Re­mon­s­t­ran­ten in Berlin – eine freisinnige Spiritualität

Freisinnige Spiritualität

Re­mon­s­t­ran­tenforum in Berlin

Zum ersten Mal wurde in Berlin am Sonntag, den 10. Januar 2010, die freisinnige protestantische Kirche der Re­mon­s­t­ran­ten vorgestellt. Sie hat genau vor 400 Jahren, am 14. Januar 1610, in Holland ihre Entwicklung begonnen mit der „Remonstrance“, dem Einspruch und Widerspruch gegen die dogmatische Behauptung, die Freiheit des Menschen sei nichts gegenüber der Allmacht Gottes. Glaube ist Freisein könnte das Motto sein. Damit wird die übertreibene Deutung der Erbsünde zurückgewiesen, wonach alle Menschen von der Geburt an Sünder sind und zum Guten gar nicht fähig sind. Diese negative Anthropologie  wird abgelehnt.

Im Mittelpunkt dieses „theologischen Salons“ in Berlin – Schöneberg mit 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmern stand das Gespräch mit den Gästen aus Amsterdam, Margriet Dijkmans van Gunst und Dik Mook von der dortigen Re­mon­s­t­ran­ten Gemeinde.

Besondere Aufmerksamkeit fand das Profil dieser Kirche, die sich humanistisch und christlich versteht. Humanistisch, weil sie den Lebenserfahrungen des einzelnen Mitglieds ihr volles Recht lässt und keine Vorschriften macht, was und wie der einzelne glauben soll. Diese Freiheit von autoritärer Einrede wurde von vielen TeilnehmerInnen als Überraschung und als sehr wohltuend empfunden. Gerade angesichts einer zunehmenden Verfestigung vieler Kirchen und Religionen in Dogmatismus und Fundamentalismus ist es wohltuend und befreiend zu sehen, dass es solch eine Kirche überhaupt gibt.  Überraschend auch der Bericht, dass in Gottesdiensten der Re­mon­s­t­ran­ten auch spirituelle Texte, etwa aus Literatur oder Buddhismus eine inspirierende Rolle spielen. Interessant war es zu erfahren, dass die beiden Gäste aus der Gemeinde VRIJBURG in Amsterdam auch „Brunch – Gottesdienste“ vor allem für Jugendliche und jüngere Menschen gestalten. Dort steht die Auseinandersetzung mit Kunst im Mittepunkt einer Feier, bei der sich die TeilnehmerInnen um einen fein gedeckten Tisch gruppieren.

Die Re­mon­s­t­ran­ten gehören zu den Gründungsmitgliedern des Ökumenischen Weltrates der Kirchen (Genf), für sie ist die Bibel ein inspirierendes Buch, das glaubende Menschen einst geschrieben haben. Also ein Text von und für Menschen. Von daher haben die Menschen heute die Freiheit, sich einer bestimmten Bibellektüre anzuschließen, etwa der feministischen oder der befreiungstheologischen, immer aber in kritischem Geist. Ein „wortwörtliches verstehen“ dieses alten Textes gläubiger Menschen kommt nicht in Frage. Hingegen werden Mitglieder eingeladen, ihr eigenes persönliches Glaubensbekenntnis aufzuschreiben. Die Re­mon­s­t­ran­ten sehen in der hohen Einschätzung der Kompetenz eines jeden Menschen keinen „Subjektivismus“. Vielmehr stehen sie in bester biblischer Tradition, wo es immer um die ganz individuell geprägte „Gotteserfahrung“ eines jeden einzelnen geht. In der Gemeinde findet dann die Aussprache statt über die vielen verschiedenen Glaubensweisen und Gottesbilder, dabei gibt es keine „hierarchische Kontrolle“.

Diese Kirche hat die Ausgrenzung von Minderheiten überwunden und praktiziert z.B. seit mehr als 20 Jahren die Segnung homosexueller (Ehe) Paare.

Warum sind die Re­mon­s­t­ran­ten nach wie vor interessant und hilfreich?

Natürlich gibt es in verschiedenen anderen Kirchen auch eine freisinnige Theologie und Praxis. Aber die „freisinnigen Mitglieder“ dieser Kirchen, etwa progressive Katholiken,  sind immer von Strafen und Einschränkungen orthodoxer Hierarchen bedroht.

In der Re­mon­s­t­ran­ten Kirche hingegen hat eine Befreiung aus Angst und Repression stattgefunden: Die einzelnen Christen müssen nicht – wie Kirchenreformer in anderen Kirchen – permanent gegen die Wand von Vorschriften und Einschränkungen angehen. Das offene Abendmahl, also die Einladung an ALLE, ist z.B. für Re­mon­s­t­ran­ten selbstverständlich. Die Probleme, die etwa im Umfeld des Ökumenischen Kirchentages in München 2010 noch diskutiert werden, ob Katholiken und Protestanten gemeinsam Abendmahl, Eucharistie feiern „dürfen“,  haben Re­mon­s­t­ran­ten einfach nicht!

Die beiden Re­mon­s­t­ran­ten aus Amsterdam wurden gefragt, was denn für sie besonders wichtig sei: „Es ist die Freiheit, die sich äußert in Verantwortung für sich selbst wie für die anderen“, sagte Dik Mook. „Für mich ist das Gespräch in der Re­mon­s­t­ran­tengemeinde mit Menschen unterschiedlicher Überzeugungen sehr inspirierend, darin zeigt sich die Vielfalt der Glaubensüberzeugungen, die wir einander zugestehen“ sagte Margriet Dijkmans van Gunst.

Leider, so haben viele Teilnehmer am Berliner Re­mon­s­t­ran­ten Salon gemeint, haben nur wenige Menschen Zugang zur Re­mon­s­t­ran­ten Kirche gefunden, die heute ca. 7000 Mitglieder und Freunde zählt. „Warum  erfährt man so wenig und so selten davon, dass es diese Kirche überhaupt gibt, die ja in der Ökumene einen festen Platz hat“, fragte ein Besucher. „Und warum weisen die Re­mon­s­t­ran­ten außerhalb Hollands so wenig auf ihre Kirche hin?“

In Berlin wird ein

„Forum Freisinnige Spiritualität – Re­mon­s­t­ran­ten in Berlin“ vorbereitet.

Vorläufige Informationen dazu über

www.remonstranten.org (die Seite in deutscher Sprache anklicken, symbolisiert durch die Flagge)

oder:

www. religionsphilosophischer-salon.de   (dort die Seiten über Freisinnige Kirchen)

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