Impulse für eine “remonstrantische Theologie”

Vernunft und Kritik ausdrücklich erwünscht
Impulse für eine „remonstrantische Theologie“

Die Theologie der protestantisch – freisinnigen Re­mon­s­t­ran­ten Kirche ist von den Theologen des Ursprungs, also von Arminius und seinen Freunden, zu Beginn des 17. Jahrhunderts geprägt. „Diesen Re­mon­s­t­ran­ten schwebte eine Kirche vor, die Spielraum für unterschiedliche Auffassungen bietet. Sie lehnten deswegen zwar nicht das Glaubensbekenntnis als solches ab, wohl aber seinen tyrannischen Gebrauch, der der Bibel und dem Gewissen nicht gerecht wird“, heißt es in einer Broschüre der Re­mon­s­t­ran­ten von Mai 1985. Aber allein schon der grundlegende Begriff „remonstrance“, also „Einspruch“ gegen alle Formen von Dogmatismus und blindem Autoritätsglauben zugunsten der Freiheit des Menschen und der Wertschätzung seiner Vernunft, inspiriert immer wieder zu neuen und aktuellen Interpretationen. Insofern befindet sich die Theologie der Re­mon­s­t­ran­ten in ständiger Weiterentwicklung; es gibt sicher so viele Re­mon­s­t­ran­ten Theologien wie es Mitglieder dieser Kirche gibt. Jeder nimmt sich die Freiheit, seine ihm persönlich entsprechende Spiritualität und Theologie innerhalb dieser Kirche zu bilden. Und das ist ganz normal, keine Gnade, kein Sonderrecht!

Kernpunkte sind also:
-Individuell unterschiedliche Überzeugungen werden respektiert
-Vielfalt wird gewünscht
-Es kommt auf das „Wesentliche“ der christlichen Tradition an
-Die Bibel ist Ausdruck des Glaubens von Glaubenden damals
-Die Vernunft heute kann und soll entscheiden, welche biblischen oder dogmatischen Lehren heute noch gültig sind:
Ein Beispiel: Die Bibel ist angeblich gegen Homosexuelle eingestellt. Wenn das so ist, dann können heute Glaubende diese Lehren beiseite lassen und der Vernunft folgen, also z.B. homosexuelle Paare mit dem Segen der Kirche in ihrer Ehe anerkennen und diese fördern und sie den heterosexuellen Ehen gleichstellen. Die Re­mon­s­t­ran­ten waren die ersten, die seit 1987 homosexuelle Paare segnen…
Ähnliches gilt für Frauen als Pastorinnen: Das Paulus Wort „Die Frau hat in der Kirche zu schweigen“, (1 Kor 14, 34f.) hat heute keine Gültigkeit mehr. Dieser Satz kann guten Gewissens ignoriert werden. Bei den Re­mon­s­t­ran­ten gibt es Pfarrerinnen seit 1917.
Ähnliches gilt für Bibelsprüche, die fundamentalistische Kreise zur Rechtfertigung ihrer eigenen Macht verwenden. („Petrus als Fels“, der Papst als Petrus usw).
Es kommt also darauf an, der Vernunft vor bestimmten Bibelstellen den Vorzug zu geben. Die Bibel ist Wort glaubender Menschen einst, sie hatten auch ihre Grenzen, die man anerkennen muss, um in Freiheit neue Antworten zu finden.

Diese freisinnige christliche Überzeugung ist sicher nicht auf die Re­mon­s­t­ran­ten Kirche und andere freisinnige Kirchen begenzt. Im Gegenteil, wer etwa heute in der römisch katholischen Kirche als „Progressiver“ die Allmacht des Papsttums begrenzen will, fordert das, weil er weiß: das Wort von „Petrus als dem Felsen“ bedarf radikal neuer Interpretation. Ähnliches gilt für Protestanten, etwa Lutheraner, die Mühe haben, die Erlösung aufgrund des blutigen Kreuzestodes Jesu zu sehen. Sie haben Mühe, die alte Lehre anzuerkennen, als würde Gott Vater von seinem Sohn das grausige Opfer, den Tod am Kreuz, wünschen. Für so viel göttlichen Sadismus haben sie keinen Sinn mehr. Das bedeutet: Freisinniges Denken ist in der weiten Ökumene heute längst verbreitet. Nur haben diejenigen Katholiken oder Lutheraner, die die oben beschriebenen Positionen vertreten, Mühe, in ihrer eigenen Kirche glücklich und respektiert zu leben.

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