Freisinnig glauben: Bewegt, offen, einladend.

Freisinniges Leben: Bewegt, offen, einladend.

Ein „Remonstranten – Forum“ in Berlin

Ein Diskussionsbeitrag von Christian Modehn. Dieser Artikel wurde auf Niederländisch in der Zeitschrift ADREM, Utrecht im  Juni 2013 veröffentlicht.

Im Januar 2010 startete das „Forum der Remonstranten in Berlin“. Es soll ein Ort offenen Austauschs sein, ein freier Raum für freisinnigen Glauben und liberale Theologie, für Lebensorientierung. Ein Ort mitten in der Öffentlichkeit, außerhalb der Kirchenmauern. Es handelt sich also um keine Gemeinde im „klassischen Sinn“. „Forum“ ist ein ungewöhnlicher Titel: Er will Leben provozieren, etwas Werdendes, für Experimentes Offenes sein. Etablierte (orthodoxe)Kirchengemeinden gibt es genug, sie sterben langsam aus. Soziologen wissen, dass sie in ihrer dogmatisch – bürokratischen Etabliertheit kaum noch Chancen haben, von aufgeklärten und suchenden Menschen als Orientierung ernst genommen zu werden.

Der Titel Forum wurde bewusst gewählt in einer auch in religiöser Hinsicht ungewöhnlichen Metropole. Da haben es einfach alle kirchlichen Initiativen schwer, zu zwiespältig ist der Ruf der Kirchen in Berlin. Buddhisten sind beliebter und manchmal auch fundamentalistische Pfingstkirchen.

Angesichts der sehr starken Konfessionslosigkeit in Berlin sprechen Soziologen zu recht von einer für Europa einmaligen Situation. Von den 3, 5 Millionen Einwohnern nennen sich 2, 3 Millionen konfessionslos, also über 60 Prozent. Dabei gibt es Unterschiede: Die Konfessionslosen im ehemaligen Westen der Stadt waren früher einmal Kirchenmitglieder. Während die meisten Bewohner im ehemaligen Osten, also der DDR – Hauptstadt, nie Kirchenmitglieder waren. Sie nennen sich atheistisch, heidnisch, säkular… zweifellos auch ein Ergebnis der Religionspolitik der DDR. Aber junge Menschen in Berlin, nach dem Fall der Mauer geboren, bezeichnen sich einfach nur „konfessionsfrei“ oder „neutral“, manche sagen: „Ich bin (religiös) nichts“. Aber sie sind wie viele andere Konfessionslose durchaus für spirituelle Fragen offen, die esoterische Szene ist äußerst vielfältig.

665.000 Berliner sind noch Mitglieder der evangelischen Kirche, 320.000 gehören noch der römisch – katholischen Kirche an, 12.000 sind jüdischen Glaubens, 250.000 sind Muslims. Die „religiöse Praxis“ der Christen ist, wenn sie überhaupt statistisch bewertet werden kann, sehr bescheiden: 4 Prozent der Berliner Protestanten nehmen am Sonntagsgottesdienst teil, etwa 10 Prozent der Katholiken: Also insgesamt 70.000 Berliner gehen sonntags in eine Kirche, vorwiegend ältere Menschen. Mehr als 100.000 junge Menschen besuchen an einem Wochenende die mehr als 120 großen Musikclubs in Berlin….Die Kirchen stehen nicht unter einem gesunden Leistungsdruck, Ehrgeiz ist Sünde, Routine eine Tugend, Bürokratie heilig: Das Erzbistum Berlin hat einen Jahres – Etat von 164 Millionen Euro, bei der evangelischen Landeskirche sind 326 Millionen Euro!

Was die religiöse Bindung der Menschen in Berlin angeht, gilt natürlich auch für sehr weite Teile Europas und Nordamerikas. Überall dort, wo Menschen gebildet sind und die Ideen der philosophischen Aufklärung in ihr Denken integriert haben, geht die Bindung an die „orthodoxen“ großen Kirchen restlos zurück. Das bedeutet: Sehr viele Menschen in Berlin stören sich an dogmatischen Lehren, sie wollen keine Bindungen an Institutionen, die vorschreiben, wie „man“ zu leben hat. Der einzelne Mensch hat in den „orthodoxen“ Kirchen letztlich zu hören und zu gehorchen, was die Traditionen behaupten. Die individuellen religiösen Erfahrungen haben keine Bedeutung für die Prägung der Kirche selbst.

Eigentlich bietet eine solche Situation eine sehr gute Voraussetzung, um ein freisinniges und theologisch liberales Forum zu gestalten. Es könnte ja eine Alternative sein für kritische und gebildete Menschen. Nach 3 Jahren können wir keine große Mitgliederstatistik vorweisen. Aber geht es freisinnigen Christen wirklich auch vorwiegend um Mitglieder?  Oder ist freisinniger Glaube eher eine offene Bewegung, die in Foren für hilfreiche Inspirationen sorgt und Menschen ermuntert, ihr Leben kritischer und solidarischer zu gestalten.

Wir treffen uns bewusst in Cafés oder Kunst Galerien. Zu dieser Form „säkularer“ Präsenz fühlen wir uns ermutigt durch die heutige Remonstranten Theologie selbst, etwa wenn Prof. Marius van Leeuwen sagt, „der remonstrantische Glaube ist christlich UND humanistisch“.

Die wichtigste Veranstaltung ist für uns in berlin ein monatlicher philosophischer Salon, er besteht schon seit 6 Jahren mit insgesamt 70 „Salonabenden“. Wir sind in der weiten religionsphilosophischen Szene inzwischen bekannt.

Etwa 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen zu einem Salon zusammen, einige sind regelmäßig und von Anfang an dabei. Wir wollen mindestens 2 Stunden über ein philosophisches oder auch im weitesten Sinne religiöses Thema sprechen: Etwa: Was ist Selbstbestimmung? Was bedeutet religiöses „Patchwork“? Was bedeutet das „beschleunigte, schnelle“ Leben? Was ist Stille, was ist Einsamkeit? Wer das mitmacht, stellt sich, ob er will oder nicht, irgendwann grundlegende Fragen, auch spirituelle Fragen. Insofern passieren in einem Salon dieselben Effekte wie in einem Gottesdienst mit Predigt.

Philosophieren in Gemeinschaft fördert die Selbstbestimmung, den Wunsch, authentisch zu leben, bewusster und frei das „Leben im Angesicht des Unendlichen“ zu gestalten.

Unser Forum ist sozusagen eine „Basis – Initiative“, ein Ort der Inspiration, wo es noch keine Festlegungen, keine Mitgliedschaften gibt. So zeigt sich das remonstrantische Leben eher als großzügige Offenheit, als eine freisinnige religiöse Bewegung. Wer sich da beteiligt, muss nicht gleich Mitglied werden. Warum kann nicht der Besuch einer Ausstellung ein religiöses Erlebnis sein? Oder der Besuch eines Konzerts, über den man sich danach austauscht? Warum kann eine Poesie – Werkstatt nicht eine Form des Gottesdienstes sein. Und welche Alternativen bieten denn remonstrantische Gottesdienste, werden wir oft gefragt. Sollten remonstrantische Gottesdienste nicht eher „Menschen – Dienste“ sein, also frei gestaltete Veranstaltungen, wo man die eigene innere Stimme wieder zu hören, die eigene Last des Lebens mit anderen zu teilen lernt.

Unsere Perspektiven für die Zukunft? Wir wollen die freisinnige und liberale theologische Position weiterhin deutlich machen, ohne dabei missionarische Werbung zu betreiben. Wir wollen das Gespräch suchen mit humanistisch gebildeten Menschen, auch mit Atheisten: Welche andere Kirche kann denn sonst deren Fragen ernst nehmen? Welche Kirche kann denn sonst sagen: „Auch von euch Atheisten können wir lernen, etwa was die Kritik an infantilen Gottesbildern angeht“. Wir vertreten in unserem Forum einen sehr weiten Religionsbegriff und wissen, dass auch und gerade in der Auseinandersetzung mit der modernen Kultur religiöse Fragen aufbrechen. Dabei diskutieren wir auch politische Fragen, etwa im Anschluss an die These von Walter Benjamin „Der Kapitalismus ist eine Religion“. Wie können wir diese so vielfach verlockende und allseits werbende kapitalistische Religion menschlicher und sozialer gestalten?

Das Begeisternde an einer freisinnigen und theologisch liberalen Kirche ist doch: Prinzipiell gibt es keine Denkverbote. Dringend scheint mir zu sein, endlich jungen Menschen und Leuten zwischen 20 und 40 alle Freiheiten zu bieten, ihre eigene Sache in einem Remonstranten Forum

gestalten zu können. Für diese Menschen müssten die Türen eines Forums ganz weit offen sein. Sie sollten selbst gestalten, was ihnen spirituell wichtig erscheint. Ebenso gilt das für türkische oder arabische Menschen muslimischen Glaubens: Die großen Kirchen haben da noch viele Ängste: Wir wollen bald in unserem Salon und Forum mit türkischen Philosophen zusammenarbeiten. In de Vrijburg in Amsterdam predigen Muslims, für uns sehr inspirierend! Wir suchen Verbindungen zu spirituell interessierten jungen Spaniern, Portugiesen, Italienern usw., die jetzt zu vielen tausend nach Berlin kommen, weil sie sich in Berlin ein besseres leben erhoffen als in ihrer Heimat. Können Remonstranten, historisch gesehen in Deutschland eine Kirche der Ausgegrenzten und Flüchtlinge, diesen neuen „Wirtschafts – Flüchtlingen“ Begleitung und Hilfe bieten?

Was bedeutet eigentlich Europa für die Remonstranten, werde ich oft gefragt. Ich weiß darauf keine Antwort: Wollen die Remonstranten tatsächlich eine internationale Kirche werden? Oder ist ein Forum in Berlin nur eine kleine nette Ausnahme? Spüren die holländischen Remonstranten deutlich, dass sie angesichts der religiösen Entwicklung in Europa neue Aufgaben in Europa und darüber hinaus haben, Aufgaben, die sie auch von Holland aus leisten personell könnten. Solche Fragen stellen wir uns in unserem kleinen  Forum in Berlin, das nur von Ehrenamtlichen lebt und viele Stunden Einsatz erforderte. Was sollen wir tun, wenn Menschen eine freisinnige (Homo) Hochzeit wünschen? Was tun, wenn die vielen Konfessionslosen eine freisinnige christliche Bestattung wünschen? 52 Prozent der Bewohner Berlins sind singles, darunter ca. 400.000 homosexuelle Menschen. Allein die Einsamkeit vieler älterer Schwuler und Lesben könnte ein dringendes Thema für remonstrantische Beratung sein. Das alles kann das kleine Forum in Berlin nicht leisten. Es ist eine kleine Stimme, die es in der Berliner kirchlichen Szene, wie oben beschrieben, nicht leicht hat. Dennoch meine ich: Die Chancen der freisinnigen Remonstranten, dieser „Christen und Humanisten“, wären eigentlich sehr groß, wenn sie sich auch als offene Bewegung mit vielen Foren und kleinen Galerien, warum nicht auch in Krypten und Cafés versteht.

Ich denke, in der religiösen Szenerie ist es wichtig, eine Kirche zu haben, die von vornherein und ohne jede weitere Debatte liberal und freisinnig ist, mögen auch einzelne Gemeinden etwa der evangelischen oder katholischen Kirche gelegentlich liberal und freisinnig sein.

Christian Modehn, geboren in Berlin,

Initiator des Forums der Remonstanten, er ist seit 2011 Mitglied der Remonstranten, er hat katholische Theologie (Diplom) und Philosophie (Magister) studiert und arbeitet seit 35 Jahren als Journalist für Fernsehen und Hörfunk der ARD.

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