Solche Sätze pflegte mein Vater gern mit einem lauten „Aha“ zu kommentieren, um dann sofort von etwas anderem zu sprechen, etwa von der Sozialpolitik. Ihn ärgerte zudem, dass ein modernes Glaubensbuch, der so genannte Holländische Katechismus aus dem Jahr 1966, verfasst in einer modernen Alltagssprache, von der offiziellen Kirche abgelehnt und bekämpft wurde.

Weil Katechismen immer den Eindruck erwecken, der christliche Glaube sei eine Art in sich geschlossener Weltanschauung, die auf alle grundlegenden, religiösen und ethischen Fragen eine endgültige Antwort weiß, haben auch Theologen zu allen Zeiten unter diesem „System–Christentum“ gelitten und Auswege aufgezeigt. Schon der große Augustinus, selbst Verfasser zahlreicher voluminöser Glaubensbücher, erkannte die Notwendigkeit, den Glauben „auf den Punkt“ zu bringen. Er schrieb den viel zitierten lateinischen Satz:

2. Sprecher:

„Dílige et quod vis fac“. Wörtlich übersetzt: Liebe und tu, was du willst.“

1. Sprecher:

Als Augustinus diese Worte im Jahr 407 niederschieb, hatte er seine von erotischen Liebes-abenteuern geprägte Jugendphase längst hinter sich gelassen. Als Bischof von Hippo in Nordafrika, bezog er sich in seinem Spruch nicht auf den Eros, sondern auf die Liebe als Caritas, auf die tätige Nächstenliebe. Ausführlich und ein wenig paraphrasierend müsste man übersetzen:

2. Sprecher:

Übe dich in der Nächstenliebe, erst dann kannst du frei dein Leben gestalten.

1. Sprecher:

Erstaunlich, dass dieser viel gerühmte „Kirchenvater“ den Kern des Glaubens in einer sehr praktischen Lebenshaltung sah. Darin folgte er den Weisungen der frühen Kirche. Für den Apostel Paulus ist die Nächstenliebe das Höchste und alles Entscheidende. Und der Ver-fasser des 1. Johannesbriefes schreibt:

2. Sprecher:

Wir Glaubende wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind, weil wir die Geschwister lieben. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod, hat also mit Gott keine Verbindung.

1. Sprecher:

Die frühe Kirche hatte auch Interesse, den inneren, den religiösen Kern des Glaubens, die Theorie, wenn man so will, in wenigen Worten zusammenzufassen. Dabei hat sie durchaus die unterschiedlich geprägten religiösen und kulturellen Milieus ernst genommen. Gegen-über gebildeten sogenannten Heiden-Christen, vor allem den Philosophen in Athen, betonte der Apostel Paulus:

2. Sprecher:

Gott ist nicht fern von einem jeden Menschen. Denn in Gott leben wir, in ihm bewegen wir uns und sind wir. Tatsächlich, wir sind von göttlichem Geschlecht.

1. Sprecher:

Einer der bedeutenden katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, war von den zahlreichen kurz gefassten Bekenntnissen der ersten Christen beeindruckt. Sein Plädoyer: Wenn heute viele Christen den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen, also an-gesichts der Überfülle von Lehren und Dogmen das Wesentliche des Glaubens nicht mehr wahrnehmen, dann sollten „Kurzformeln des Glaubens“ geschrieben werden, prägnante Verse, die alles Entscheidende griffig sagen, ohne dabei zu oberflächlichen Werbeslogans zu verkommen. Bei dieser Suche nach dem Wesen des Christentums wusste sich Rahner verbunden mit einer breiten theologischen Tradition. So wollte zum Beispiel der protestantische Theologe Adolf von Harnack, Professor an der Berliner Humboldt Universität, das „Zentrum des Glaubens“ in den Mittelpunkt stellen. Sein Buch „Das Wesen des Christentums“ erschien im Jahr 1900 und fand sehr viel Aufmerksamkeit. Darin heißt es:

2. Sprecher:

Wesentlich ist der Glaube an Gott, den wir uns in etwa wie einen guten Vater vorstellen können; wesentlich ist der unendliche Wert eines jeden Menschen und damit zusammen-hängend die Nächstenliebe. Jesus lehrt uns, in diesem Geist die Welt gerecht zu gestalten.

1. Sprecher:

Diese Erkenntnis bewegt bis heute viele Menschen, Fromme und weniger Fromme. Und sie wissen sich dabei ganz eng mit dem Initiator des Christentums verbunden, mit Jesus von Nazareth. Eigentlich sollte die ständige Bindung an die Lehren und Weisungen Jesu für Christen selbstverständlich sein. Aber die hochkomplex gewordene Kirchenlehre hat die Gestalt Jesu oft eher verdeckt als lebendig erscheinen lassen. Wie viele Synodenbeschlüsse oder Enzykliken nehmen denn auf Jesus ausdrücklich Bezug, auf die Berg-predigt zum Beispiel oder auf seine Mahnungen, nicht zu herrschen und arm zu leben, sich nicht Meister nennen zu lassen, sondern der Diener aller zu sein? Bezeichnenderweise haben alle großen Reformatoren, wie Franziskus von Assisi oder Martin Luther, immer wieder Jesus als das kritische Gegenüber zu einer sich machtvoll gebärdenden Kirche eingeklagt. In diesem Sinne schreibt der Theologieprofessor Gottfried Bachl aus Salzburg in seinem Buch „Der schwierige Jesus“:

2. Sprecher:

Alle beachtenswerten Stimmen der Tradition laden mich ein, mich unmittelbar und haut-nah an Jesus zu halten, keine anderen Prinzipien gelten zu lassen. Woher sollte man denn sonst auch wissen, dass man angesichts der bunten religiösen Vielfalt im Christentum tatsächlich auf seinem, also auf Jesu Weg sich befindet?

1. Sprecher:

Allerdings: Eindeutige und historisch sichere Informationen über diesen Jesus von Nazareth sind eher mühsam zu haben. Die vier Evangelien aus dem Neuen Testament sind Predigten und Bekenntnisse, keine Lebensbeschreibungen; eine umfassende, objektiv korrekte Biographie Jesu kann es aufgrund der Quellenlage nicht geben. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass die entscheidende Mitte der Lehre Jesu, sozusagen das „Unverwechselbare“, genau festgelegt werden kann.

2. Sprecher:

In seiner Bergpredigt lobt Jesus die Friedfertigen sowie die Menschen, die nach Gerechtig-keit streben. Auch jene werden seliggepriesen, die barmherzig sind und authentisch leben wollen, also ein „reines Herz“ haben. In anderen Erzählungen empfiehlt Jesus nach-drücklich, niemals über andere Menschen zu richten, sondern auch „den Balken im eigenen Auge zu sehen“. Er wendet sich mit aller Liebe den Armen und Ausgestoßenen zu, integriert sie in die Gemeinschaft; er warnt vor aller Scheinheiligkeit und mahnt die religiösen Führer, niemals zu herrschen, sondern zu dienen. Allein auf das μετανοεῖν (sprich meta-no-ein), das Umdenken komme es an, auf die Umstellung bisher üblicher Werte.

1. Sprecher:

Diese von Jesus inspirierte Lebensweisheit wird von Theologen heute gern der „einfache Glaube“ genannt. Mit dem Wort „einfach“ möchten sie sich abgrenzen von allen komplizierten Glaubenslehren. Auch Philosophen sprechen jetzt nachdrücklich davon, etwa der weltweit geschätzte Italiener Gianni Vattimo. Er setzt sich in seinem Buch mit dem Titel „Glauben–Philosophieren“ von den ausgefeilten, manchmal allwissend erscheinenden Traditionen des Christentums ab. Für ihn kommt es auf einen im guten Sinne „reduzierten“, also einen bescheidenen Basis-Glauben an. Es ist schon fast ein Trend, wenn Philosophen wie Theologen betonen:

2. Sprecher:

Menschen können authentisch und wahrhaftig glauben, wenn sie sich den Lebensweis-heiten Jesu anschließen.

1. Sprecher:

Einfach, im Sinne von „schlicht“ oder „leicht realisierbar“, ist dieser elementare Glaube nicht. Denn wer kann auf Dauer der Weisung folgen, immer wieder zu verzeihen? Wer kann seinen Geist so frei machen von Aggressionen, dass er selbst seinen Feind lieben kann? Wer kann von sich sagen, dass er sein Herz nicht doch an den schnöden Mammon, das Geld, bindet? Dieser einfache Glaube Jesu wirkt wie eine dauernde Einladung, nicht stehen zu bleiben, nicht existentiell zu stagnieren, sondern das Ziel menschlicher Reife anzustreben. Eine Herausforderung, die nur gelingen kann, wenn sich die Menschen von einem tragenden Grund, von einer unendlichen göttlichen Liebe, geborgen wissen. Der einfache Glaube kommt ohne Mystik nicht aus.

In der langen Geschichte der christlichen Mystik wurde dieser „bergende Lebensgrund“ auch „göttlicher Funke“ im Menschen genannt, Meister Eckart sprach im 13. Jahrhundert davon, später Angelus Silesius, auch Philosophen wie Johann Gottlieb Fichte. Dieser gött-liche Bereich im Menschen ist die lebendige Quelle  des elementaren, des einfachen Glaubens. Wer dieses „göttlichen Bereichs“ inne werde, der sei auf dem besten Weg, ein Glaubender zu werden, meinte z.B. Thomas Merton, ein katholischer spiritueller Autor aus Amerika. Er war von dieser Idee ganz begeistert:

2. Sprecher:

Im innersten Kern unseres Wesens gibt es einen Punkt, klein wie ein Nichts, an den Sünde und Illusion nicht zu rühren vermögen. Er ist der Punkt der lauteren Wahrheit. Nie können wir über diesen göttlichen „Funken“ verfügen, er ist der Punkt der Herrlichkeit Gottes in uns. Er ist in unser innerstes Wesen geschrieben. Er steckt in jedem Menschen. Deswegen gibt es Milliarden solcher Lichtpunkte. Sie können Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens verscheuchen.

1. Sprecher:

Angesichts einer unübersichtlichen und vielfach bedrohten Welt suchen Menschen nach festen Eckpunkten, nach einer elementaren Weisheit, die im praktischen Leben wie auf der spirituellen Suche Orientierung zu geben vermag. Vor einigen Wochen erschien in den Niederlanden ein Buch, das diesen Interessen entgegenkommt. Es umfasst nur 140 Seiten. Kunstdrucke mit Werken von Caravaggio bis Chagall sollen zur Meditation anregen. Anstelle von Belehrungen wird von menschlichen Tugenden erzählt, etwa vom Mitgefühl, der Gerechtigkeit, der Annahme seiner selbst. „Katechismus des Mitgefühls“ heißt dieses Buch, das einige kleinere protestantische Kirchen gemeinsam herausgegeben haben. Es hat im säkularisierten Holland sehr viel Interesse gefunden. Die Autoren schreiben:

2. Sprecher:

Wer sich vom Mitgefühl für andere leiten lässt, erkennt auch sein eignes Leben. Wer sich in andere hineindenkt, wer die Unbekannten, die Fremden, lieben lernt: Erlebt die ganze Weite der Schöpfung Gottes und lernt sie lieben. Dann kann der Glaube beginnen, elementar und einfach. Dann kann Gott als eine mystische Kraft entdeckt werden.

* * *

Literaturhinweise:

Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus. Tyrolia Verlag, Innsbruck – Wien. 1996, 112 Seiten.

Catechismus van de compassie (Katechismus des Mitgefühls). Von Christiane Berkvens –Stevelinck und Ad Alblas, Skandalon Verlag in Vught, Niederlande, mit einer DVD von Karen Amstrong. 140 Seiten, 2010.

Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992. 155 Seiten.

Albert Schweitzer, Das Christentum und die Weltreligionen. Becksche Reihe, München, 1992. 124 Seiten.

Gianni Vattimo, „Glauben, Philosophieren“. Reclam Verlag, Stuttgart, 1997. 121 Seiten.

Statt Identität die Vielfalt

Post date: Januar 4, 2011

Statt Identitäten:  die Vielfalt (dieser Beitrag wurde am 4.1. 2011 gleichzeitig in www.religionsphilosophischer-salon.de veröffentlicht.

Religionsphilosophische Perspektiven für 2011

Wichtig bleibt für uns als Projekt, den „Geist der Zeit“ bzw. „die Geister der Zeit“  (in ihrem Nebeneinander und Gegeneinander) wahrzunehmen und kritisch zu analysieren. Philosophie schwebt nicht in der Abstraktion, sie hat das Gegebene, auch in den Religionen, zu bedenken und zu kritisieren. Maßstab ist eine sich selbst kritisierende und damit „offene“ Vernunft.

Der schon deutliche Trend bleibt: Die Verkapselung der Individuen und Gesellschaften, der Staaten und Religionen in ihre vermeintliche Identität.

Das zum Teil aggressive Bestehen auf einer fix und fertigen Identität äußert sich im Rechthaben, im Anspruch, „die“ Wahrheit gegenüber den anderen zu haben, Fremde und Fremdes als Gefährdung zu deuten, von Verlustängsten geplagt zu sein, nicht teilen zu wollen, nicht lernen zu wollen von anderen.

Dieser Wahn, um jeden Preis eine angeblich „ewige“ oder „typische“  Identität zu wahren, ist naiv: Denn auch diese Identität ist entstanden, gewachsen, aus verschiedenen Einflüssen gewachsen…

Was die christlichen Kirchen angeht:

– Die Orthodoxie in ihrer Vielfalt zeigt sich heute in Osteuropa als staatstragend. Sie lässt sich als religiöse Ideologie für halbdemokratische Regime missbrauchen. Reformen kommen nicht in Frage, reale Trennung von Staat und Kirche sind tabu. „Die orthodoxe Frömmigkeitskultur trägt zudem kaum dazu bei, ein elementares soziales Vertrauen zu stärken. Zumindest in der Perspektive westlich geprägter Analytiker fördert die Orthodoxie ökonomischen Traditionalismus und quietistische Akzeptanz des Gegebenen“, so der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in „Die Wiederkehr der Götter, 2004, s. 195. Im Gebrauch längst vergangener Sprachen für die göttliche Liturgie wird ohnehin kein Anspruch erhoben, Glauben und Vernunft zu versöhnen

– In der katholischen Kirche ist aufseiten der Kirchenleitung die verbissene Lust an der römischen Identität seit Jahren bekannt und vielfach besprochen worden. Der Papst behauptet nach wie vor, nur der römische Katholizismus sei die wahre Kirche Jesu Christi, die anderen Kirchen „nur“ Gemeinschaften. Mit der trotzdem vom Papst beschworenen Ökumene hat das eigentlich nichts mehr zu tun. Ökumene hat den Charakter des diplomatisch Verpflichteten.

– Im weiten Feld der Evangelischen Kirchen müssen immer viele Nuancen bedacht werden. In den klassischen protestantischen Kirchen, den Lutheranern und Reformierten, ist sicher viel Raum für einen echten Dialog lernbereiter Partner. Andererseits bemühen sich die Landeskirchen (etwa in Deutschland) darum, auf keinen Fall die Evangelikalen, die Ultra Konservativen, zu verlieren, sie sind gute Kirchensteuerzahler.

Die Pfingstkirchen bieten ein klares und eindeutiges „identisches“ Profil des Christlichen. Sie haben damit Erfolg, weil in einer Welt voller Unsicherheiten die krampfhafte Suche nach dem Ewigen und Festen verständlich ist, aber religionsphilosophisch problematisch ist. Kann ein fundamentalistisch wiederholtes Bekenntnis „Sicherheit“ bieten, gibt es Sicherheit ohne kritische Vernunft und kritisches Nachdenken.

Merkwürdig – und aus meiner persönlichen Sicht traurig – ist die Tatsache, dass die Kirchen, die alle Freiheit kritischen Denkens lassen und allen Raum bieten für die kreative Entwicklung der Theologie und Spiritualität, wie die freisinnigen Kirchen, etwa die Remonstranten, zahlenmäßig klein bleiben. Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der Remonstranten in Utrecht, nennt seine Kirche eine „Asylkirche“, also einen Ort, der Raum bietet zum freien Atmen und kritischen Denken. Aber die Menschen suchen lieber ihre fixen Identitäten, als eine Kirche, in der man sich verändern kann und lernen kann. www.remonstranten-berlin.de wird nach wie vor über freisinnigen Glauben heute und damals berichten. Unsere These ist: Philosophierende Menschen haben in freisinnigen Kirchen einen Platz der Versöhnung von Glauben und Vernunft.

Auch in dem Zusammenhang ist ein Dialog über den Zusammenhang von Religion und Vernunft dringend geboten. Der religionsphilosophische Salon www.religionsphilosophischer-salon.de will sich als Basisinitiative diesem Projekt weiterhin verpflichtet fühlen. Die Selbständigkeit des philosophischen Denkens ist dabei selbstverständlich.

Elemente für eine “Theologie der Remonstranten”

Post date: August 5, 2010

Impulse für eine „remonstrantische Theologie“
Vernunft und Kritik ausdrücklich erwünscht

Die Theologie der protestantisch – freisinnigen Remonstranten Kirche bezieht sich auf die Theologen des Ursprungs, also auf Arminius und seine Freunde, zu Beginn des 17. Jahrhunderts. „Diesen Remonstranten schwebte eine Kirche vor, die Spielraum für unterschiedliche Auffassungen bietet. Sie lehnten deswegen zwar nicht das Glaubensbekenntnis als solches ab, wohl aber seinen tyrannischen Gebrauch, der der Bibel und dem Gewissen nicht gerecht wird“, heißt es in einer Broschüre der Remonstranten von Mai 1985. Aber allein schon der grundlegende Begriff „remonstrance“, also „Einspruch“ gegen alle Formen von Dogmatismus und blindem Autoritätsglauben zugunsten der Freiheit des Menschen und der Wertschätzung seiner Vernunft, inspiriert immer wieder zu neuen und aktuellen Interpretationen. Insofern befindet sich die Theologie der Remonstranten in ständiger Weiterentwicklung; es gibt sicher so viele Remonstranten Theologien wie es Mitglieder dieser Kirche gibt. Jeder nimmt sich die Freiheit, seine ihm persönlich entsprechende Spiritualität und Theologie innerhalb dieser Kirche zu bilden. Und das ist ganz normal, keine Gnade, kein Sonderrecht!

Kernpunkte sind also:
-Individuell unterschiedliche Überzeugungen werden respektiert
-Vielfalt wird gewünscht
-Es kommt auf das „Wesentliche“ der christlichen Tradition an
-Die Bibel ist Ausdruck des Glaubens von Glaubenden damals
-Die Vernunft heute kann und soll entscheiden, welche biblischen oder dogmatischen Lehren heute noch gültig sind:
Ein Beispiel: Die Bibel ist angeblich gegen Homosexuelle eingestellt. Wenn das so ist, dann können heute Glaubende diese Lehren beiseite lassen und der Vernunft folgen, also z.B. homosexuelle Paare mit dem Segen der Kirche in ihrer Ehe anerkennen und diese fördern und sie den heterosexuellen Ehen gleichstellen. Die Remonstranten waren die ersten, die seit 1987 homosexuelle Paare segnen…
Ähnliches gilt für Frauen als Pastorinnen: Das Paulus Wort „Die Frau hat in der Kirche zu schweigen“, (1 Kor 14, 34f.) hat heute keine Gültigkeit mehr. Dieser Satz kann guten Gewissens ignoriert werden. Bei den Remonstranten gibt es Pfarrerinnen seit 1917.
Ähnliches gilt für Bibelsprüche, die fundamentalistische Kreise zur Rechtfertigung ihrer eigenen Macht verwenden. („Petrus als Fels“, der Papst als Petrus usw).
Es kommt also darauf an, der Vernunft vor bestimmten Bibelstellen den Vorzug zu geben. Die Bibel ist Wort glaubender Menschen einst, sie hatten auch ihre Grenzen, die man anerkennen muss, um in Freiheit neue Antworten zu finden.

Diese freisinnige christliche Überzeugung ist sicher nicht auf die Remonstranten Kirche und andere freisinnige Kirchen begenzt. Im Gegenteil, wer etwa heute in der römisch katholischen Kirche als „Progressiver“ die Allmacht des Papsttums begrenzen will, fordert das, weil er weiß: das Wort von „Petrus als dem Felsen“ bedarf radikal neuer Interpretation. Ähnliches gilt für Protestanten, etwa Lutheraner, die Mühe haben, die Erlösung aufgrund des blutigen Kreuzestodes Jesu zu verstehen. Sie haben Mühe, die alte Lehre anzuerkennen, als würde Gott Vater von seinem Sohn das grausige Opfer, den Tod am Kreuz, wünschen. Für so viel göttlichen Sadismus haben sie keinen Sinn mehr.
Das bedeutet: Freisinniges Denken ist in der weiten Ökumene heute längst verbreitet. Nur haben diejenigen Katholiken oder Lutheraner, die die oben beschriebenen Positionen vertreten, Mühe, in ihrer eigenen Kirche glücklich und respektiert zu leben.

Impulse für eine “remonstrantische Theologie”

Post date: August 1, 2010

Vernunft und Kritik ausdrücklich erwünscht
Impulse für eine „remonstrantische Theologie“

Die Theologie der protestantisch – freisinnigen Remonstranten Kirche ist von den Theologen des Ursprungs, also von Arminius und seinen Freunden, zu Beginn des 17. Jahrhunderts geprägt. „Diesen Remonstranten schwebte eine Kirche vor, die Spielraum für unterschiedliche Auffassungen bietet. Sie lehnten deswegen zwar nicht das Glaubensbekenntnis als solches ab, wohl aber seinen tyrannischen Gebrauch, der der Bibel und dem Gewissen nicht gerecht wird“, heißt es in einer Broschüre der Remonstranten von Mai 1985. Aber allein schon der grundlegende Begriff „remonstrance“, also „Einspruch“ gegen alle Formen von Dogmatismus und blindem Autoritätsglauben zugunsten der Freiheit des Menschen und der Wertschätzung seiner Vernunft, inspiriert immer wieder zu neuen und aktuellen Interpretationen. Insofern befindet sich die Theologie der Remonstranten in ständiger Weiterentwicklung; es gibt sicher so viele Remonstranten Theologien wie es Mitglieder dieser Kirche gibt. Jeder nimmt sich die Freiheit, seine ihm persönlich entsprechende Spiritualität und Theologie innerhalb dieser Kirche zu bilden. Und das ist ganz normal, keine Gnade, kein Sonderrecht!

Kernpunkte sind also:
-Individuell unterschiedliche Überzeugungen werden respektiert
-Vielfalt wird gewünscht
-Es kommt auf das „Wesentliche“ der christlichen Tradition an
-Die Bibel ist Ausdruck des Glaubens von Glaubenden damals
-Die Vernunft heute kann und soll entscheiden, welche biblischen oder dogmatischen Lehren heute noch gültig sind:
Ein Beispiel: Die Bibel ist angeblich gegen Homosexuelle eingestellt. Wenn das so ist, dann können heute Glaubende diese Lehren beiseite lassen und der Vernunft folgen, also z.B. homosexuelle Paare mit dem Segen der Kirche in ihrer Ehe anerkennen und diese fördern und sie den heterosexuellen Ehen gleichstellen. Die Remonstranten waren die ersten, die seit 1987 homosexuelle Paare segnen…
Ähnliches gilt für Frauen als Pastorinnen: Das Paulus Wort „Die Frau hat in der Kirche zu schweigen“, (1 Kor 14, 34f.) hat heute keine Gültigkeit mehr. Dieser Satz kann guten Gewissens ignoriert werden. Bei den Remonstranten gibt es Pfarrerinnen seit 1917.
Ähnliches gilt für Bibelsprüche, die fundamentalistische Kreise zur Rechtfertigung ihrer eigenen Macht verwenden. („Petrus als Fels“, der Papst als Petrus usw).
Es kommt also darauf an, der Vernunft vor bestimmten Bibelstellen den Vorzug zu geben. Die Bibel ist Wort glaubender Menschen einst, sie hatten auch ihre Grenzen, die man anerkennen muss, um in Freiheit neue Antworten zu finden.

Diese freisinnige christliche Überzeugung ist sicher nicht auf die Remonstranten Kirche und andere freisinnige Kirchen begenzt. Im Gegenteil, wer etwa heute in der römisch katholischen Kirche als „Progressiver“ die Allmacht des Papsttums begrenzen will, fordert das, weil er weiß: das Wort von „Petrus als dem Felsen“ bedarf radikal neuer Interpretation. Ähnliches gilt für Protestanten, etwa Lutheraner, die Mühe haben, die Erlösung aufgrund des blutigen Kreuzestodes Jesu zu sehen. Sie haben Mühe, die alte Lehre anzuerkennen, als würde Gott Vater von seinem Sohn das grausige Opfer, den Tod am Kreuz, wünschen. Für so viel göttlichen Sadismus haben sie keinen Sinn mehr. Das bedeutet: Freisinniges Denken ist in der weiten Ökumene heute längst verbreitet. Nur haben diejenigen Katholiken oder Lutheraner, die die oben beschriebenen Positionen vertreten, Mühe, in ihrer eigenen Kirche glücklich und respektiert zu leben.