Fragen geben Halt im Leben! Ein neues Buch des Re­mon­s­t­ran­ten Theologen Koen Holtzapffel, Rotterdam.

Das Jahresthema der protestantischen Re­mon­s­t­ran­ten Kirche in Holland.

Ein Hinweis auch auf das neue Buch von Koen Holtzapffel „Houvast“ („Halt“)

Von Christian Modehn

Die Bibel ist kein Kompendium, in dem endgültige Antworten zu finden sind. Diese Erkenntnis breitet der Re­mon­s­t­ran­ten – Theologe und Pastor in Rotterdam Koen Holtzapffel in seinem neuen Buch aus, es hat den Titel „Houvast aan de vraagzijde van het bestaan“ („Haltfinden an der Fragedimension der Existenz“). „Ich nehme Abstand von dem Vorschlag („suggestie“), dass die gläubigen Menschen sozusagen auf der Antwortseite des Daseins stehen und die Nicht-Gläubigen auf der Seite des Fragens… Das will ich überwinden und sowieso den bekannten Unterschied zwischen Glauben und Unglauben“.

Diese hierzulande hoch interessante Position muss erläutert werden: Der christliche Glaube ist keine Bindung des einzelnen an vorgegebene Dogmen aus alten Zeiten. Die Kirchengemeinden (der freisinnigen, theologisch liberalen) Re­mon­s­t­ran­ten sind Orte, in denen der einzelne seinen eigenen Glauben entdecken, als einen solchen leben kann … und mit anderen besprechen und vertiefen kann.

Die leitende Maxime heißt: Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann Antworten. Aber diese rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Klar ist auch, dass ein Leben in dieser Fragebewegung nicht immer bequem ist. Deswegen klammern sich so viele voller Angst dann doch an vorläufige Antworten und erklären das Vorläufige zum Endgültigen. Und dann beginnt – fundamentalistisch – der Streit um die einzige Wahrheit, diese kann nur jemand behaupten, der irgendwann in der Fragebewegung stehen und stecken bleibt. Und mit der einzigen Wahrheit (in Religionen, Nationen, Kulturen usw.) zieht die kriegerische Haltung in die Gesellschaft ein. Das erleben wir heute global. Das heißt ja nicht, dass es einige wenige universale humane Antworten der Vernunft gibt, die für alle Menschen und alle Staaten gelten: Dies sind die für alle Menschen geltenden Menschenrechte, aber auch diese Menschenrechte entwickeln sich durch Fragebewegungen stets weiter. Der Kategorische Imperativ von Kant ja nicht entdeckt, sondern nur formuliert, gehört auch dazu.

Die Re­mon­s­t­ran­ten sind wahrscheinlich die einzige christliche Kirche, in der das Fragen heilig ist; weil das Fragen das Leben des Geistes (und der Seele) selbst ist und der Geist (und die Seele) nun heilig sind; was bedeutet, dass das Leben als leibliches, aber immer doch notwendigerweise Geist geprägtes leibliches und materielles Leben auch heilig ist.

Es ist für mich eine gute Entscheidung, dass die Re­mon­s­t­ran­ten in Holland das für sie immer übliche Jahresthema diesmal, für 2018, der Frage als einem – auch spirituellen, religiösen Vollzug – alle Aufmerksamkeit widmen. Bei dem „Tag der Beratung“ miteinander („Beraadsdag“) am 10. März 2018 in Hengelo geht es auch um das Thema: Wie kann das Fragen tatsächlich Halt, vielleicht einen ersehnten letzten und tiefsten Halt bieten? Es ist wohl so, meint Koen Holtzapffel, dass zu der Fragebewegung auch ein Vertrauen gehört, ein Vertrauen, dass in der Fragebewegung ein möglicher Sinn sich für mich erschließen kann. Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Autor, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohlltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.) Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich festgehalten“. Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott.

Aber ein Gott, von dem man nie etwas bemerkt, wird irrelevant. Bisweilen gibt sich mein Gott doch gründlich zu erkennen, lässt sich verstehen mit Herz und Seele. In Liebe und Licht, in Friede und Anteilnahme für einander. Auch in dem Menschen Jesus gibt er sich zu erkennen. Wo Nächstenliebe und (erotische) Liebe ist, da ist Gott: Ubi caritas et amor, Deus ibi est“ (S. 122)

In einem Beitrag für die Monatszeitschrift ADREM vom Juni 2017 sagt Holtzapffel: „Ich hoffe, das unsere Gemeinden Orte sind, wo über Lebensfragen nachgedacht wird. Als Pastor (Prediger) habe ich keine direkten Antworten, aber ich sehe mich als jemanden, der den Frageprozess beobachtet. Und ich sehe mich als jemanden, der die Lebensfrage hinter den Fragen entdecken kann und auch mit der Tradition verbindet… Aus der großen soziologischen Untersuchung „God in Nederland“ geht jetzt hervor, dass sehr viele Menschen meinen, dass die Sinnfragen nicht mehr in der Kirche behandelt werden. Bei uns Re­mon­s­t­ran­ten ist das anders, da haben diese Fragen ihren Raum“.   Und er nennt über die Re­mon­s­t­ran­ten Gemeinden hinaus in dem Buch mehrere, in ganz Holland bekannte Beispiele: Etwa das Kulturzentrum de „Rode Hoed“ in Amsterdam oder das „Uytenbogaertcentrum“ in Den Haag, das der Theologe und Philosoph Johan Goud aufgebaut hat.

 

Houvast. Aan de vraagzijde van het bestaan. Von Koen Holtzapffel. 144 Seiten. ISBN 978 90 211 4491 7). Dieses Buch ist im August 2017 erschienen im Verlag Meinema, Utrecht.

 

 

 

 

Meine Biografie – meine Theologie. Hinweise zum Religionsphilosophischen Salon am 27. 11. 2015

 

Meine Biografie – meine Theologie. Hinweise zum Religionsphilosophischen Salon

am 27. 11. 2015

Von Christian Modehn

Wir danken Prof. Johan Goud aus Den Haag, dass er uns mit seinen Beiträgen im Salon am 27.11.2015 zu Einsichten und zu weiteren wichtigen Fragen geführt hat. Diese werden hier mitgeteilt.

Das Thema des Abends (mit 26 TeilnehmerInnen) „Autobiografie und Theologie“ wird uns auch im nächsten Jahr weiter beschäftigen.

Es ist für mich als Veranstalter des Religionsphilosophischen Salons Berlin interessant zu sehen, wie stark Weiterlesen →

Religionsstress – ein heilbares Leiden. Zu einem neuen Buch von Tom Mikkers

Religionsstress – ein heilbares Leiden

Zu einem neuen Buch von Tom Mikkers

Von Christian Modehn       (PS: inzwischen ist das Wort “Religionsstress”  offiziell zum Wort des Monats in den Niederlanden erklärt worden. Siehe auch Woord van de maand.)

Immer weniger (jüngere) Menschen in Europa sind noch mit  Kirchen und Religionsgemeinschaften verbunden. Aber die religiösen Institutionen und Verwaltungsapparate, mit ihren dogmatischen Lehren und zum Teil rigiden Weiterlesen →

Neue Bücher der Re­mon­s­t­ran­ten im Herbst 2011: Das “Hier und Jetzt” ist nicht das ganze Leben: Und: “Coming Out Churches”

Das Hier und Jetzt ist nicht alles: Warum Christen die Zukunft wieder ernst nehmen sollen… .und warum Homosexuelle in Kirchen selbstverständlich willkommen sind…

Von Christian Modehn

In Deutschland beginnt am 12. Oktober in FRANKFURT die Internationale Buchmesse, bei der selbstverständlich auch niederländische Verlage Weiterlesen →

Alte religiöse Lieder mit neuen Texten

„Licht“ – alte religiöse Lieder mit neuen Texten

Die Zeit der frommen Floskeln ist vorbei

Von Christian Modehn

Die in den Niederlanden hoch geschätzte Dichterin, Autorin und Übersetzerin Coot van Doesburgh hat sich auf Einladung der Re­mon­s­t­ran­ten Kirche auf ein nicht nur für Holland wegweisendes Projekt eingelassen: Sie hat zu alten, auch vertrauten religiösen Liedern („Kirchenliedern“)  neue, zeitgemäße und poetische TexteWeiterlesen →

Gerrit Jan Heering

1933: Protest gegen die Entwicklungen in Deutschland

Kritisch schon 1933

„Es gibt um 1930 eine stets kritische Dimension in der Re­mon­s­t­ran­ten Kirche. Der Universitätsprofessor G.J. Heering (1879 – 1956)  war z.B. ein heftiger Verfechter  des Antimilitarismus. Die Re­mon­s­t­ran­ten waren die einzige Kirche in den Niederlanden, die 1933 ausdrücklich warnten vor den Entwicklungen in Deutschland. Sie protestierten gegen das Unrecht, das den Juden, den Pazifisten und Sozialisten angetan wurde. Heering hatte als „Mann mit Autorität“ eine wichtige Stimme“.

Ein Zitat aus dem Buch „58 Milljonen Nederlanders en hun Kerken“, erschienen in Zusammenarbeit mit dem Fernsehsender NOS, Verlag Amsterdam Boek, 1979. 127 Seiten. Dort wird auf Seite 103 auch über das Verhalten der Re­mon­s­t­ran­ten nach dem Jahr 1933 berichtet

Viel Licht, viel Klarheit. Elementar und einfach.

Viel Licht, viel Klarheit. Elementar und einfach. Die Kirchen der Re­mon­s­t­ran­ten – ein Buch

Zum ersten Mal werden mit einer umfangreichen fotographischen Dokumentation alle Kirchengebäude der Re­mon­s­t­ran­ten in Holland und in Friedrichstadt vorgestellt. Jop van Zalm van Eldik hat alle Gotteshäuser besucht, die entweder der Re­mon­s­t­ran­tenkirche selbst gehören oder aber mit unterschiedlichen Rechtsformen von ihr genutzt werden. Wer das Buch mit 44 Porträts dieser Gotteshäuser liest, wird zugleich mit der Geschichte dieser freisinnigen und „liberalen“ Kirche vertraut gemacht:

Die Re­mon­s­t­ran­ten wollten sich von Anfang an, also seit dem frühen 17. Jahrhundert, „der religiös – humanistischen Tradition anschließen auf der Linie der Brüder vom Gemeinsamen Leben und Erasmus“ (so Tjaard Barnard). Das konnte die orthodoxe calvinistische Kirche nicht ertragen, die Re­mon­s­t­ran­ten wurden verfolgt.  Erst 1630 konnten sie ihre versteckten Kirchen „Schuilkerken“ errichten, schönes Beispiel dafür ist die Re­mon­s­t­ran­tenkirche in Leiden. Im 20. Jahrhundert wurde etwa die durchaus monumentale „Vrijburg“ in Amsterdam errichtet, die größte Re­mon­s­t­ran­tenkriche befindet sich übrigens in Rotterdam. Die erste Re­mon­s­t­ran­tengemeinde mit einer eigenen Kirche wurde für die damals verfolgten holländischen Re­mon­s­t­ran­ten in Friedrichstadt an der Eider gegründet. Bis heute ist Friedrichstadt die einzige Gemeinde der Re­mon­s­t­ran­ten außerhalb der Niederlande, in Berlin gibt es bisher nur ein „Forum der Re­mon­s­t­ran­ten“. Erstaunlich ist, dass eine Kirche mit heute etwa 6.000 Mitgliedern und Freunden über 44 Kirchengebäude verfügt! Manche haben noch die klassischen Bänke, andere sind viel kommunikativer mit Stühlen ausgestattet, wie etwa die Kirche in Groningen. Immer sind die Räume von einer großen Klarheit und Nüchternheit geprägt, Figuren und Bilder, ja selbst Kreuze sind äußerst selten. Die Kanzel, der Platz für Lehre und Verkündigung, steht im Mittelpunkte. Sympathisch wirken die sehr kleinen Gebäude, etwa die Kirche in Alphen aan den Rhijn, die einst als Synagoge diente. Sie wirkt auch heute wie ein gemütliches Haus, wie ein Wohnzimmer, die alten osteuropäischen Synagogen waren Wohn- und Gasthäuser, Treffpunkte mitten im Alltag und natürlich auch „Schulen“ mit Bibliotheken; solche Erinnerungen (nur Vergangenheit?) kommen wie von selbst auf. Fragen bleiben angesichts der vielfältigen Schönheit dieser Gebäude: Wie werden sie in Zukunft genutzt? Eine Frage, die ja auch in Deutschand viel diskutiert wird: Werden sie z.B. auch während der Woche eine soziale, kulturelle und religiöse Rolle spielen? Beispiele dafür gibt es ja, etwa in Rotterdam, Amsterdam und Utrecht.

Das äußerst interessante und “schöne” Buch kann im Büro der Re­mon­s­t­ran­ten in Utrecht bestellt werden. www.remonstranten.org

Spiritualität im Handy. Eine Initiative der Re­mon­s­t­ran­ten

Spritituelle Impulse im Handy
Die freisinnige, liberale protestantische Kirche der Re­mon­s­t­ran­ten in Holland hat Anfang April 2010 eine Aktion gestartet, um den gestressten und allen anderen Menschen eine meditative Pause zu empfehlen: „Gott einschalten!“ heißt das natürlich auch ein wenig ironisch gemeinte Angebot der Re­mon­s­t­ran­ten, Jeder kann sich anmelden, dann erhält man an jedem Morgen im Handy einen kurzen meditativen Text. Wer abends weiter spirituellen Impulsen folgen will, kann in dem Buch „God Aan“ blättern und dabei entweder in eine spirituelle Vitalität (und Schlaflosigkeit) finden … oder sanft einschlummern. Hundert Re­mon­s­t­ran­ten haben ihre persönlich wichtigen Texte in dem Buch „God Aan“ versammelt, dabei ist natürlich nicht nur ein biblischer Bezug wichtig, sondern, wie es sich für freisinnige Christen gehört, es kommen auch viele Texte aus den breiten Umfeld der Kultur, Kunst und Gesellschaft. Das Buch God Aan hat 400 Seiten, es ist bei Meinema erschienen und kostet 25 Euro. Dieses Projekt ist ein weiterer Versuch der Re­mon­s­t­ran­ten, Anregungen zur Lebensvertiefung zu geben. Als ich einem Berliner Atheisten von diesem Vorhaben berichtete er: „Ist der Sinn einer freien Religion Lebensvertiefung“? Ich habe diese Frage bejaht.

Siehe auch die website www.god-aan.nl
Oder:
www.twtter.com/godaan

Wie beten Freisinnige, welche Gottesdienste wollen sie in kleinem Kreis feiern?

Christiane Berckvens-Stevelinck, Theologin und Pastorin der Re­mon­s­t­ran­ten Kirche und darüber hinaus Begleiterin bei der Entwicklung von (auch weltlichen) Ritualen hat zusammen mit dem Theologen Sytze de Vries ein Buch herausgegeben mit dem Titel: “Vieren und Brevieren”, also “Feiern und beten”. Der Untertitel heißt ins Deutsche übersetzt: “Liturgische Bausteine für kleine Glaubensgemeinschaften”. Die Autoren gehen davon aus, dass in Zukunft vor allem kleine Glaubensgemeinschaften, Hausgemeinschaften, “Salons” usw. wichtig werden. Die großen Kirchen(gebäude) könnten dem Trend folgend mehr und mehr musealen Charakter erhalten. In den Niederlanden sind z.B. noch 33 Prozent der Bevölkerung mit einer Kirche verbunden, in Deutschland sind 33 Prozent der Einwohner “unkirchlich”, mit stark steigender Tendenz. Da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich religiös interessierte Menschen in kleinen Gruppen und in kleinen Häusern treffen. Es ist ja. nebenbei, bezeichnend, dass sich der Buddhismus in seinen vielen Formen in Europa fast ausschließlich in “kleinen Räumen” organisiert, in Wohnungen, Läden, Fabriketagen usw. und sich dabei offenbar prächtig entwickelt. Die großen Kirchen haben große, aber fast immer leerstehende und verschlossene, tagsüber unerreichbare Gebäude…In dieser Situation ist das Buch von Chr. Berckvens – Stevelinck und Sytze de Vries von dringender Aktualität. Auf den Inhalt werden wir später ausführlich hinweisen. Nur so viel: Die Autoren erwähnen positiv ausdrücklich die “slow-movement”, die Bewegung, das Leben insgesamt, aber auch das Essen, LANGSAM zu gestalten. Zum ersten Mal wird in einem theologischen Buch die “Slow” bewegung erwähnt. Hoffentlich finden sich alsbald Verleger in Deutschland, um das wichtige Buch ins Deutsche zu übersetzen.
Verlag Meinema, in Zoetermeer, 2009. 264 Seiten, 23,50 Euro. ISBN 978 90 211 4238 8. Christiane Berckvens-Stevelinck hat eine eigene website: www.moederoverste.nl. Und Sytze de Vries: www.sytzedevries.com

Wibren v.d. Burg

Für die Trennung von Kirche und Staat

Für die Trennung von Kirche und Staat
Von Wibren v.d. Burg, Professor für Rechtsphilosophie in Rotterdam.

Aus remonstrantischer Perspektive muss meiner Meinung nach jede Verquickung von Kirche und Staat zurückgewiesen werden. Damit nehmen Re­mon­s­t­ran­ten Stellung gegen den Gedanken einer Staatskirche , wie er in der lutherischen und anglikanischen Tradition noch vorkommt. Darüber hinaus verwerfen Re­mon­s­t­ran­ten den Gedanken der römisch – katholischen Tradition, dass diese Kirche als Interpretin des Naturrechts sich intensiv in politische Debatten einmischen darf und ihre Mitglieder auch aufrufen darf, einer bestimmten Partei die Stimme zu geben. Re­mon­s­t­ran­ten verwerfen auch die Intervention durch etliche katholische Bischöfe in politische Debatten, wenn es sich etwa um Abtreibung, Euthanasie und Ehefragen handelt. Dabei sollen nach dieser katholischen Vorstellung sogar die Politiker, die dieser
amtlichen Position nicht folgen, von der Teilnahme an der
Kommunion ausgeschlossen werden. Auch die Praxis vieler Länder, in einem Konkordat der katholischen Kirche wie dem Staat bestimmte Vorrechte anzuerkennen, ist aus remonstrantischer Sicht unannehmbar. Für Re­mon­s­t­ran­ten gibt es keinen „christlichen Staat“ und keine „christliche Politik“. Sie sind sehr zurückhaltend, Religion und Politik direkt zu verbinden. Der Gedanke, dass die Religion ein Organisationsprinzip ist für die Regelung des gesellschaftlichen Lebens, ist den freisinnigen Christen, also den Re­mon­s­t­ran­ten, fremd. Sie waren dagegen, als sich die niederländische Geselschaft im 20. frühen Jahrhundert nach „Säulen“ getrennt organisierte, also eine protestantische Säule neben einer katholischen und diese neben einer sozialistischen Säule usw. Re­mon­s­t­ran­ten haben stets neutrale und allgemeine Organisationen bevorzugt. Darum gibt es keine freisinnigen Parteien und auch keine freisinnigen Schulen oder freisinnige Hilfswerke. Dieser Meinung sind die Re­mon­s­t­ran­ten nicht, weil sie meinen, dass Religion nur Privatsache sei ohne gesellschaftliche Konsequenzen, im Gegenteil. Sie meinen nur: Die religiöse Orientierung kann nicht die Basis sein, auf der sich gesellschaftliche Organisationen bilden.

Entnommen dem Buch: „De remonstrantie. 400 Jaar“. Hg. von K. Holtzapffel und M.v. Leeuwen. Meinema Verlag, Zoetermeer, 2010, dort s. 162 f.

Eine Kirche der Toleranz: Die Re­mon­s­t­ran­ten veröffentlichen eine Illustrierte

Generalsekretär der Remonstranten Tom Mikkers präsentiert die Illustrierte
Generalsekretär der Re­mon­s­t­ran­tenTom Mikkers präsentiert die Illustrierte

Dehnbar und tolerant oder präzise und dogmatisch?

Die freisinnige Kirche der Re­mon­s­t­ran­ten feiert ein Jubiläum und veröffentlicht eine Illustrierte.

Die protestantische Kirche der Re­mon­s­t­ran­ten feiert dieser Tage ihr Jubiläum: Vor 400 Jahren haben sich etwa 200 Pfarrer und Theologen in Holland gegen die göttliche Allgewalt der „Vorherbestimmung“ der Menschen zu Heil oder Unheil ausgesprochen. Sie hatten für die menschliche Freiheit plädiert, also Remonstrance, Widerspruch, eingelegt, um einen freien, einen humanistischen Glauben zu fördern…und wurden deswegen von den dogmatischen und „präzisen“ Calvinisten aus der Kirche vertrieben. Re­mon­s­t­ran­ten galten als zu tolerant, zu „dehnbar“ (rekkelijk auf holländisch) in ihrer Theologie. Als ob man denn von Gott anders als in dehnbaren, Weiterlesen →