Denkend glauben

Der Theologe Prof. Dr. Marius van Leeuwen beim Referat über die Aktualität der Remonstranten
Der Theologe Prof. Dr. Marius van Leeuwen beim Referat über die Aktualität der Re­mon­s­t­ran­ten

Wo Dogmen nicht bindend sind: Hollands »Freisinnige Kirchen« stellen persönliche Verantwortung über alles

Von Christian Modehn

Kaum vorstellbar in der weiten und bunten Ökumene: Eine christliche Kirche, die ihre Mitglieder nicht auf ein festes Bekenntnis verpflichtet, die Dogmen bestenfalls als interessanten Diskussionsstoff bewertet und in ethischen Fragen persönliche Verantwortung über alles stellt: Die Re­mon­s­t­ran­ten folgen diesen ungewöhnlichen Prinzipien. Sie sind in Holland eine bekannte und geschätzte protestantische Kirche. Während andere Kirchen sich lutherisch oder methodistisch nennen, bevorzugen sie die Bezeichnungen »freisinnig« und »theologisch liberal«: In ihrem Titel ist die Remonstrance, der Widerstand, enthalten, der Widerstand gegen die strenge Orthodoxie des Calvinismus: Sie deutete im 16. Jahrhundert Gott als einen Willkürherrscher, der dem Menschen jegliche Freiheit nimmt. Aber die Freiheit, den eigenen Glauben zu entwickeln, nehmen sich die Re­mon­s­t­ran­ten seit ihrer Gründung im Jahre 1617 ganz konsequent: Wenn jemand als Erwachsener Mitglied der Kirche werden will, soll er sein persönliches Bekenntnis, man könnte auch sagen, die Grundlagen seiner Lebensphilosophie, aufschreiben und zur Diskussion stellen. Ausgeschlossen sind lediglich Überzeugungen, die gegen die Menschenwürde, speziell gegen die Friedfertigkeit und Toleranz gehen. Es ist dem Einzelnen zum Beispiel freigestellt, die alte Lehre der Trinität in der wörtlichen Fassung zu glauben oder auch nicht: Für Re­mon­s­t­ran­ten sind Dogmen vor allem Bilder und Metaphern, betont Pfarrer Blaauw: »An einen personalen Gott glaubt die Mehrheit der Re­mon­s­t­ran­ten wohl nicht mehr. Und das Schöne bei uns ist auch wieder, dass es Leute gibt, die sehr wohl daran glauben. Und die tolerieren einander nicht nur, sondern leben miteinander friedlich zusammen, weil sie wissen, dass das Geheimnis des Göttlichen unbegreifbar ist.«

Remonstrantenkirche in Leiden anläßlich eines Vortrages über Arminius, Oktober 2009
Re­mon­s­t­ran­tenkirche in Leiden anläßlich eines Vortrages über Arminius, Oktober 2009

Jetzt hat die Kirche der Re­mon­s­t­ran­ten (sie nennen sich selbst »Remonstrantische Bruderschaft«) nun doch – nach fünf Jahre dauernden Diskussionen – ein Glaubensbekenntnis formuliert (siehe rechts). Haben also auch die Freisinnigen Angst vor dem Relativismus, klammern auch sie sich jetzt an »Fundamente«? »Uns geht es darum, das eigene Profil deutlich zu machen«, sagt der remonstrantische Pfarrer Johan Grond, »dieses Bekenntnis soll zur weiteren Diskussion einladen. Unser neues Credo wird nicht im Gottesdienst gesprochen, es hat für die Mitglieder auch keinen bindenden Charakter.« Und der gewählte Leiter der Re­mon­s­t­ran­ten, der Philosoph Wibren v. d. Burg, betont: »Weil wir kein Lehramt haben, ist es wichtig bei uns, dass jeder Gläubige selber sein Denken entwickeln kann, dass man denkend glaubt. Das kann man nicht nur individuell machen. Deshalb sind bei uns die Diskussionsgruppen über theologische Themen sehr wichtig.«

Das neue Glaubensbekenntnis konzentriert sich auf die Wirklichkeit des göttlichen Geistes: »Der Heilige Geist lebt auch außerhalb der Kirchen in anderen Religionen. In Zeiten religiöser Konflikte ist das ganz wichtig«, sagt Johan Grond. Um ihre Stimme vernehmbar zu machen, sind die Re­mon­s­t­ran­ten nicht nur Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf, sondern auch im Weltrat für religiöse Freiheit, in dem sich theologisch-liberale Gruppen aus verschiedenen Religionen sammeln. »Manchmal verstehe ich mich mit einem toleranten Sufi oder Buddhisten besser als mit einem konservativen Katholiken«, sagt Pfarrer Blaauw.

An einer Überwindung enger Prinzipien waren die Re­mon­s­t­ran­ten schon immer interessiert: Sie waren die Ersten, die zum Beispiel schon Mitte der 1970er Jahre homosexuelle Paare in ihren Kirchen segneten. Sie waren die Ersten, die Frauen als Pastorinnen akzeptierten. Der freisinnige Geist hat zweifellos – sehr zum Entsetzen der Bischöfe – auch einige katholische Gemeinden der Niederlande erfasst: Überall, wo sich Katholiken weigern, alte Glaubensformeln einfach bloß nachzusprechen, wo man bereit ist, etwa von »Jesus als erlösendem Vorbild« zu reden (eine Formulierung, die dem holländischen Theologen Piet Schoonenberg SJ wichtig war), wo man religiöse Feiern gestaltet für homosexuelle Paare usw., überall dort ist freisinniger Geist lebendig. Nicht alle Katholiken gehen natürlich so weit wie die Dominicus-Gemeinde in Amsterdam, die sich nach langen Diskussionen vom Verband des Bistums Haarlem gelöst hat und nun in eigener Verantwortung Gottesdienste feiert, geleitet von Frauen und Männern, von Protestanten und Katholiken, in einer Kirche, die von den Mitgliedern gekauft und prächtig renoviert wurde.

Heute ist die Freisinnige Bewegung in Holland über vier verschiedene Kirchen verteilt. Neben den Re­mon­s­t­ran­ten gibt es noch die freisinnigen Mennoniten, den Niederländischen Protestantenbund sowie freisinnige Gemeinden innerhalb der großen protestantischen Kirche Hollands PKN. Am schwierigsten ist es, liberale theologische Positionen innerhalb der calvinistischen Kirche deutlich zu machen. Darum bemüht sich die Theologin Ineke Ludikhuize: »Meine Erfahrung ist, dass es für mich gar nicht so schwierig ist, mit strenggläubigen Protestanten zu sprechen. Hingegen haben diese orthodoxen Kreise viel mehr Mühe, sich auf Freisinnige einzulassen, sie wollen eigentlich von ihnen nichts hören und nichts sehen.«

Die Angst vor den Freisinnigen ist zwar nicht bedeutend, aber noch vorhanden. Wer glaubt, will sich gern an Festes klammern. Man wirft den Freisinnigen vor, profillos zu sein: Dabei machen diese nur ernst mit der Erfahrung moderner Menschen, die Gott in vielen Sprachen gleichberechtigt aussagen wollen. Zudem sind die Freisinnigen eine Verbindung zu religionslosen, humanistischen Vereinen und Gruppen, wie dem Humanistisch Verbond.

Insgesamt sind heute nicht mehr als 50 000 Protestanten organisierte Mitglieder in einer der vier freisinnigen Kirchen in Holland. Viele tausend Menschen sind darüber hinaus vom freisinnigen Gedanken geprägt. Sie meinen zu Recht, auch ohne die Kirchen selbstständig durchs Leben zu kommen mit ihrem persönlich entdeckten Gottesbild. »Kirche ist wichtig, aber niemals Selbstzweck und Mittelpunkt«, heißt es in remonstrantischen Kreisen. Viele hunderttausend Menschen sind hingegen mit dem Internet-Auftritt der Re­mon­s­t­ran­ten »www. zinweb.nl« verbunden. Dort hat sich ein freisinnige Internet-Freundeskreis  über alle Grenzen hinweg gebildet.

Infos im Internet unter www.remonstranten.org

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